Titel Hamburg Initiativen Hamburg-Termine Inland International Magazin Archiv Suchen
Inland:
Inland


Themen:
Bürger- und Zivilgesellschaft
  SeniorInnen
  Castor
Bildung • Schule • Beruf
Kinder u. Jugend
Datenschutz
Kultur
  Literatur
  Film
Mensch & Tier
Soziales • Gesundheit • Miteinander
Menschen- u. Bürgerrecht • Asyl
Gewerkschaften
Report
Umwelt & Natur
Verbraucher
  Trans Fair
Wirtschaft
Presse- u. Informationsfreiheit


Service:
Impressum
ISSN 1610-0611
Information
Intern
Newsletter
Archiv


Strafverfahren gegen Marie eingestellt

Strafverfahren gegen Marie eingestellt

Das Strafverfahren gegen Marie wegen der CASTOR-Blockade im März 2001 wird
eingestellt, wenn sie 50 gemeinnützige Arbeitsstunden in der
Elbe-Jeetzel-Klinik abgearbeitet hat. Die rund 80 AtomkraftgegnerInnen vor
dem Gericht empfingen Marie mit Jubel. Marie sowie ihre Eltern reagierten
sehr zufrieden auf das Urteil.

Ebenso zufrieden war ihr Anwalt Wolf Römmig: "Es war unser Ziel, dass das
Verfahren eingestellt wird. Dieses Ziel haben wir erreicht." Der
Staatsanwalt hatte zunächst auf ein Urteil gedrängt, dann aber unter dem
Eindruck der Prozesserklärung von Marie zugestimmt, das Verfahren
einzustellen.

In der dreiseitigen Erklärung hatte Marie beschrieben, warum sie sich zu
dieser Form des Protestes entschlossen hatte.

"Nach all den vielen Demonstrationen und mit meinem Wissen im Hinterkopf
reichte mir weder die Resonanz in der Bevölkerung noch die in der Politik.",
heißt es in der Erklärung. "Das mitleidige Lächeln über die Spinner im
Wendland, eine Reaktion auf den Widerstand gegen die Atommüllindustrie,
wollte ich aus den Gesichtern löschen. Um aufzurütteln, sah ICH MICH
,geeignet' für diese gewaltfreie, aber bewusst auffallende Art des
Protestes. Um darauf aufmerksam zu machen, dass gerade dieser Transport im
März 2001 ein Beginn war für eine Flut von Transporten in die WAAs in
Sellafield und La Hague und somit auch nach Gorleben."

Auch ROBIN WOOD wertete es als gutes Zeichen, dass es nicht zu einer
Verurteilung gekommen ist. Allerdings sieht das Jugendrecht ohnehin keine
harten Sanktionen wie bei Erwachsenen vor, sondern lediglich erzieherische
Maßnahmen.


Siehe auch: Solidarität mit Castor-Gegnerin Marie


robinwood.de.
Dannenberg, den 31.10.02


nach oben

--

< zurück --vorwärts > ↑ nach oben

P R O Z E S S E R K L Ä R U N G   V O N   M A R I E 

"Die Staatsgewalt hat ihre 'geeigneten Mittel' - Wir auch!"
Prozesserklärung von Marie vor dem Gericht in Dannenberg

Zur Stunde läuft der Prozess gegen Marie vor dem Jugendrichter in Dannenberg
wegen der Aktion gegen den Castor-Transport im März 2001. Aus diesem Anlass
dokumentieren wir im folgenden die Prozesserklärung von Marie. Weitere
Informationen zu den Süschendorf-Prozessen unter http://www.robinwood.de.

Dokumentation der Prozesserklärung:

X X X
Das Wendland

Das Wendland ist geprägt durch die Atomanlagen in Gorleben und dem damit
zusammenhängenden Widerstand. Wenn man hier aufwächst, kann es passieren,
dass der Widerstand zu Bruder oder Schwester wird. Die ersten Schritte macht
mancher auf Demos. Anfangs ist
alles noch ganz aufregend und unbekümmert. Der Castor jedoch schon ein
undefinierbares Etwas. Ein Monster? - auf jeden Fall unheimlich und
gefährlich. Die Unbekümmertheit verschwindet mit der Zeit und wird ersetzt
durch ein
ohnmächtiges Klarsehen und Unverständnis. Jetzt geh ich auf Demonstrationen,
seitdem ich laufen kann. Die Beine sind länger geworden. Das Vertauen in den
Staat immer
kleiner - konnte sich in dieser Hinsicht auch gar nicht erst entwickeln. Mit
drei Jahren bekam ich, wenn auch unwissentlich, direkten Bezug zum Thema
Kernenergie. 1987 der Größte Anzunehmende Unfall in einem Reaktor in -
Tschernobyl! Verstrahlte und verseuchte Landstriche. Es sind Krankheit und
Tod, die diese Gebiete bis heute noch zeichnen. Auch wenn ich damals die
vernichtende, gewaltige Macht, dieser allzu fortschrittlichen Art der
Energiegewinnung,
nicht wirklich nachvollziehen konnte, merkte ich mir jedoch genau, dass jede
Regenwolke die bei uns, tausende von Kilometern entfernt, herunterkam
"vergiftet" sein konnte. D.h.: nicht im Sandkasten spielen, kein Obst oder
Gemüse aus
dem Garten essen - aufgrund der starken Strahlen-Belastung. Auch mein
kleiner
Bruder, damals noch ungeboren, war schon bedroht, bevor er überhaupt das -
zu dieser Zeit "strahlende" Licht der Welt erblickt hatte. Erst heute sind
mir
die Ausmaße des Unglücks bewußt. Bilder von mißgebildeten Kindern, die wie
ich hätten aufwachsen können, beweisen, erschrecken und sind Mahnmal dieser
Katastrophe.

