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Fundraising-Instrument Stiftungen
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Rezension. Martin u.a.: Fundraising-Instrument Stiftungen
Jörg Martin / Frank Wiedemeier / Ulrike Hesse: Fundraising-Instrument Stiftungen. Die neuen Möglichkeiten für soziale Dienstleister, Regensburg/Berlin (Walhalla Fachverlag) 2002, ISBN 3-8029-7458-1, 24,95 Euro
Im Zuge der Erbschaftswelle in Deutschland sind gegenwärtig viele Non-Profit-Organisationen dabei, ihr Erbschaftsfundraising zu professionalisieren. Schätzungen zufolge sind es 125 Milliarden Euro, die jährlich von einer Generation auf die nächste übertragen werden, und wenn nur vier Prozent des vererbten Vermögens in den nächsten zehn Jahren gemeinnützigen Zwecken zugeführt würde, ließe sich das derzeitige Stiftungskapital in Deutschland von ca. 50 Milliarden Euro verdoppeln. Vor diesem Hintergrund haben die drei Autoren Jörg Martin, Frank Wiedemeier und Ulrike Hesse einen gut 180 Seiten umfassenden Ratgeber verfasst, der die Finanzierung des Dritten Sektors in Deutschland noch einmal vor Augen führt, daran anschließend Grundlagen des Fundraising benennt und schließlich und vor allem die Stiftung als Fundraising-Instrument vorstellt. Das dritte Kapitel ist das Herzstück des Buches und auch derjenige Teil, in dem die Kompetenzen der Autoren alle drei tätig als geschäftsführende Gesellschafter oder Projektleiter in einer Stiftungsagentur am deutlichsten zu Tage treten. Die ersten Kapitel wirken deshalb fast wie ein Präludium auf dem Weg zum „Eigentlichen“ und bieten auch streng genommen nichts Neues.
Zu den einzelnen Kapiteln: Man bekommt zunächst noch einmal kompakt und sehr flüssig die Säulen des deutschen Sozialstaats in seiner Genese und Geltung vorgeführt, auch die Struktur des Dritten Sektors inklusive der Rolle der Kirchen und den Herausforderungen, vor denen dieses Segment der zivilen Gesellschaft momentan steht. Unklar ist, warum die Autoren den Begriff „Sozialsystem“ wählen, um die Wirklichkeit des gemeinnützigen Sektors in Deutschland zu beschreiben. Und so hilfreich auch der Abriss zur Geschichte der Sozialfürsorge sein mag, so sehr ist es doch ein Einengung, weil die Bereiche Bildung, Wissenschaft, Kunst, Kultur und Sport sich weder in ihrem Selbstverständnis noch in der Außenwahrnehmung als Teil des „Sozialsystems“ subsumieren lassen. Die Zielrichtung der Autoren an diesem Punkt ist klar: Es sollte vorweg ein Überblickswissen geboten werden, wie sich der Dritte Sektor herausgebildet und strukturiert hat. Nur wurde in der Terminologie übersehen, dass zu eben diesem Dritten Sektor mehr gehört als das, was durch Sozialleistungen erbracht und kompensiert wird.
Das Kapitel 2 ist eine ausführlichere, ca. 70 Seiten umfassende Einführung ins Fundraising. Die Ausführungen sind knapp und auf den Punkt gebracht; aufgelockert wird der Text durch kurze Interviews, Checklisten, Schautafeln, Beispielen und Praxis-Tipps. Das Kapitel ist gelungen, auch wenn man sich wünscht, dass die Autoren ein Statement eines ihrer Interview-Partner, Tyark Thumann, mehr beherzigt hätten, der die Konzentration auf das allokative Kapitel im Fundraising zurecht! kritisiert. Spenderinnen und Förderer werden tatsächlich nur da gewonnen, wo eine Identifikation mit dem Projekt stattfindet; vor allem aber: künftig ausschlaggebend sind Formen der Spenderbindung und des Beschwerdemanagements ein Gesichtspunkt, der bei den Autoren nahezu in den Hintergrund tritt. Auch wird man vermutlich heute kaum noch das Thema Database in der Weise im Text „verstecken“ können, wie der vorliegende Band dies tut, weil eine funktionsfähige Database inzwischen alle Bereiche und Instrumente des Fundraising durchdringt und schon jetzt oft genug über Professionalität, Erfolg und Misserfolg des Fundraising entscheidet. In der Fundraising-Praxis sind zudem Methoden des Controlling als Erfolgsfaktor nicht mehr wegzudenken; auch hier müsste eine zweite Auflage nachbessern. Kleinigkeiten: Im Kapitel zum Spendenmarkt ist die Reduktion auf die Auskünfte des DZI unglücklich, da sowohl die jährliche Emnid-Umfrage als auch die anhaltend aktualisierte Studie von Michael Urselmann wichtige Daten und Informationen aufbereiten. Der Abschnitt über die Spenderprofile ist in dieser Vorlage unzureichend; längst schon arbeitet die Fundraising-Szene mit Ergebnissen der Sinus-Studie, der AWA und den Typologien im Anschluss an Judith Nichols.
