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ISSN 1610-0611
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Damit Erziehung wieder zur Strafe wird ?

Evangelische Fachhochschule für Sozialpädagogik des Rauhen Hauses Hamburg
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Die Wiedereinführung der geschlossenen Unterbringung in Hamburg
Damit Erziehung wieder zur Strafe wird ?

1

Erst wenn die Strafe wieder Strafe wird,
und nicht im Gewand von therapeutischen Maßnahmen
die Funktion des sich rächenden Staates übernimmt,
haben die Bestraf ten auch die Möglichkeit,
sich mit der Strafe auseinanderzusetzen,
sie zu akzeptieren oder sich dagegen zu wehren.

Der staatlich verordneten Erziehung ist der perfide Hang
zur inneren Kolonialisierung der Menschen immanent.


~SIEGFRIED MÜLLER & HANS-UWE OTTO 19 86, XV~

2
INHALT *
*(am Ende des Dokuments)

3
1 Einleitung

Nach über zwanzig Jahren .Menschen statt Mauern. wurde in Hamburg wieder
Realität, was von der Mehrheit der Fachöffentlichkeit als Restelement der alten
Zwangsfürsorge betrachtet wird: Gegen den anhaltenden Widerstand der Jugendhilfe
eröffnete der Hamburger Mitte-Rechts-Senat Ende Dezember 2002 in der
Feuerbergstraße eine geschlossene Einrichtung für 12 straffällige männliche Kinder
und Jugendliche. Außerdem wurde ein sogenanntes Familien-Interventions-Team
(FIT) eingerichtet, an das die Polizei kriminell in Erscheinung getretene Kinder und
Jugendliche meldet. Die eklatantesten und schwierigsten Fälle sollen dann, nach
Weisung des FIT, in dem geschlossenen Heim untergebracht werden.

Was ist der Hintergrund dieser Entwicklung in Hamburg? Der massenmedial
inszenierte und skandalisierte tragische Mord an dem Hamburger Kaufmann Willi
Dabelstein durch zwei Jugendliche, die in einer .offenen. Jugendhilfeeinrichtung
lebten, ließ die gesellschaftspolitische Diskussion Mitte 1998 um die geschlossene
Unterbringung wieder aufleben. Die delinquenten Jugendlichen, so heißt es
turnusmäßig, gestützt auf die Ergebnisse der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS),
wären immer jünger und gleichzeitig immer skrupelloser, brutaler und gewalttätiger.
Kriminelle Jugendliche würden zunehmend eine akute Gefahr für die Bevölkerung
und das Gemeinwohl darstellen. In Wahlkampfzeiten, ob zur Bundestagswahl oder
zur Bürgerschaftswahl in Hamburg, wurden mit dem Thema der Inneren Sicherheit
Stimmen gemacht. So genießt derzeit in Hamburg der Schutz der Bevölkerung vor
kriminellen Minderjährigen, Junkies, Bettlern und anderen sozial .unverträglichen
Menschen., die das Bild der .sauberen Stadt. empfindlich stören, oberste Priorität.

Das bestehende Angebot der Jugendhilfe kann, so der Senat, nicht adäquat auf die
sich verschärfende Problematik der Jugendkriminalität reagieren. Die als Konsequenz
auf den Mord an dem Hamburger Kaufmann installierten Intensiv-Betreuten-
Wohngruppen (IBW) hätten nicht den erwünschten .Erfolg. gebracht. Auch
ambulante und andere stationäre offene Hilfen zur Erziehung seien, so der Senat,
nicht in der Lage, jugendliche Rechtsbrecher wieder in die Gesellschaft einzugliedern
und zugleich den Schutz der Bevölkerung zu gewährleisten.

Einleitung

4
Die öffentliche Diskreditierung der Jugendhilfe und die Wiedereinführung der
geschlossenen Unterbringung in Hamburg stieß bei einem Großteil der
Fachöffentlichkeit, die sich den Maximen der Jugendberichte der Bundesregierung
sowie dem Wort und Geist des Kinder- und Jugendhilfegesetztes verpflichtet sieht,
auf massiven und fachlich begründeten anhaltenden Widerstand.

