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Gegen Vertreibung
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5.8.2002 Gegen Vertreibung: Vermächtnis der deutschen Opfer von gestern ist der Einsatz für die Opfer von heute
Für die Errichtung eines Zentrums gegen Vertreibungen in Berlin plädiert nachdrücklich die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV). Denn noch immer würden Vertreibungen auch im Europa des 21. Jahrhunderts kaum als ein den einzelnen Menschen wie auch ganze Völker zutiefst traumatisierendes Unrecht wahrgenommen, kritisierte der Generalsekretär und Gründer der Menschenrechtsorganisation, Tilman Zülch, am Montag auf einer Pressekonferenz der Stiftung Zentrum gegen Vertreibung in Berlin. "Vertreibung wird vielmehr totgeschwiegen, verdrängt und so langsam hoffähig gemacht: Heute wird selbst in Europa wieder hingenommen, dass Minderheitenprobleme auf unserem Kontinent durch Vertreibung gelöst werden. Dabei verstößt dies eindeutig gegen anerkanntes Völkerrecht wie die Allgemeine Erklärung für Menschenrechte oder die IV. Genfer Konvention zum Schutz von Zivilpersonen in Kriegszeiten."
"Dieses Zentrum in Berlin ist gerade für die Opfer gegenwärtiger Vertreibungen von großer Bedeutung, denn die europäischen Regierungen bekämpfen dieses Verbrechen weder entschieden noch setzen sie sich energisch für eine Rückkehr der Vertriebenen ein", sagte Zülch. Er erinnerte an die rund 4,3 Millionen aus Mitgliedsstaaten des Europarats bzw. aus dem von Nato-Truppen kontrollierten Kosovo Vertriebenen, die bis heute auf die Möglichkeit einer Rückkehr in ihre Heimatorte warteten. Unter ihnen sind 200.000 griechische und türkische Zyprioten (seit 1974), 2,5 Millionen türkische Kurden (seit 1990), 800.000 Bosnier (seit 1992), 300.000 Tschetschenen (seit 1994), 150.000 Krajina- Serben (seit 1995), 300.000 kosovarische Serben, Roma und Aschkali (seit 1999). Diese würden entweder durch Regierungen und Behörden an einer Rückkehr gehindert oder scheuten aus Angst vor erneuten Übergriffen ihrer Verfolger davor zurück.
Gegründet und betrieben von deutschen Vertriebenen für Vertriebene könnte das Zentrum in Berlin einen wesentlichen Beitrag zur weltweiten Ächtung von Vertreibung leisten und sich daran beteiligen, die Verabschiedung einer "Erklärung über Bevölkerungstransfers" durch die UN-Generalversammlung voranzutreiben, hofft der GfbV-Generalsekretär. Einen Entwurf für diese Erklärung hat eine UN-Kommission bereits 1997 erarbeitet. Die anhaltende Tabuisierung vieler Vertreibungen und Deportationen des vergangenen Jahrhunderts in Europa habe Folgen weit über den Kontinent hinaus, bedauerte Zülch. So registrierten nicht nur europäische Regierungen beinahe untätig das unsägliche Leid ganzer Völker, sondern auch die internationale Gemeinschaft. Durch den Begriff "ethnische Säuberung" sei die Vertreibung der nichtserbischen Bevölkerung unter dem jugoslawischen Ex-Präsidenten Slobodan Milosevic und dem mutmaßlichen Kriegsverbrecher Radovan Karadzic im multikulturellen Bosnien-Herzegowina beschönigend umschrieben worden.
Mehr als 15 Millionen Menschen hätten durch die Vertreibung der Deutschen aus Osteuropa 1945 bis 1948 ihre Heimat verloren, drei Millionen von ihnen seien während oder als Folge der Vertreibung und der "ethnischen Säuberung" von über 10.000 Weilern, Dörfern und Städten ums Leben gekommen. Die weitgehende Verdrängung dieser Massenvertreibung von Deutschen habe innerhalb der deutschen Bevölkerung jedoch nicht dazu geführt, das Leid der Opfer aktueller Vertreibungen vom Tisch zu wischen, meinte Zülch. Die große Bereitschaft, während des Bosnienkrieges 1992 bis 1995 rund 360.000 bosnische Vertriebene aufzunehmen, habe das Gegenteil bewiesen: Mitleid, Solidarität und Unrechtsbewusstsein.