Die drei Autoren verzichten durchgängig auf Referenzautoren und Sekundärliteratur. So ist beispielsweise der Abschnitt über das Spendenwesen in der Vergangenheit (S. 36 ff.) stark in Aufriss, Epocheneinteilung und Inhalt am Artikel von Klaus Neuhoff im Handbuch Fundraising orientiert. Wenn es die Vorgabe des Verlages war, auf Fußnoten o.ä. zu verzichten, leistet er damit dem Stille-Post-Phänomen in der Fachliteratur Vorschub; war es die Entscheidung der Autoren, ist es schlicht unseriös. Warum wird im Literaturverzeichnis sogar gänzlich auf die Nennung von Standardwerken zum Fundraising (Handbücher wie die von Haibach, Urselmann und das der Fundraising Akademie) verzichtet, obwohl der vorliegende Text gerade im Blick auf die Tools die Ausführungen der Handbücher reproduziert oder verdoppelt. Freilich: Der Lektüre und dem Informationsgewinn „neuer“ Leser tut dies keinen Abbruch.
Im dritten Kapitel des Buches dann entfalten die Autoren ihre eigentliche Kompetenz. Die „Stiftung als Fundraising-Instrument“ lautet das Thema, und die Leser werden eingeführt in aktuelle Trends, die Struktur einer Stiftung, das Prozedere der Stiftungsgründung, selbstständige und unselbständige Stiftungen, den Nutzen für die NGO und schließlich die unterschiedlichen Stiftungskonstruktionen. Man erfährt alles, was man wissen muss, und das macht das Buch in seiner Prägnanz so wertvoll. Für Stiftungsexperten ist es nicht geschrieben; doch für diejenigen, die mit der Gründung und Etablierung einer Stiftung im operativen Geschäft betraut sind, ist die Lektüre ein Gewinn. Für eine Neuauflage wäre zu überlegen, ob der Bereich der kirchlichen Stiftungen nicht ausführlicher behandelt werden sollte, weil in diesem Bereich vor allem in Bayern und Hannover ein wahrer Stiftungsboom zurzeit vonstatten geht. Ein kritischeres Wort hätte man sich im Blick auf die vielen Stiftungen gewünscht, die zurzeit mit einem Kapital von „nur“ 50.000 Euro gegründet werden und damit weder ihre Förderzwecke angemessen berücksichtigen können, noch über ausreichende Kapazitäten verfügen, ein solides Fundraising aufzubauen.
Summa: Das Buch ist empfehlenswert; es vermittelt in großer Geschwindigkeit brauchbares Überblickswissen. Bei einer Neuauflage sollte das erste Kapitel stark überarbeitet werden; im Fundraising-Kapitel wäre weniger mehr; der Verzicht auf Referenzen trübt die Glaubwürdigkeit von Autoren und Verlag. Das dritte, „eigentliche“ Kapitel ist ganz eindeutig die Stärke des Bandes. Warum ist das Buch eigentlich so teuer, fragt sich am Ende der Rezensent. Denn fünfundzwanzig Euro für 180 Seiten sind ein stolzer Preis. Ob er gerechtfertigt ist, mag der Markt entscheiden.
Dr. Thomas Kreuzer Fundraising Akademie www.fundraisingakademie.de
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