Ich möchte in meiner Arbeit am Beispiel der Wiedereinführung der geschlossenen
Unterbringung in Hamburg zeigen, wie im Umgang mit schwierigen Kindern und
Jugendlichen ordnungspolitische Argumentationslogiken handlungsleitend geworden
sind und die Pädagogik für diese Zwecke instrumentalisiert wird. Meine These lautet,
dass unter den Bedingungen einer politisch motivierten und organisierten
Einsperrung krimineller Kinder und Jugendlicher, .ordnungspolitische Pädagogik.
eine Praxis ist, in der Erziehung wieder zur Strafe wird.

Im ersten Teil meiner Arbeit werde ich dazu als Einführung in die Thematik eine
Übersicht über den derzeitigen Stand geschlossener Heimunterbringung in
Deutschland geben. Es soll geklärt werden, wie geschlossene Unterbringung heute
definiert wird. Dabei stelle ich die verfassungs- und jugendrechtlichen
Rahmenbedingungen für freiheitsentziehende Maßnahmen im Rahmen der
Jugendhilfe dar. Des Weiteren gebe ich auf Grundlage der ermittelten Zahlen des
LANDESJUGENDAMTES DES SAARLANDES einen bundesweiten Überblick des derzeit
bestehenden Angebots geschlossener Heime.

Im folgenden Kapitel richtet sich mein Fokus auf die jüngste Entwicklung der
geschlossenen Unterbringung in Hamburg. Dabei erörtere ich den chronologischen
Verlauf der Wiedereinführung des geschlossenen Heimes in der Feuerbergstraße. Als
erstes stelle ich die vorangegangene gesellschaftspolitische Diskussion um die
geschlossene Unterbringung dar, die durch den Mord an einem Hamburger
Kaufmann durch zwei Jugendliche ausgelöst wurde. Danach skizziere ich die
Ergebnisse der HAMBURGER ENQUETE-KOMISSION .Jugendkriminalität und ihre
gesellschaftlichen Ursachen.. Anschließend betrachte ich das durch den
Regierungswechsel 2001 eingelöste Wahlversprechen der Wiedereinführung der
geschlossenen Unterbringung. Den Schwerpunkt dieses Kapitels lege ich auf die
Beschreibung des Hamburger Konzeptes sowie auf die Darstellung der
Argumentation der politischen Durchsetzung. Ebenso findet die Positionierung der
Einleitung

5
Hamburger Fachöffentlichkeit gegenüber dem Konzept des Senats Beachtung. Am
Ende stelle ich eine erste Bestandsaufnahme der Hamburger Praxis geschlossener
Unterbringung dar.

Im vierten Kapitel beschäftige ich mich mit der fachlichen Diskussion um die
geschlossene Unterbringung, wobei ich mich zumeist auf Ergebnisse empirischer
Untersuchungen beziehe. Zunächst wird ein geschichtlicher Abriss der Diskussion
über die geschlossene Unterbringung skizziert. Im Anschluss stelle ich die derzeitige
Argumentationslogik der Befürworter und der Gegner geschlossener
Jugendhilfeeinrichtungen gegenüber. Dabei gehe ich der Frage nach, ob und
inwieweit freiheitsentziehende Maßnahmen aus fachlicher pädagogischer Sicht ein
geeignetes Mittel im Umgang mit besonders schwierigen Kindern und Jugendlichen
darstellen.

Im letzten Teil meiner Arbeit diskutiere ich die geschlossene Unterbringung in ihrem
gesellschaftspolitischen Kontext. Dabei soll die Wiedereinführung der geschlossenen
Unterbringung in Hamburg als ein Bestandteil der Politik des aktivierenden
Sozialstaates analysiert werden. Meine Aufmerksamkeit liegt auf der Frage, welche
öffentlichen und politischen Interessen hinter den Forderungen nach der
Wiedereinführung der geschlossenen Unterbringung stehen und inwieweit
pädagogische Fragen in diesem Zusammenhang ordnungspolitisch instrumentalisiert
werden.

Da mein Hauptinteresse auf der Darstellung der Wiedereinführung der
geschlossenen Unterbringung in Hamburg sowie auf der fachlichen und politischen
Dimension der Thematik liegt, werde ich Alternativkonzepte zur geschlossenen
Unterbringung nicht ausführen (vgl. bei Interesse z.B. BIRTSCH 1982, 1983, 1986;
DIAKONISCHES WERK 1985; INSTITUT FÜR SOZIALARBEIT UND SOZIALPÄDAGOGIK
1986; LANDESJUGENDHILFEAUSSCHUSS BRANDENBURG 2001 u.v.a.).

