Wolfgang Thierse zu Kultur und Politik in der globalisierten Welt
Fragen nach Risiken und Chancen der Globalisierung rückten seit Mitte der 90er Jahre ins Zentrum des wissenschaftlichen und politischen Diskurses. Vor dem 11. September letzten Jahres bezogen sie sich zumeist auf Wirtschaft, Finanzen und Umwelt. Seitdem richtet sich der Blick auch auf die kulturelle Dimension der Globalisierung. In dem Versuch, den Terror zu verstehen (und zu bekämpfen), wurde auf eingängige Interpretationen von Samuel Huntington, Benjamin Barber, Manuel Castells und anderen zurückgegriffen. Das nicht gänzlich falsche - Bild verbreitete sich, im religiös-kulturellen Fundamentalismus die Kehrseite der Globalisierung, der ungehinderten Ausweitung von Märkten, Informationen und kulturellen Mustern des "american-way-of-life", zu sehen.
Verhängnisvoll wäre es jedoch, kulturelle Unterschiede per se mit feindseligem Konflikt gleichzusetzen. Gerade Fragen nach Unterscheidung und Zusammenhang von kultureller Selbstbehauptung einerseits und fundamentalistischer Politisierung kultureller Identität andererseits sind zentral geworden. Im Sinne der Demokratie scheinen mir zwei Präzisierungen sinnvoll:
Erstens besteht unser Politikbegriff nicht nur im Sinne Carl Schmitts aus Kampf und Verfeindung. Gerade in der globalisierten Welt muss Politik auch Verständigungsprozess zwischen Menschen sein, die sich bei aller kultureller Differenz prinzipiell als Gleiche gegenüberstehen. Zweitens stellen die jungen Globalisierungskritiker, wie jüngst auf dem "Europäischen Sozialforum in Florenz", die richtigen Fragen. Doch bei aller Sympathie: Falsch wäre es, den Weltmarkt mit der kulturellen "McWorld" gleichzusetzen, daraus kann nur eine Haltung grundsätzlichen Widerstands folgen. Wer gestalten will, wer Handlungsorientierung sucht, braucht die differenzierte Betrachtung, geht es doch um eine Reformperspektive für soziale, politische und ökologische Rahmenbedingungen, die den Weltmarkt zu bändigen vermögen.
Aus der facettenreichen Debatte um Kultur und deren Politisierung im Zeitalter der Globalisierung können hier nur ein paar Aspekte herausgegriffen werden: Gewachsen scheint die Differenz zwischen unseren fortgeschrittenen Industriegesellschaften, in denen der kulturelle Austausch (Film, Musik, Literatur, bildende Kunst, auch Mode, Kulinarisches, Folkloristisches, Tourismus) eher als Bereicherung empfunden werden kann und andererseits den Entwicklungsgesellschaften, in denen der kulturelle Außeneinfluss der technologisch, ökonomisch und medial überlegenen (nach einem Wort von Dieter Senghaas:) "OECD-Welt" oft als Angriff auf die brüchig gewordene eigene Identität verstanden wird.
Interkultureller Dialog statt Kulturkämpfe: Dies wird nur funktionieren, wenn wir nicht von der Fiktion homogener Nationalkulturen ausgehen, sondern begreifen, dass Kulturen immer Vermischungen im Fluss sind. In allen Kulturen gibt es Vertreter der unterschiedlichsten Strömungen eben von (extremen) Fundamentalisten, die Kultur und besonders Religion für politische Macht funktionalisieren, über viele Mischformen und Synthesen zwischen überkommener Kultur und modernen Einflüssen bis hin zu den wirklich Toleranten, den Demokraten, Modernisierern, Aufklärern und Säkularisierern. Wie und zu welcher Seite hin kollektive Lernprozesse gefördert werden, darum geht es.
Internationalisierungsprozesse der Künste, die es schon länger gibt der schöne, gar nicht so neue Begriff "Weltliteratur" verweist hierauf , beschleunigen sich unter den Bedingungen globaler Finanz- und Warenmärkte, zunehmender Migration und der weltweiten medialen Vernetzung und erfassen gerade Alltagskultur und Kulturindustrie. Zwei Phänomene sind hierbei besonders interessant:
Erstens die neue Qualität von Kombination und Durchmischung, von Multikulturalität und "Crossover", nicht nur in der Popmusik, auch in Film, Malerei, Theater, Literatur. Zweitens ist die Angleichung von Bilderwelten, Popkultur, Konsumästhetik nur die eine Seite. Sie geht einher mit Prozessen der Rückbesinnung auf lokale, regionale, werttraditionale Gewohnheiten. Dieser Ambivalenz kultureller Prozesse, für die Roland Robertson das Kunstwort "Glokalisierung" prägte, nachzugehen, scheint mir eine der großartigsten Aufgaben des gegenwärtigen Diskurses.
Weltweit gilt: Kunst und Kultur sind immer auch Erfahrungsräume für den Menschen jenseits seiner beiden marktgerechten Rollen als Arbeitskraft und Konsument. In Kultur drückt sich auch der Wunsch nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmung aus. Gerade in der beschleunigten, durchrationalisierten, flexibilisierten, weitgehend Profit-gesteuerten und Waren-dominierten Welt werden Kunst und Kultur gebraucht: als Gegengewichte, als Freiräume, als ästhetische Reflexion, als kreative Phantasie, ja auch als Ort von Kritik. Kulturelle Entfaltung und Zivilgesellschaft hängen aufs Engste zusammen. Es geht damit um mehr als Kulturpolitik im engeren Sinne. Die Hoffnung einer kooperativen, friedlichen menschen- und kulturverträglichen Welt wird sich nur erfüllen, wenn der ökonomischen Globalisierung die kulturellen, religiösen, zivilisatorischen Bedingungen beigebracht werden. In allen Bereichen der Innen- und Außenpolitik haben die Prinzipien gleichberechtigter Zusammenarbeit, Respekt vor unterschiedlichen Kulturen und Lebensformen, gemeinsamer Orientierung an universalen Menschenrechten zu gelten.
In der aktuellen Ausgabe von "politik und kultur", der Zeitung des Deutschen Kulturrates, erschien unter dem Titel "Interkultureller Dialog. Kultur und Politik in der globalisierten Welt" dieser Beitrag des Vorsitzenden des Kulturforums der Sozialdemokratie und stellvertretenden Parteivorsitzenden, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse.
SPD-Pressestelle Berlin, den 26. November 2002 507/02
|