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ISSN 1610-0611
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Untersuchung der Massaker-Vorwürfe gefordert

Unabhängige internationale Untersuchung der
Massaker-Vorwürfe gefordert

Wenige Stunden vor der Ausstrahlung einer
kritischen ARD-Sondersendung über ein Massaker
an mutmaßlich mehr als 1.000 gefangenen Taliban
in Dasht-e-laile in Afghanistan im Dezember 2001
hat die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV)
der US-Regierung und den Vereinten Nationen
vorgeworfen, die Ermittlung des Tathergangs und
die Bestrafung der Verantwortlichen systematisch
zu verschleppen. „Es ist ungeheuerlich, mit
welcher Doppelmoral die US-Regierung Politik
macht: Menschenrechtsverletzungen in „Schurken-
Staaten“ werden angeprangert, doch
Kriegsverbrechen der verbündeten Warlords in
Afghanistan werden tabuisiert“, kritisierte der
Asienreferent der GfbV, Ulrich Delius, am
Mittwoch. Ungeachtet der schweren Vorwürfe gegen
US-Soldaten, die der Mitwirkung an dem Massaker
verdächtigt werden, sei die US-Regierung zehn
Monate lang untätig geblieben. Auch die
Vereinten Nationen hätten bei der Sicherung des
Tatortes versagt und mit ihrer Hinhaltetaktik
die Ermittlung des Tatherganges massiv
erschwert. Angesichts dieser Mauer des
Schweigens müsse nun dringend eine unabhängige
internationale Kommission die Vorwürfe
untersuchen.

Bereits am 28. Januar 2002 sei der
stellvertretende US-Verteidigungsminister Joseph
Collins von der US-Menschenrechtsorganisation
Ärzte für Menschenrechte (Physicians for Human
Rights) auf das Massengrab in Dasht-e-laile
hingewiesen worden, sagte Delius. Im März 2002
habe die Organisation US-Außenminister Colin
Powell sowie anderen führenden Vertretern der
amerikanischen Regierung und der Vereinten
Nationen einen detaillierten Bericht über die
Massengräber zugeleitet. Folgenlos sei auch der
Appell an den afghanischen Staatspräsidenten
geblieben, die Massengräber zu sichern, um den
Tathergang zu rekonstruieren. Monatelang hätten
weder die US-Regierung noch die Vereinten
Nationen auf Aufrufe, die Massaker-Vorwürfe zu
untersuchen, reagiert. Noch Anfang August habe
Collins erklärt, die USA werde weder den Tatort
sichern, noch den Hergang des Massakers
rekonstruieren. Erst als das Nachrichtenmagazin
„Newsweek“ in seiner Ausgabe vom 26. August
ausführlich über die Vorwürfe berichtete, räumte
Washington ein, es habe ein Massaker gegeben.

Kläglich versagt hätten die Vereinten Nationen, als sie im August erklärten,
nur die afghanische Regierung allein sei für die Untersuchung des Tathergangs
zuständig, kritisierte Delius. Damit habe man
den Bock zum Gärtner gemacht, da der
stellvertretende afghanische
Verteidigungsminister Abdul Rashid Dostum für
das Kriegsverbrechen verantwortlich sei. Auch
sei unverständlich, warum der UN-Sondergesandte
für Afghanistan, Lakdhar Brahimi, wider besseres
Wissen erklärt hat, der Tatort sei gesichert.
Bis heute habe niemand etwas zur Sicherung der
Massengräber unternommen. Stattdessen hätten
Dostums Truppen ungehindert Zeugen des Massakers
verhaften und foltern können, um die Spuren der
Kriegsverbrechen zu verwischen.



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Gesellschaft fuer bedrohte Voelker e.V. (GfbV)
Inse Geismar, Pressereferentin
Postfach 2024, D-37010 Goettingen
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Göttingen/Berlin, den 18.12.2002


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