Der Vereinfachung halber und aufgrund der besseren Lesbarkeit habe ich
personenbezogene Aussagen nicht in männlicher und weiblicher Form zugleich
verwendet. Gemeint sind selbstverständlich Personen beiderlei Geschlechts.

6
2 Geschlossene Unterbringung in der Jugendhilfe .
Ein Überblick

.So wenig es die Heimerziehung gibt, so wenig gibt es auch die geschlossene Unterbringung.
(THIERSCH 1994, 277). Dieses Zitat macht deutlich, dass sich Einrichtungen der
geschlossenen Unterbringung in ihren Konzeptionen seit den Heimkampagnen in
den 70er Jahren stark differenziert haben. Dies gilt im Hinblick auf therapeutische
und pädagogische Konzepte und deren praktische Ausgestaltung sowie für die
bauliche und sicherheitstechnologische Ausstattung der Heime.

Das Verständnis von .Geschlossenheit. innerhalb des derzeit bestehenden
Einrichtungsspektrums ist heterogen. Im .Gewirr schillernder Namensgebungen.
(WOLFFERSDORFF & SPRAU-KUHLEN 1990, 58) lässt sich nur noch mit Mühe der
Gegenstand von Geschlossenheit erkennen. Das Repertoire der Namensgebungen
reicht von halboffenen, zeitweiligen bzw. teilgeschlossenen oder individuell
geschlossenen Gruppen bis hin zu pädagogisch-therapeutischen Intensivbereichen
(vgl. BMFSFJ 2002, 240; WOLFFERSDORFF & SPRAU-KUHLEN 1990, 58).

Wenn ich im Folgenden von geschlossener Unterbringung schreibe, beziehe ich mich
auf die Definition der BUNDESARBEITSGEMEINSCHAFT (BAG) von Anfang der 80er
Jahre. Sie lautet: .Eine geschlossene Unterbringung ist dadurch gekennzeichnet, daß besondere
Eingrenzungs- und Abschließvorrichtungen oder andere Sicherungsmaßnahmen vorhanden sind, um
ein Entweichen, also ein unerlaubtes Verlassen des abgeschlossenen oder gesicherten Bereiches zu
erschweren oder zu verhindern und die Anwesenheit des Jugendlichen für die notwendige pädagogisch-
therapeutische Arbeit mit ihm sicherzustellen. (Anlage zur Niederschrift der Sitzung der
gemeinsamen Kommission vom 16./17.2.1982, 1; zit. nach: WOLFFERSDORFF &
SPRAU-KUHLEN 1990, 22).

Es gibt jedoch auch Kritik am Terminus .geschlossene Unterbringung.. So hält
ZAPF, Leiter der pädagogisch-therapeutischen Intensivabteilung im Jugend-
hilfeverband Rummelsberg den Begriff der geschlossenen Unterbringung für nicht
geeignet, die pädagogisch-therapeutische Arbeit .mit auffälligen jungen Menschen.
adäquat zu beschreiben. .Von geschlossener Unterbringung (...) kann (...) nur in bestimmten
Bereichen des Strafvollzuges die Rede sein. (...) Dem Aspekt der Ausgrenzung, der Disziplinierung
und Sanktionierung für bestimmte Fehlverhaltensweisen wird hier entsprochen. (1995, 46).
Geschlossene Unterbringung in der Jugendhilfe . Ein Überblick

7
FEGERT betont vor dem Hintergrund historischer Belastungen .totaler Institutionen.
(GOFFMAN 1972) wie z.B. Jugendschutzlager in der Nazi-Zeit, Jugendwerkhöfe in der
DDR und militärische Erziehungscamps in Amerika: .In einer emotionalisierten
Diskussion sollte meines Erachtens (...) überhaupt nicht von geschlossener Unterbringung gesprochen
werden, da dies den Institutionscharakter d.h. bauliche Maßnahmen hervorhebt. (1994, 311).
WEISS spricht ferner davon, dass eine Einrichtung auch dann geschlossen ist, .wenn
sie durch weite Entfernung die Kontaktaufnahme mit anderen unmöglich macht, auch wenn sie
dabei auf Mauern und Zäune verzichtet. Geschlossen ist auch die Gemeinschaft auf einem
Segelboot. (1999, 890).

