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Kein Zeuge darf überleben
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Bis zu einer Million Menschen wurden 1994 in dem kleinen zentralafrikanischen Land Ruanda innerhalb weniger Monate getötet - und die Welt sah zu. Der Völkermord in Ruanda war nicht nur einer der schrecklichsten des Jahrhunderts, er gilt auch als ein beschämendes Beispiel für das Versagen internationaler Friedens- und Menschenrechtspolitik.
Heute versucht Ruanda, aus dem Schatten des Genozids herauszutreten. Der Krieg mit den aus dem Völkermord übriggebliebenen Hutu-Milizen in der Demokratischen Republik Kongo ist offiziell beendet; die Einrichtung von kommunalen Laiengerichten, den sogenannten "Gacaca", in allen ruandischen Gemeinden soll die überfüllten Gefängnisse leeren und die juristische Aufarbeitung der Massaker abschließen; eine neue Verfassung und allgemeine Wahlen im Jahr 2003 sollen Ruandas Politik neu ordnen. Ruanda will das Kapitel Völkermord abschließen und sich den Herausforderungen der Zukunft zuwenden.
Doch die Bewältigung der Vergangenheit istnoch lange nicht abgeschlossen. Der Genozid war kein spontaner Ausbruch kollektiver Wut oder ethnischer Spannungen. Er war das Kalkül einer kleinen, modernen Elite, die ihren Machterhalt durch die wachsende Opposition in Ruanda gefährdet sah. Sie versuchte, sich ihrer Gegner durch Massenmord zu entledigen. Dabei konnte sie auf die Unterstützung von Militär und Nationalpolizei ebenso zählen wie auf regionale Behörden, Medien, Intellektuelle und Geistliche.
Die politische Kultur Ruandas hat dies noch nicht abschließend selbstkritisch verarbeitet. Auch internationale Akteure hatten ihren Anteil am Völkermord in Ruanda: Frankreich, Belgien und die Vereinigten Staaten wußten ebenso wie die Vereinten Nationen von den Vorbereitungen für die Massaker. Ein entschlossenes gemeinsames Vorgehen auf politischer oder militärischer Ebene hätte das Blutvergießen höchstwahrscheinlich verhindern oder zumindest schnell beenden können. Viele dieser Hintergründe sind immer noch unklar.
Dies lastet auf den internationalen Bemühungen,das Afrika der Großen Seen zu befrieden. In jahrelanger akribischer Arbeit hat Alison Des Forges von der amerikanischen Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, Akten aufgearbeitet und Opfer, Täter und "Zuschauer" interviewt. Ihr Buch ist jetzt auch in deutscher Übersetzung erschienen. Die Gäste dieses Jour Fixe diskutieren die Perspektiven Ruandas und erörtern am Beispiel Ruandas die Möglichkeiten und Grenzen internationalerMenschenrechtspolitik.
Das Buch "Kein Zeuge darf überleben. Der Genozid in Ruanda" von Alison Des Forges ist im Oktober 2002 in der Hamburger Edition erschienen und kostet Euro 40,-. ---
Heinrich-Boell-Stiftung, Presse- und Oeffentlichkeitsarbeit, Hackesche Hoefe, Rosenthaler Str. 40/41, 10178 Berlin; Email PresseBoellStiftung@boell.de, Internet www.boell.de
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