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Rez. Conradi: Take Care.
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R E Z . C O N R A D I : T A K E C A R E .
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Grundlagen einer Ethik der Achtsamkeit
Elisabeth Conradi, Take Care. Grundlagen einer Ethik der Achtsamkeit, Frankfurt/New York (campus) 2001, kt., 261 S., ISBN 3-593-367-2, 21,50 Euro.
Mit einer gehörigen Portion Chuzpe legt sich Elisabeth Conradi in ihrer Baseler Dissertation mit den 'Granden' ihrer Zunft an. Nicht nur, dass sie gleich zu Beginn den ethischen Großtheorien von Kant, Rawls und Habermas den Kampf ansagt; auch viele bekannte Protagonistinnen der neueren feministischen Ethik fordert sie furchtlos und offensiv in den Ring. Sie legt sich nicht nur mit deontologischer Pflichtenethik, individualistischer Vertragstheorie und rational-argumentativer Diskursethik, sondern auch mit feministischen Ansätzen einer Prinzipienethik an, wie sie etwa von Seyla Benhabib und anderen vertreten wird. Ihnen allen will sie nicht weniger als "eine neue Form von Ethik" gegenüberstellen, die "den Rahmen herkömmlicher Ethik" (S. 233) überwindet und "das Verständnis von Moral grundlegend verändert" (S. 234).
'not to turn away from someone in need' (Carol Gilligan); so lautet eine der bekannten Maximen feministischer Ethik, die seit den 80er Jahren eine besondere Aufmerksamkeit reklamiert für das so genannte Care-Motiv, d.h. für die traditionell vor allem von Frauen ausgeübte Praxis sorgender Zuwendung zu anderen. In diesem Kontext geht es Conradi - gegenläufig zur "mangelnden gesellschaftlichen Wertschätzung der Praxis Care" (S. 21) um eine neu zu konzipierende 'Ethik der Achtsamkeit', die nicht theoretisch-abstrakt, deduktiv und prinzipiengeleitet auftritt, sondern aus der intersubjektiven Praxis menschlicher Fürsorge-Aktivitäten entsteht. Care ist für Conradi deshalb auch keine individuelle Tugend(forderung) und kein ethisches Prinzip, sondern eine moralgenerierende menschliche Handlungspraxis, "eine Praxis der Achtsamkeit und Bezogenheit, die Selbstsorge und kleine Gesten der Aufmerksamkeit ebenso umfasst wie pflegende und versorgende menschliche Interaktionen sowie kollektive Aktivitäten" (S. 13). Sie konstituiert sich vor allem aus konkreten face-to-face- und body-to-body-Interaktionen zwischen care-givern und care-receivern; sie ist häufig nonverbal und asymmetrisch; und sie ereignet sich in einem Geflecht aus Fühlen, Denken und Handeln zwischen unterschiedlich autonomen Subjekten.
Vor diesem Hintergrund kritisiert Conradi nahezu sämtliche Basisannahmen der 'bisherigen' neuzeitlichen Ethik, da diese im Kern auf individualistischen Konzeptionen eines 'bindungslosen Subjekts' und einer künstlichen Trennung von Theorie und Praxis, von Vernunft und Sinnlichkeit beruhen, mit Urzustandsfiktionen, Gleichheitsunterstellungen, Reziprozitätsprinzipien, Verallgemeinungsverfahren, abstraktem Perspektiventausch, rationalem Diskurs etc. arbeiten und auf einer theoretisch-abstrakten Differenzierung bestehen zwischen einer für alle verpflichtenden Minimalmoral als 'Rechtspflicht' und einer darüber hinausgehenden, nicht erzwingbaren surplus-Moral individueller 'Liebespflichten' bzw. nicht verpflichtender altruistischer 'Wohltätigkeit'. Diese mainstream-Ethiken führen für Conradi schon theoriearchitektonisch "zu einer Marginalisierung von Care" (S. 63). Sie klammen "die Bedürftigkeit von Subjekten und ihre Einbindung in versorgende Interaktionen" (S. 87) systematisch aus und können deshalb auch nur einen "verengten Begriff der Moral" (S. 123) entwickeln.
Gegenläufig dazu zielt Conradis 'eigene feministische Care-Ethik' (vgl. S. 190) nicht nur auf "einen Ausweg aus individualistischen Konzeptionen der Ethik" (S. 219), sondern auch auf "einen grundsätzlich neuen Ansatz" (S. 218). Conradi will "ein neues Verständnis von Moral, eine andere Auffassung von Reziprozität sowie einen Begriff der Interrelationalität" (S. 181) als Alternative zu den bisher dominierenden Kategorien des unabhängigen Individuums, des diskursiv reflektierten Konsenses und des prinzipiengeleiteten, auf Generalisierungen zielenden Denkens ins Spiel bringen. Sie betont "den relationalen Aspekt auch der Subjektivität", die "Wichtigkeit asymmetrischer und nicht-reziproker Praxis" (S. 175) und die zentrale "Einsicht in die grundlegende Angewiesenheit von Menschen aufeinander" (S. 178). Und sie plädiert dafür, "dass an Care-Interaktionen Beteiligte einander und sich selbst als kompetent Urteilende und Handelnde im Care-Prozeß wahrnehmen" (S. 209), diese Praxis zum Ausgangspunkt der Ethik erheben und damit den Weg bahnen für "eine neue Beschreibung und Konzeption des faktischen moralischen Urteilens und Handelns" (S. 197).