2.1 Verfassungs- und jugendrechtliche Grundlagen der geschlossenen
Unterbringung

Kinder und Jugendliche sind Inhaber von Grundrechten, wie nachhaltig durch die
UN-Kinderrechtskonvention1 und das Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG)
deutlich gemacht wird. Bei Anordnung freiheitsentziehender Maßnahmen (wie der
geschlossenen Unterbringung) sind diese Rechte zu berücksichtigen. Es bedarf
außerdem immer einer verfassungsrechtlichen Legitimation.

WIESNER definiert freiheitsentziehende Maßnahmen wie folgt: .Freiheitsentziehung ist
jeder Eingriff gegen den Willen des Betroffenen in dessen persönliche Freiheit von einer Dauer und
Stärke, dass das Maß altersgemäßer Freiheitsbeschränkungen überschritten wird.
Freiheitsentziehende Maßnahmen liegen vor, wenn das Kind oder der Jugendliche auf einem
bestimmten Raum festgehalten, sein Aufenthalt ständig überwacht und die Aufnahme von
Kontakten mit Personen außerhalb des Raumes durch Sicherungsmaßnahmen verhindert wird.
(WIESNER 1998; zit. nach: BÜRGERSCHAFT DER FREIEN UND HANSESTADT HAMBURG
2000, 210).

1 Das Übereinkommen über die Rechte des Kindes vom 20.11.1989, welches 1992 von der BRD anerkannt und
ratifiziert wurde, enthält kein Verbot freiheitsentziehender Maßnahmen. Allerdings stellt Artikel 37 für die
Anordnung und Durchführung geschlossener Unterbringung maßgebliche Regeln auf. Einem Kind darf die
Freiheit nicht willkürlich oder rechtswidrig entzogen werden. Ein Freiheitsentzug darf nur auf gesetzlicher
Grundlage als ultima ratio für die kürzest angemessene Zeit angewendet werden. Weiterhin muss bei der
Durchführung von geschlossener Unterbringung die Menschenwürde gewahrt bleiben und der
Entwicklungsstand des Kindes muss angemessen berücksichtigt werden. Außerdem hat jedes Kind ein Recht auf
einen Rechtsbeistand und das Recht auf Beschwerde und Anfechtung der angeordneten Maßnahme
(vgl. BMFSFJ 2000, 24). Die Bestellung eines Verfahrenspflegers gemäß § 70b FGG erhält in diesem Kontext
entscheidende Bedeutung (vgl. Kapitel 2.1.2).
Geschlossene Unterbringung in der Jugendhilfe . Ein Überblick

8
Freiheitsentzug stellt nach dem Grundgesetz (GG) eine Einschränkung des
Grundrechts auf persönliche Freiheit (Art. 2 GG) sowie eine Einschränkung des
Grundrechts auf Freizügigkeit (Art. 11 GG) dar. Bei der Unterbringung eines Kindes
oder Jugendlichen in einer geschlossenen Einrichtung handelt es sich um eine
freiheitsentziehende Maßnahme. Artikel 104 GG besagt, dass .die Freiheit der Person
nur aufgrund eines förmlichen Gesetzes beschränkt. werden kann und .über die Zulässigkeit
und Fortdauer einer Freiheitsentziehung hat nur der Richter zu entscheiden..

Im KJHG gibt es keine eigenständige Rechtsnorm für die geschlossene
Heimunterbringung und dem damit verbundenen Freiheitsentzug. Das KJHG ist im
Gegensatz zum hervorgegangenen Reichsjugendwohlfahrts- und
Jugendwohlfahrtsgesetz kein Eingriffs- und Ordnungsrecht. Kinder und Jugendliche
können seit 1990 nur noch für kurze Zeit bei einer konkreten Gefahr für Leib und
Leben des Kindes und/oder Dritter im Rahmen einer Inobhutnahme gemäß
§ 42 Abs. 3 KJHG i.V.m. § 1631b BGB geschlossen untergebracht werden. Das
KJHG schließt einen längerfristigen Freiheitsentzug als pädagogische Maßnahme
oder zur Wahrung der öffentlichen Sicherheit aus.

