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ARD: Desintegration pur !
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Desintegration pur: Die ARD stellt ihre Hörfunkprogramme für Migranten ein
„Während die neue Bundesregierung vom ‚Jahrzehnt der Integration‘ spricht, beginnt bei öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten eine Epoche der Desintegration. Es ist verantwortungslos, dass nach der Kündigung der Gemeinschaftsaufgabe ‚Ausländerprogramme‘ durch den SWR auch andere ARD-Anstalten nachziehen. Das ist Desintegration pur“ – so Jürgen Micksch, Vorsitzender des Interkulturellen Rates.
Auf der Tagesordnung der ARD-Intendanten Ende November steht die Auflösung der täglichen Sendungen in den Muttersprachen der Zuwanderer aus der Türkei, Ex-Jugoslawien, Italien, Griechenland, Spanien, Polen und Russland. Sie waren Mitte der sechziger Jahre eingerichtet, Ende der neunziger weiterentwickelt worden und sollen nun als ARD-Angebot ersatzlos gestrichen werden.
Der WDR ist zwar entschlossen, das mehrsprachige Vollprogramm „Funkhaus Europa“ in seinem Sendegebiet weiter auszustrahlen. SFB Radio-Multikulti will in Berlin auch rund um die Uhr weitermachen. Aber beiden multikulturellen Programmen werden bald die Mittel fehlen, die ihnen bisher aus den anderen Rundfunkanstalten zur Finanzierung der muttersprachlichen Sendungen zugeflossen sind. Die Situation ist besonders dramatisch beim Bayerischen Rundfunk, der seine italienische, spanische und griechische Redaktion zum 1.1.2003 auflösen will.
„Der gebührenfinanzierte öffentlich-rechtliche Rundfunk darf sich nicht einfach aus der Verantwortung ziehen, die Grundversorgung der hier lebenden Migranten zu sichern. Einwanderer sind auch Gebührenzahler und haben als solche einen Anspruch auf Medienangebote, die ihre Lebenssituation berücksichtigen“ fordert Jürgen Micksch. Zielgruppensendungen haben nach wie vor eine große Bedeutung für Migranten und ihre Familien, wie die jüngsten repräsentativen Studien des Bundespresseamtes und des WDR beweisen. Danach erreichen Programme, die sich in Deutsch und in der jeweiligen Muttersprache an die Zugewanderten richten, die höchste Akzeptanz. Jeder fünfte Hörer mit einem ausländischen Hintergrund hört in NRW regelmäßig „Funkhaus Europa“, das interkulturelle Programm des WDR, das sowohl in Deutsch als auch in den Muttersprachen der Migranten sendet.
Der Interkulturelle Rat hält die ersatzlose Streichung dieser ARD-Sendungen für Migranten und Migrantinnen für medienpolitisch unbegreiflich und für gesellschaftspolitisch gefährlich. Dadurch wird nicht nur die einzige Form der medialen Grundversorgung von Zugewanderten zunichte gemacht, sondern gleichzeitig die Zuwendung der Migranten zu ihren Heimatsendern gefördert. Jürgen Micksch: „Dies hat verheerende Folgen für die Integration, weil das Gefühl der Einwanderer verstärkt wird, von den bundesdeutschen Institutionen ignoriert zu werden. Dadurch werden Nebengesellschaften produziert, die wir vermeiden sollten“.
Ein gebührenfinanzierter Rundfunk bezieht einen Teil seiner Legitimation auch aus der zeitgemäßen Erfüllung seiner Integrationsaufgabe.
Der Interkulturelle Rat fordert daher die ARD auf, zu ihrer medienpolitischen Verantwortung zu stehen und die vorhandenen Ressourcen an Finanzmitteln und Stellen im Dienste einer Weiterentwicklung der medialen Versorgung von Einwanderern einzusetzen.
Der bundesweite Ausbau eines interkulturellen Vollprogramms wie das „Funkhaus Europa“ kann der erste Schritt auf diesem Weg sein. Zielgruppenangebote, die der Entwicklung der Einwanderungsgesellschaft Rechnung tragen, sollten auch im Fernsehen produziert werden. So sollte der Zugang von Journalisten mit ausländischem Hintergrund in die Redaktionen von Mainstreamprogrammen ebenfalls als vorrangiges Ziel verfolgt werden.
Interkultureller Rat in Deutschland e.V. 23. Oktober 2002
Katja Schubert
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