Conradi will die bisherigen mainstream-Ethiken also nicht etwa produktiv irritieren, um bei ihren notwendige Suchbewegungen im Sinne von Korrekturen, Ergänzungen oder Umakzentuierungen in ihren abstrakt-universalistischen Grundlagen anzuregen; sie will sie vielmehr vollständig überwinden. Deshalb verzichtet sie auch darauf, ihre Vorstellungen zu einer Care-Ethik anders als etwa Seyla Benhabib, Herlinde Pauer-Studer, Hertha Nagl-Docekal und Axel Honneth in eine irgendwie geartete unparteiliche Prinzipienmoral bzw. eine entsprechende Gerechtigkeitstheorie einzubetten, "um Gefühle zu kontrollieren" (S. 111). Eine 'unabhängige' moralische Prüfinstanz, mit deren Hilfe man die 'Richtigkeit' von in der Care-Praxis entstandenen Moralimpulsen kritisch beurteilen könnte, hält Conradi offensichtlich für überflüssig. Sie ist vielmehr davon überzeugt, dass in und aus der Praxis Care moralische Probleme nicht nur wahrgenommen werden, sondern dass auch "deren 'Lösung' innerhalb der Praxis ausfindig zu machen" (S. 232) sei, "was auch bedeuten kann, dass eine Entscheidung nicht verallgemeinerbar ist" (S. 216).
Allerdings reflektiert Conradi hier nicht mehr die Frage, warum denn die von ihr so scharf attackierte 'konventionelle Prinzipienmoral' historisch und politisch so erfolgreich ist und warum sie sich im europäischen Modernisierungsprozess genau so entwickelt hat, dass sie heute wenig konkret, wenig care-sensibel, dafür aber betont prinzipiell und verallgemeinerungsfähig auftritt. Zwar wird hier ein ideologiekritischer Blick auf die 'hyperbolisch maskulin-kapitalistische' (Nancy Fraser/Linda Gordon; vgl. S. 143) Illusion des bürgerlichen Zeitalters mit seiner Fiktion vom 'autonomen' besitzindividualistischen Privatbürger sicherlich wertvolle Einsichten zu Tage fördern können; dies allein dürfte aber kaum ausreichen, um die mainstream- Ethiken der 'konventionellen Prinzipienmoral' mit ihrer spezifischen Leistungsfähigkeit wirklich überwinden zu können. Denn schließlich dürfte unstrittig sein, dass sich reale gesellschaftliche Konfliktlagen, etwa ökonomisch-materielle Verteilungskonflikte oder weltanschaulich-kulturelle 'Wahrheits'-kämpfe nicht allein mit dem Verweis auf die Praxis Care bearbeiten lassen. Dies wird Conradi auch nicht behaupten wollen; allerdings fehlt in ihrem schmalen Band jeder Hinweis darauf, wie denn nicht-carespezifischen moralischen Problemen und Konflikten beizukommen sein könnte. Wer aber mit dem Anspruch auftritt, alternativ zu den 'bisherigen' Ethikkonzepten einen 'grundsätzlich neuen Ansatz' entfalten zu wollen, wird dieser Frage nicht einfach ausweichen können. Genau das aber wird man Conradi zumindest beim hier präsentierten Stand der Ausarbeitung ihrer 'Achtsamkeitsethik' vorwerfen müssen.
Die besondere Stärke dieses Bandes liegt in dem sehr klaren und knappen, die Probleme der 'konventionellen Prinzipienmoral' prägnant aufspießenden Darstellungsstil. Allein dadurch wird das Buch zu einer wertvollen Einführung in Problemfelder und Diskussionslagen der feministischen Ethik, denn es eröffnet einen scharfen Blick auf die 'blinden Flecken' und die 'unterbelichteten Problemzonen' der herrschenden Ethikdiskurse von deontologischer Prinzipienmoral, individualistischer Vertragstheorie und diskursethischer Orientierung am 'zwanglosen Zwang des besseren Arguments' (Habermas). Außerdem provoziert das dem Werk vorangestellte Brecht-Zitat ('Anstatt nur gütig zu sein, bemüht euch /Einen Zustand zu schaffen, der die Güte ermöglicht, und besser:/ Sie überflüssig macht!') den Leser dazu, über den Tellerrand der moraltheoretischen Binnendiskurse hinauszublicken und sich auf die sozialwissenschaftliche Frage einzulassen, wie es denn in den modernen Gesellschaften um die Organisationen und Formen, die Chancen und Potentiale, aber auch um die Gefahren einer gesellschaftlichen 'Institutionalisierung der Praxis Care' bestellt ist. Vielleicht liegt hier ein breites und bisher noch zu wenig bearbeitetes Feld für Theoriebemühungen, die neben feministischer Moraltheorie und Metaethik auch eine feministische Institutionentheorie bzw. ethik anvisieren könnte.
Dr. Hermann-Josef Große Kracht Institut für Christliche Sozialwissenschaften, Universität Münster
HUMANITIES - DRITTER SEKTOR http://www.dritter-sektor.de mailto:H-DRITTER-SEKTOR@H-NET.MSU.EDU
Redaktion: dritter-sektor.de
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