Ermächtigungsgrundlage für die geschlossene Unterbringung ist § 1631b BGB i.V.m.
§ 34 KJHG (Heimerziehung), § 42 KJHG (Inobhutnahme) und §§ 71/72 JGG
(Einstweilige Unterbringung in einem Heim der Jugendhilfe; Vermeidung von
Untersuchungshaft). Da Hamburg auf Grundlage des § 1631b BGB geschlossen
unterbringt, wird auf die Beschreibung nach § 34 KJHG, § 42 KJHG und §§ 71/72
JGG verzichtet (vgl. dazu STOPPEL 2002, TRENCZEK 2002).

2.1.1 § 1631b BGB als Grundlage für freiheitsentziehende Maßnahmen

Mit Abschaffung der Fürsorgeerziehung durch das KJHG bedarf es bei
Freiheitsentzug im Rahmen der Jugendhilfe immer eines familienrichterlichen
Beschlusses gemäß § 1631b BGB. Das Familiengericht wird auf Antrag des
Sorgeberechtigten, also durch die Eltern oder den Amtsvormund, tätig und
beschließt bei Vorliegen der entsprechenden gesetzlichen Voraussetzungen eine
freiheitsentziehende Unterbringung. Die Genehmigung für eine Einweisung ist gem.
§ 1631b Satz 3 BGB davon abhängig, ob das .Wohl des Kindes. dies erfordert. Die
Kommission des Elften Kinder- und Jugendberichtes der Bundesregierung kommt
Geschlossene Unterbringung in der Jugendhilfe . Ein Überblick

9
zu dem Schluss, dass .(...) allein akute Selbst- und Fremdgefährdung ausschlaggebende Gründe
sei[e]n (d.Verf.). Voraussetzung ist also, dass Gefahr für Leib und Leben der betroffenen Kinder
und Jugendlichen oder dritter Personen vorliegt. Die Gefährdung anderer Rechtsgüter (Eigentum,
öffentliche Ordnung etc.) reicht nicht als Einweisungsgrund aus. (BMFSFJ 2002, 240; vgl. auch
TRAUERNICHT 1991, 521).

Das .Wohl des Kindes. ist ein unbestimmter Rechtsbegriff und muss nach dem
Verhältnismäßigkeitsgrundsatz konkretisiert werden. Es ist zu prüfen, ob die
Maßnahme der geschlossenen Unterbringung tatsächlich geeignet und erforderlich
ist, und nach dem Prinzip des geringst möglichen Eingriffs erfolgt ist, d.h. .(...) dass
weniger einschneidende Maßnahmen unterhalb der Schwelle der Freiheitsentziehung Vorrang
haben. (WILLE 2002, 87; vgl. auch TRENCZEK 1994, 292). Nur dann ist die Anordnung
von geschlossener Unterbringung rechtmäßig.

Die geschlossene Unterbringung ist dann zu beenden, wenn das .Wohl des Kindes.
nicht mehr gefährdet ist. Nach BERNZEN ist .dieses (...) ein materielles Kriterium, welches
pädagogisch, psychologisch und eventuell medizinisch ausfüllungsbedürftig ist (...). (2002, 7).

2.1.2 Grundrechtssichernde Verfahrensvorschriften des
Familiengerichtsgesetz (FGG)

Es ist auf die Verfahrensvorschriften nach § 70ff. FGG hinzuweisen, da sie in einem
Gerichtsverfahren aufgrund des schwerwiegenden Eingriffes in das Freiheitsrecht
von Minderjährigen von Bedeutung sind. Die Bestellung eines Verfahrenspflegers als
Beistand für den Minderjährigen gem. § 70b FGG ist besonders hervorzuheben, da
dieser in einem Verfahren die Interessen des Kindes vertritt und deren
Berücksichtigung einfordert. Außerdem ist es notwendig, ein Sachver-
ständigengutachten einzuholen (§ 70e FGG) sowie das Jugendamt (§ 49a Abs. 1 Nr.5
FGG), das Kind (§ 70c FGG) und eine Vertrauensperson (§ 70d FGG) anzuhören.
BERNZEN weist auf folgenden Sachverhalt hin: .Bei der gemäß § 70f Abs. 1 Nr. 3 FGG
erforderlichen Angabe des Endes der Unterbringung hat das Gericht einen Zeitpunkt festzusetzen,
bis zu dem die Unterbringung in jedem Fall für das Kindeswohl erforderlich ist, wird die
Unterbringung auf .Vorrat genehmigt, wird die gesamte gerichtliche Entscheidung rechtsfehlerhaft.
(ebd. 10).