Immer wieder gibt es Meldungen in den Medien von Störfällen in hiesigen
AKWs. Meldungen, die so kurz sind, daß sie kaum Beachtung finden.
Immer wieder stört das Thema Gorleben unseren Alltag. Kinder und Jugendliche
im Wendland haben wahrscheinlich mehr Polizei, BGS-Beamte, Wasserwerfer und
Natodraht gesehen und erlebt als mancher Erwachsene anderswo.

Die Dimension des Transports
Wenn man seiner Grundrechte, besonders die der Meinungsfreiheit enthoben
wird, d.h. Demonstrationen verboten und brutal zerstreut werden, wenn mit
sogenannten "geeigneten Mitteln" auf Menschen los gegangen wird, wo bleibt
da die Möglichkeit dieses Recht ausüben zu können? Wo bleibt da die
Demokratie, die
Gerechtigkeit?! Wenn Bahnübergänge stärker bewacht werden als Prominente
oder
Geldtransporte. Wenn Telefone abgehört werden. Wenn man Passierscheine
beantragen muss, um seine Kinder von der Schule abholen zu können. Wenn
Kinder auf dem Weg zur
Schule von Polizeibeamten durchsucht oder verfolgt werden und und und....
Das ist der totale Ausnahmezustand. Wie soll man da ein gesundes Verhältnis
zum Staat entwickeln?
Die im Grundgesetz festgelegten Grundrechte wenden sich an alle drei
Staatsgewalten. Wie war das mit der Meinungsfreiheit, der
Versammlungsfreiheit, der Menschenwürde?!!?

1998 der Kontaminations-Skandal
Es ist nicht von ungefähr daß die amerikanische Atomaufsichtsbehörde schon
vor Jahren an die inländischen Kernkraftwerke eine Warnung mit dem Hinweis
auf das "Weeping-Phänomen" herausgegeben hat, wobei die Kontamination
(feinster
radioaktiver Staub) beim Beladen an den Behältern haften bleibt und über die
Atemwege eingenommen und zu schwersten Krankheiten führen kann.
(wissenschaftlich nicht erklärbar)
Endlich wurden auch in Deutschland Messungen durchgeführt, die nach
jahrelanger Informationszurückhaltung auch an die Öffentlichkeit gelangten.
Die Messungen ergaben Kontaminationswerte bis über das 2000fache oberhalb
des
gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwertes. Diese wurden seit mehr als zwei
Jahrzehnten bei Transporten überschritten.
Die damalige Bundesumweltministerin Frau Dr. Merkel stoppte daraufhin die
Transporte der abgebrannten Brennelemente. Alles andere hätte sie ihren
Ministerposten gekostet. Die eigentlichen Verantwortlichen kamen
konsequenzenlos davon.
Seit 2001 rollen sie wieder.
Solange die Sicherheit der AKWs und der Transporte nicht gewährleistet und
nicht geklärt sind, ist der sogenannte Atomkonsens meiner Meinung nach nicht
praktizierbar.