An der Pressekonferenz in Berlin nahmen unter anderen teil:
Frau Ksenija Bodlovic aus Bosnien-Herzegowina ist Mitglied des Serbischen Demokratischen Forums, das sich für die Rückkehr der aus Kroatien vertriebenen Serben einsetzt. Bis zum Jahre 1991 hat sie in Petrinja und Sisak (Kroatien) gelebt. 1991 wurde sie von dort vertrieben und flüchtete in die kroatische Krajina (Region Knin). Bis zur Militäroperation Oluja ("Sturm") hat sie in Dvor am Fluss Una gelebt. 1995 wurde sie durch kroatische Truppen auch von dort vertrieben. Heute lebt sie in Banja Luka in Bosnien Herzegowina. Sie ist 43 Jahre alt und hat ein Kind. Sie möchte nach Petrinja zurückkehren.
Fadila Memisevic aus Bosnien-Herzegowina war Gymnasiallehrerin für Latein und Geschichte, ist Mitgründerin des Dokumentationszentrums für Genozid in Zenica (Frühjahr 1992). Frau Memisevic lebte vier Jahre in Göttingen und dokumentierte den Völkermord und die Vertreibung in Bosnien für die Gesellschaft für bedrohte Völker und das Tribunal in Den Haag. Heute ist sie Direktorin der bosnischen Sektion der Gesellschaft für bedrohte Völker. Ihr wurde 1996 der Preis für Frieden und Menschenrechte der gleichnamigen schweizerischen Stiftung aus Bern verliehen, den auch Boutros Ghali, der Dalai Lama und Jehudin Menuhin erhalten haben. Sie initiierte die Mütterbewegung in Srebrenica, half bei der Gründung der Sektion der weiblichen ehemaligen Lagerinsassen und vergewaltigten Frauen in Bosnien-Herzegowina, regte die Gründung der bosnischen Roma Union an, führte Zeugenbefragungen von Kosovoflüchtlingen durch und übergab das Material dem Tribunal in Den Haag.
Sophie Phitidis ist griechische Zypriotin, Menschenrechtlerin und Vertriebene aus der von der türkischen Armee besetzten Stadt Famagusta auf Zypern. Sie engagiert sich für die Rückkehr vertriebener griechischer wie türkischer Zyprioten in ihre Heimatorte.
Lisa Bersanowa ist tschetschenische Akademikerin. Sie lebt als Flüchtling in Nürnberg und vertritt die Bewegung der tschetschenischen Flüchtlinge und Vertriebenen in Deutschland.
Dr. Ibrahim Hasani ist Rom aus dem Kosovo. Im Frühjahr 1999 versorgte er als Arzt, gemeinsam mit seiner Tochter einer Krankenschwester - albanische Vertriebene in Flüchtlingslagern in Mazedonien. Zurückgekehrt wurde er, wie 120.000 seiner Landsleute, unter den Augen der Natotruppen durch albanische Extremisten vertrieben. Er ist einer der beiden Sprecher des Forums der vertriebenen Roma und Aschkali aus dem Kosovo und wird von vielen deutschen Behörden als Vertrauensmann der beiden Volksgruppen in Anspruch genommen.
Herr Suleyman Yildirim setzt sich für die Gleichberechtigung der kurdischen Bevölkerung in der Türkei ein. Insbesondere engagiert er sich für die Rückkehr von 2,5 Millionen vertriebenen türkischen Staatsbürgern kurdischer Nationalität in ihre 3428 im Bürgerkrieg zerstörten Dörfer.
GESELLSCHAFT FÜR BEDROHTE VÖLKER
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