Geschlossene Unterbringung in der Jugendhilfe . Ein Überblick

10
2.2 Geschlossene Unterbringung in Einrichtungen der Jugendhilfe .
Ein bundesweiter Überblick in Zahlen

Eine konkrete und aktuelle Statistik über Einrichtungen, die geschlossen
unterbringen, gibt es nicht. Dies wird immer wieder von verschiedenen Autoren
beklagt (vgl. REMSCHMIDT 1994, 269; AFET 1995, 139). Es liegt die Vermutung nahe,
dass die unterschiedlichen Auslegungen und Formen der geschlossenen
Unterbringung für diesen Umstand verantwortlich sind.

Dem Elften Kinder- und Jugendbericht zu Folge .(...) sind keine Einrichtungen bekannt,
die ausschließlich freiheitsentziehende Maßnahmen vorhalten. (BMFSFJ 2002, 240). Es hätten
sich .fließende Übergänge zwischen .offenen., .halboffenen., .individuell - geschlossenen. und
geschlossenen Formen der Betreuung herausgebildet. (ebd.)

Laut Bundesumfrage des LANDESJUGENAMTES SAARLAND haben im Jahre 2000 sechs
Bundesländer Einrichtungen mit geschlossener Unterbringung unterhalten. Es gab
acht Einrichtungen mit insgesamt 146 Plätzen. Das waren 21 Plätze mehr als 1998
(125 Plätze). Diese Zahl deckt sich mit der angenommenen Zahl der
INTERNATIONALEN GESELLSCHAFT FÜR ERZIEHERISCHE HILFEN (IGfH).

Ende 2002 wurde das Jugendheim Schönbühl mit achtzehn (teil-) geschlossenen
Plätzen aufgegeben. Mitte Dezember 2002 wurde ein geschlossenes Heim mit zwölf
gesicherten Plätzen für männliche Minderjährige in Hamburg eröffnet. Auf
Grundlage der ermittelten Zahlen des LANDESJUGENDAMTES DES SAARLANDES kann
man insofern aktuell von 140 Plätzen bundesweit ausgehen2.

2 In sechs Landesjugendamtsbereichen gibt es acht Einrichtungen mit insgesamt 140 Plätzen.
Niedersachsen: eine Einrichtung mit 8 Plätzen für Jungen; LWV Baden: zwei Einrichtungen mit je
12 Plätzen für Mädchen; Rheinland Pfalz: eine Einrichtung mit 9 Plätzen für Jungen; Bayern: zwei
Einrichtungen (42 Plätze für Mädchen und 18 Plätze für Jungen); Westfalen-Lippe: eine Einrichtung
mit 27 Plätzen für Jungen; Sowie Hamburg: eine Einrichtung mit 12 Plätzen für Jungen. Außerdem
gibt es noch zwei Einrichtungen mit insgesamt 30 Plätzen zur U-Haft-Vermeidung in Berlin und
Sachsen-Anhalt (vgl. LANDESJUGENDAMT DES SAARLANDES 2001).
11
3 Die Entwicklung der geschlossenen Unterbringung
in Hamburg
.Just for Show.? BERNZEN in DIE TAGESZEITUNG (KUTTER & BERNZEN, 1.2.2002)

Am 4.12.02, kurz vor Wiedereinführung der geschlossenen Unterbringung in
Hamburg, schrieb das HAMBURGER ABENDBLATT unter dem Titel .Was alles passieren
musste, bis nun wieder geschlossene Heime eingerichtet werden: (...) Der schockierendeste Fall der
vergangenen Jahre war 1998 der Mord an dem Tonndorfer Feinkosthändler Willi Dabelstein. (...)
Es war dieser Fall, der letztlich dazu führte, dass diesen Monat wieder ein geschlossenes Heim
eingerichtet wird..

