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ISSN 1610-0611
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Informationen zum Schulgesetz

Eine erste Stellungnahme der GEW zu den jetzt vorliegenden Informationen zum Schulgesetz

Mit dem vorliegenden Schulgesetzentwurf zementiert der Mitte-Rechts-Senat seine Bildungspolitik, die in ihrem Kern darauf ausgerichtet ist, die Auslese zu verschärfen, Integration abzubauen und die Bildungschancen für benachteiligte Kinder zu senken. Der neue Schulgesetzentwurf ist geprägt von den überholten bildungstheoretischen Grundannahmen der 50er Jahre. Folglich wird die Auslese verschärft, Integration abgebaut und die Bildungschancen benachteiligter Kinder verschlechtert. Dazu im Einzelnen Beispiele:

1. Berichtszeugnisse
Noten lassen Schüler früh die Erfahrung des Scheiterns erleben, fördern Konkurrenz und Neid. Sämtliche Studien haben nachgewiesen, wie negativ sich dies auf Motivation, Lernatmosphäre und Leistungsbereitschaft auswirkt.

2. Zentralisierte Abschlussprüfungen
Zentralisierung von Prüfungen orientiert auf Abschlüsse und Ergebnisse statt, wie PISA es nahe legt, auf Prozesse und Entwicklung von Lösungs- und Anwendungskompetenz. Es gibt keinerlei Erkenntnis, dass das leistungsfördernder sei. Befürchtung: Die Prüfungen dominieren die Bildungsinhalte. Damit schlägt man lebendige Schule tot – Lernen für den Test.

3. Grundschule – Sprachstandserhebung
Zurückstellung vom Schulbesuch ist ein Skandal. Es ist die zentrale Aufgabe von Schule, für solide Sprachkenntnisse und Sprachentwicklung zu sorgen. Diese Haltung ist extrem kinderfeindlich. Zudem widerspricht sie dem derzeitigen Kampf der PädagogInnen gerade Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern in die Schulen zu bekommen und sie eben nicht zurückzuwerfen auf zum Teil analphabetische Milieus (anregungsarme Milieus). Vorschulen und Kitas müssen qualifiziert werden, um verstärkt die Aufgabe von Sprachentwicklung und Sprachförderung wahrnehmen zu können. Selbiges gilt für die Grundschule. Dazu gehört selbstverständlich eine deutlich gesenkte Klassenfrequenz, wie es überall auch in Europa üblich ist.

4. Mehr Rechte für Lehrer
Dieser Paragraph ist ein Ablenkungsmanöver. Die Politik hat sich viel zu wenig dem Problem gestellt, mit Verhaltensauffälligkeiten und –schwierigkeiten an den Schulen umzugehen. Mehr Disziplinierungsmöglichkeiten bringen eine kurzfristige Erleichterung, lösen aber das Problem nicht und helfen weder Schülern noch Lehrern wirklich. Wir brauchen mehr Fortbildungsangebote, die die Professionalität der Lehrkräfte stärken. Wir brauchen sozialpädagogische und erzieherische Stützungssysteme direkt vor Ort in der Schule, die schnelle Krisenintervention leisten können und die pädagogische Arbeit kontinuierlich begleiten. Völlig kontraproduktiv sind die viel zu großen Klassen und Lerngruppen. Hier müssen deutlich mehr Lehrer an die Schulen, um Entlastung zu bringen.

5. Alle Schulformen ab Klasse 5
Das ist eine Rolle rückwärts in die 50er Jahre. Kein Bildungstheoretiker sieht heute mehr einen Nutzen in früher Ausdifferenzierung. Das ist alles allenfalls noch Thema im Parteiprogramm der CSU. Die zentralen Erkenntnisse von PISA werden hier auf den Kopf gestellt. Die PISA-Wissenschaftler empfehlen einen intelligenten Umgang mit Begabungsvielfalt. Sie kritisieren die viel zu frühe Festlegung auf Bildungswege, weil so nicht alle Bildungspotentiale ausgeschöpft werden können und raten statt stärkerer früherer Auslese zu mehr individueller Lernförderung. Darüber hinaus werden die deutschen Schulen als Pauk-Schulen den Anforderungen für ein zukunftsfähiges Lernen nicht gerecht. Darüber hinaus belegen sowohl LAU als auch PISA, dass der Anspruch, 10jährige Kinder begabungsgerecht einteilen zu wollen, verfehlt wird. Eine zukunftsweisende Bildungspolitik muss es sich zur Aufgabe machen, die Begabungspotentiale aller zu erschließen. Mit dem frühzeitigen Aussortieren werden ja nicht nur Bildungs-, sondern auch Lebenschancen verteilt. Das ist vermessen und zutiefst unsozial.

6. Lernmittelfreiheit
Die Abschaffung der Lernmittelfreiheit trifft vor allem Familien mit niedrigem Einkommen. Für deren Kinder ist es diskriminierend Gutscheine in Empfang zu nehmen. Auf die LehrerInnen kommt die Aufgabe zu, das Einkommen der Eltern zu ermitteln, um dann Gutscheine an die dazu berechtigten Kinder auszugeben. Das ist ein zusätzlicher Aufwand, der zu Lasten wichtiger pädagogischer Aufgaben geht.



Ilona Wilhelm
Pressesprecherin der GEW
Landesverband Hamburg
Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft
Landesverband HamburgNr. 46/2002 vom 1. Oktober 2002


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