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ISSN 1610-0611
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Kultur und Politik in der globalisierten Welt

Wolfgang Thierse zu Kultur und Politik in der globalisierten Welt

Fragen nach Risiken und Chancen der Globalisierung rückten seit Mitte
der 90er Jahre ins Zentrum des wissenschaftlichen und politischen
Diskurses. Vor dem 11. September letzten Jahres bezogen sie sich
zumeist auf Wirtschaft, Finanzen und Umwelt. Seitdem richtet sich der
Blick auch auf die kulturelle Dimension der Globalisierung. In dem
Versuch, den Terror zu verstehen (und zu bekämpfen), wurde auf
eingängige Interpretationen von Samuel Huntington, Benjamin Barber,
Manuel Castells und anderen zurückgegriffen.
Das nicht gänzlich falsche - Bild verbreitete sich, im
religiös-kulturellen Fundamentalismus die Kehrseite der
Globalisierung, der ungehinderten Ausweitung von Märkten,
Informationen und kulturellen Mustern des "american-way-of-life", zu
sehen.

Verhängnisvoll wäre es jedoch, kulturelle Unterschiede per se mit
feindseligem Konflikt gleichzusetzen. Gerade Fragen nach
Unterscheidung und Zusammenhang von kultureller Selbstbehauptung
einerseits und fundamentalistischer Politisierung kultureller
Identität andererseits sind zentral geworden. Im Sinne der Demokratie
scheinen mir zwei Präzisierungen sinnvoll:

Erstens besteht unser Politikbegriff nicht nur im Sinne Carl Schmitts
aus Kampf und Verfeindung. Gerade in der globalisierten Welt muss
Politik auch Verständigungsprozess zwischen Menschen sein, die sich
bei aller kultureller Differenz prinzipiell als Gleiche
gegenüberstehen. Zweitens stellen die jungen Globalisierungskritiker,
wie jüngst auf dem "Europäischen Sozialforum in Florenz", die
richtigen Fragen. Doch bei aller Sympathie: Falsch wäre es, den
Weltmarkt mit der kulturellen "McWorld" gleichzusetzen, daraus kann
nur eine Haltung grundsätzlichen Widerstands folgen. Wer gestalten
will, wer Handlungsorientierung sucht, braucht die differenzierte
Betrachtung, geht es doch um eine Reformperspektive für soziale,
politische und ökologische Rahmenbedingungen, die den Weltmarkt zu
bändigen vermögen.

Aus der facettenreichen Debatte um Kultur und deren Politisierung im
Zeitalter der Globalisierung können hier nur ein paar Aspekte
herausgegriffen werden:
Gewachsen scheint die Differenz zwischen unseren fortgeschrittenen
Industriegesellschaften, in denen der kulturelle Austausch (Film,
Musik, Literatur,
bildende Kunst, auch Mode, Kulinarisches, Folkloristisches, Tourismus)
eher als Bereicherung empfunden werden kann und andererseits den
Entwicklungsgesellschaften, in denen der kulturelle Außeneinfluss der
technologisch, ökonomisch und medial überlegenen (nach einem Wort von
Dieter Senghaas:) "OECD-Welt" oft als Angriff auf die brüchig
gewordene eigene Identität verstanden wird.

Interkultureller Dialog statt Kulturkämpfe: Dies wird nur
funktionieren, wenn wir nicht von der Fiktion homogener
Nationalkulturen ausgehen, sondern begreifen, dass Kulturen immer
Vermischungen im Fluss sind. In allen Kulturen gibt es Vertreter der
unterschiedlichsten Strömungen eben von (extremen) Fundamentalisten,
die Kultur und besonders Religion für politische Macht
funktionalisieren, über viele Mischformen und Synthesen zwischen
überkommener Kultur und modernen Einflüssen bis hin zu den wirklich
Toleranten, den Demokraten, Modernisierern, Aufklärern und
Säkularisierern. Wie und zu welcher Seite hin kollektive Lernprozesse
gefördert werden, darum geht es.

Internationalisierungsprozesse der Künste, die es schon länger gibt
der schöne, gar nicht so neue Begriff "Weltliteratur" verweist
hierauf , beschleunigen sich unter den Bedingungen globaler Finanz-
und Warenmärkte, zunehmender Migration und der weltweiten medialen
Vernetzung und erfassen gerade Alltagskultur und Kulturindustrie. Zwei
Phänomene sind hierbei besonders interessant:

Erstens die neue Qualität von Kombination und Durchmischung, von
Multikulturalität und "Crossover", nicht nur in der Popmusik, auch
in Film, Malerei, Theater, Literatur. Zweitens ist die Angleichung von
Bilderwelten, Popkultur, Konsumästhetik nur die eine Seite. Sie geht
einher mit Prozessen der Rückbesinnung auf lokale, regionale,
werttraditionale Gewohnheiten. Dieser Ambivalenz kultureller Prozesse,
für die Roland Robertson das Kunstwort "Glokalisierung" prägte,
nachzugehen, scheint mir eine der großartigsten Aufgaben des
gegenwärtigen Diskurses.

Weltweit gilt: Kunst und Kultur sind immer auch Erfahrungsräume für
den Menschen jenseits seiner beiden marktgerechten Rollen als
Arbeitskraft und Konsument. In Kultur drückt sich auch der Wunsch nach
Unabhängigkeit und Selbstbestimmung aus. Gerade in der beschleunigten,
durchrationalisierten, flexibilisierten, weitgehend Profit-gesteuerten
und Waren-dominierten Welt werden Kunst und Kultur gebraucht: als
Gegengewichte, als Freiräume, als ästhetische Reflexion, als kreative
Phantasie, ja auch als Ort von Kritik. Kulturelle Entfaltung und
Zivilgesellschaft hängen aufs Engste zusammen.
Es geht damit um mehr als Kulturpolitik im engeren Sinne. Die Hoffnung
einer kooperativen, friedlichen menschen- und kulturverträglichen Welt
wird sich nur erfüllen, wenn der ökonomischen Globalisierung die
kulturellen, religiösen, zivilisatorischen Bedingungen beigebracht
werden. In allen Bereichen der Innen- und Außenpolitik haben die
Prinzipien gleichberechtigter Zusammenarbeit, Respekt vor
unterschiedlichen Kulturen und Lebensformen, gemeinsamer Orientierung
an universalen Menschenrechten zu gelten.



In der aktuellen Ausgabe von "politik und kultur", der Zeitung des
Deutschen Kulturrates, erschien unter dem Titel "Interkultureller
Dialog. Kultur und Politik in der globalisierten Welt" dieser Beitrag
des Vorsitzenden des Kulturforums der Sozialdemokratie und
stellvertretenden Parteivorsitzenden, Bundestagspräsident Wolfgang
Thierse.



SPD-Pressestelle
Berlin, den 26. November 2002 507/02


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