Wenn von besagtem sogenannten Konsens gesprochen wird und man lesen muss,
dass einige AKWs wie Lingen; Grohnde oder Brokdorf noch an die zwei
Jahrzehnte am
Netz bleiben werden und allein diese drei Werke bis dahin zusammen noch
insgesamt 1780t Radioaktivmüll produzieren und dieser wiederum im Ausland
vervielfältigt wird, macht mir das Angst. Angst auch um die Zukunft der
nachfolgenden Generationen.
In wie weit kann von einem Ausstieg die Rede sein, wenn der Staat um seine
Beschlüsse durchzusetzen, sich nicht anders zu "wehren" oder reagieren weiß
als mit Gewalt. Wie soll da Vertrauen in denselben entwickelt werden?!
Bilder und Berichte im Fernsehen oder in der Zeitung zeugen von regelrechten
Schlachten (ich erinnere an die X-tausendmalquerblokade in Splietau 1997)
Sobald man versucht sich vor den eingesetzten sogenannten "geeigneten
Mitteln"
d.h.Wasserwerfern, Schlagstöcken, "sogenannter einfacher körperlicher
Gewalt"
und mittlerweile sogar vor Pferden und abgedrehten Hunden zu schützen,
verstößt
man gegen das Vermummungsgesetz. Sobald das Halstuch oder der Schal zu hoch
rutscht und die Mütze zu tief in die Augen.... Verstoß nach Paragraph...
sowieso. Hier tritt Angst auf. Angst die zu Wut wird und zu dem Verlangen
aufzuschreien gegen diese Ungerechtigkeit. Es ist doch Wahnsinn, wenn ein
Beschluß "unserer" Regierung gegen den Willen eines nicht zu übersehenden
Teils der
Bevölkerung mit solchen "geeigneten" Mitteln" durchgesetzt werden muß!

Nach all den vielen Demonstrationen und mit meinem Wissen im Hinterkopf
reichte mir weder die Resonanz in der Bevölkerung noch die in der Politik.
Das mitleidige Lächeln über die Spinner im Wendland, eine Reaktion auf den
Widerstand gegen die Atommüllindustrie, wollte ich aus den Gesichtern
löschen.
Um aufzurütteln, sah ICH MICH "geeignet" für diese gewaltfreie, aber bewußt
auffallende Art des Protestes. Um darauf aufmerksam zu machen, daß gerade
dieser Transport im März 2001 ein Beginn war für eine Flut von Transporten
in die WAAs in Sellafield und La Hague und somit auch nach Gorleben. Fast
im
Zwei-Wochen-Takt starteten Transporte zur Wiederaufarbeitung ins Ausland.
Die Antwort blieb nicht aus, siehe Gorleben-Transport im November 2001. Und
solange es keine endgültige Lösung für die Endlagerung gibt, ist es
unverantwortlich, daß trotz der Unsicherheit der Gorlebener Hallen weiter
mit dem Atommüll gehandelt wird wie mit Lebensmitteln. Import - Export.
Und auch jetzt steht uns wieder ein Teil des sogenannten Konsens bevor.

Ein weiterer Grund für diese Form des Protestes war das Bedürfnis dem Bild
meiner angepaßten Generation etwas entgegenzusetzen. Es machte mich
nachdenklich und wütend zugleich als ich merkte, daß dieses Bild in großen
Teilen der Wahrheit entsprach. Um zu zeigen, dass es Jugendliche gibt, die
ihren
eigenen Kopf haben und sich für oder gegen etwas einsetzen und stark machen
können.
Stellvertretend für diejenigen, die wie ich, diesem Wahn der Atommafia ein
Ende setzen wollen, habe ich mich auf eben diese Art im Widerstand
eingebracht.
Ich denke, daß solidarische Briefe von Gleichaltrigen, Beweis dafür sind,
dass ich das, wenn auch nur zu einem kleinen Teil, erreicht habe.
Wie soll jemand, der im Wendland aufwächst, sich rund um die X-Tage in einem
Loch verkriechen und Blinde Kuh spielen?

Das Letzte was ich oder wir vorhatten, war jemandem Schaden zuzufügen oder
Gesetzte zu brechen. -Meine Freunde und ich haben uns für eine Sache
eingesetzt, nämlich den
gewaltfreien Widerstand. Nationale und internationale
Solidaritätsbekundungen bestärkten uns in unserem Handeln.
Als Aufruf und Protest zugleich habe ich unsere Art des Widerstandes
gesehen. Als Appell an das Bewußtsein aller, die bis jetzt die Augen zu
gemacht und die drei Affen gespielt haben (nix hören, nix sehen, nix sagen).
Die
Staatsgewalt hat ihre "geeigneten Mittel" - Wir auch!

Dies alles kann vielleicht deutlich machen, daß ich kein Mittel zum Zweck
gewesen bin, sondern aus reiner Überzeugung gehandelt habe. Ich bitte Sie
mir hieraus keine Mutwilligkeit zu drehen, wobei die Aktionsform dies auch
nicht
zugelassen hätte. Sondern als ein Ankratzen an alte Ideale und als ein
Aufruf zum Umdenken.

Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit!

Marie


Siehe auch: Solidarität mit Castor-Gegnerin Marie




http://www.robinwood.de
Dannenberg und Hamburg, den 31.10.02


nach oben

--

< zurück --vorwärts > ↑ nach oben

Jeder zweite Seehund ist tot | Die Elbe zum Leitbild lebendiger Flüsse machen