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ISSN 1610-0611
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Verdrängung der Massenmorde Mussolinis

Wer Fini ehrt, verdrängt die Massenmorde Mussolinis - Offener Brief an Klestil

GESELLSCHAFT FÜR BEDROHTE VÖLKER INTERNATIONAL
Offener Brief an den Bundespräsidenten von
Österreich
Herrn Dr. Thomas Klestil
Hofburg
Wien

Wer Fini ehrt, verdrängt die Massenmorde Mussolinis

Wien/Bozen/Göttingen/Luxemburg/Bern, den 9. Oktober 2002

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,

Sie haben den Vorsitzenden der neofaschistischen
Regierungspartei Ihres Nachbarlandes, Herrn
Gianfranco Fini, mit dem Goldenen Ehrenzeichen
der Republik Österreich ausgezeichnet. Diese
Auszeichnung wirkt u.a. deshalb befremdend, als
Sie sich noch vor zwei Jahren massiv für die
europaweite Isolierung Ihres
rechtspopulistischen FPÖ-Vordenkers Jörg Haider
engagiert haben.

Beiden Politikern ist eines gemein: Sie sind
durch Plädoyers für den nationalsozialistischen
bzw. faschistischen Diktator aufgefallen. Die
verschiedenen Äußerungen Haiders muss ich in
diesem Zusammenhang nicht zitieren. Gianfranco
Fini, Chef der Allianza Nationale, hatte Benito
Mussolini als "größten Staatsmann" bezeichnet
und diese Aussage nie wirklich widerrufen. Auch
wenn er vor wenigen Monaten einschränkend
geäußert hat, er würde "das nicht mehr so
sagen", rechtfertigt das schwerlich die
Auszeichnung mit dem Goldenen Ehrenzeichen. Es
sei denn, sehr verehrter Herr Bundespräsident,
Sie wären nicht dafür, einen deutlichen
Trennungsstrich zu dieser furchtbaren
europäischen Vergangenheit zu ziehen.

Zu den Taten des "größten Staatsmannes"
Mussolini gehören die Massenmorde des
faschistischen Italiens 1935 an mehreren
Hunderttausend Äthiopiern, die Ausrottung von
60.000 Nomaden in der libyschen Cyrenaika,
faschistische Morde an Juden, Homosexuellen,
Roma, Demokraten und Kommunisten und die
Einführung antisemitischer Gesetze in Italien.
Auch Alessandra Mussolini, die populäre
Parteifreundin Finis, steht bis heute zu dieser
Politik, ausgedrückt mit dem Spruch: "Mein
Großvater ist der größte, ich werde es sagen, so
lange ich lebe."

Sie haben die Auszeichnung des Mussolini-
Freundes Fini mit seinen Verdiensten um die
Versöhnung zwischen Österreich und Italien
begründet. Im Sinne dieser
Versöhnung hatte die Stadtverwaltung der Südtiroler Hauptstadt Bozen den so
genannten "Siegesplatz" mit dem scheußlichen Faschistendenkmal in
"Friedensplatz" umbenannt. Diese Geste im Geiste europäischer Versöhnung und
des Zusammenlebens der deutsch- und italienischsprachigen Regionen Europas
wurde durch die chauvinistische Intervention Finis gerade zunichte gemacht.

Unser Vorschlag: Sie setzen sich jetzt in Rom
dafür ein, dass dieses Denkmal mit den
Rutenbündeln abgetragen und durch eine
Gedenkstätte für die deutsch-, ladinisch- und
italienischsprachigen Opfer von Faschismus und
Nationalsozialismus in Südtirol ersetzt wird.
Sie sollten diesen Widerstand ehren, nicht die
Fürsprecher der Gewaltherrscher.

Mit freundlichen Grüßen

gez. Tilman Zülch für die Gesellschaft für
bedrohte Völker International



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Gesellschaft fuer bedrohte Voelker e.V. (GfbV)
Inse Geismar, Pressereferentin
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