3.1 Der Mord an Dabelstein 1998 in Hamburg-Tonndorf
.Die Jugendsenatorin träumt immer noch vom Konzept .Menschen statt Mauern..
AMTSRICHTER im HAMBURGER ABENDBLATT, 2.7.1998a

Als am 29.6.1998 der 77-jährige Kioskbesitzer Willi Dabelstein in Hamburg-
Tonndorf von zwei 16-jährigen Jugendlichen ermordet wurde, kochte die Diskussion
um die geschlossene Unterbringung wieder hoch. Schlagzeilen wie .Wenn Kinder
morden., .Menschen statt Mauern . Zu oft ging.s daneben., .Geschlossene Heime . Ja oder
Nein?., .Ganz ohne geschlossene Heime geht es nicht. und .Jugendgewalt . Hamburgs Sorge.
führten zu einer wahren Renaissance des vermeintlich abgeschlossenen Themas. Im
Vordergrund der öffentlich-politischen Diskussion stand die Frage nach der Inneren
Sicherheit . insbesondere der Schutz der Gesellschaft vor kriminellen Jugendlichen .
und dem seit Jahrzehnten regelmäßig konstatierten Anstieg der Jugendkriminalität
und der daraus resultierenden Forderung nach Wiedereinführung geschlossener
Unterbringung.

Im Folgenden gebe ich die Meinungen der Parteien zum Thema von 1998 wieder:

Der damalige Bürgermeister ORTWIN RUNDE von der SPD lehnte trotz
Bürgerprotesten, Initiativgruppen und Forderungen von anderen Parteien und Justiz
die Wiedereinführung geschlossener Heime ab. .Wenn geschlossen untergebracht werden
muss, dann gibt es die U-Haft und nach entsprechender Verurteilung die Haftanstalt. Das ist
geschlossene Unterbringung im wahrsten Sinne des Wortes. Da sind Gitter. Die Bevölkerung will
Sicherheit, und in dem Sinne bin ich für geschlossene Unterbringung. (...) Aus geschlossenen Heimen
Die Entwicklung der geschlossenen Unterbringung in Hamburg

12
sind die jungen Menschen immer ausgebüxt. (...) Man gaukelt den Menschen eine Sicherheit vor, die
es nicht gibt (...). Der Glaube, man könnte Jugendliche wegschließen, ist ein schlichter Irrglaube.
(HAMBURGER ABENDBLATT, 16.7.1998a). Der damalige Innensenator ergänzend:
.Probleme, die in der Gesellschaft ihre Wurzeln haben, müssen wir dort lösen. Die Probleme lassen
sich nicht wegsperren. (HAMBURGER ABENDBLATT, 2.7.1998b).

Die Mehrheit der GAL lehnte die gesicherte Unterbringung strikt ab. So die damalige
jugendpolitische Sprecherin der GAL-Fraktion: .Für uns kommen geschlossene Heime
nicht in Frage. Wegsperren ist keine Lösung. (HAMBURGER ABENDBLATT, 19.6.1998). .Die
Erfahrung zeigt, dass geschlossene Heime gerade bei Kindern und Jugendlichen zu einer Zunahme
der Gewaltbereitschaft geführt haben., erklärte die ehemalige Chefin der GAL
(HAMBURGER ABENDBLATT, 2.7.1998b).

Die Opposition forderte hingegen die Wiedereinführung der geschlossenen
Heimunterbringung in Hamburg. . (...) Hamburg [benötigt] (d.Verf.) mindestens 20 Plätze
mit sozialpädagogischer Intensivbetreuung und gesicherter Unterbringung. (HAMBURGER
ABENDBLATT, 16.7.1998b). Die CDU warf dem Rot-Grünen Senats politisches
Versagen im Umgang mit jugendlichen Straftätern vor. So der damalige CDU
Landesvorsitzende: .Wer solchen Menschen mit Wohnungen in sanierten Altbauvillen und
Segeltörns für ihre kriminellen Aktivitäten auch noch das Leben versüßt, der trägt Mitschuld an
den grausamen Verbrechen. (...) Ich fordere Bürgermeister Runde auf, die Bevölkerung endlich vor
diesen Menschen zu schützen. Dies kann nur durch eine gesicherte Unterbringung jugendlicher
Gewalttäter und ihre Intensivbetreuung geschehen. (HAMBURGER ABENDBLATT, 2.7.1998b).
Weiterhin dazu der damalige jugendpolitische Sprecher der CDU: .Wir fordern schon
seit langem eine gesicherte Unterbringung für jugendliche Intensivtäter. Um auf die Jugendlichen
einwirken zu können, muss man sie auch haben. (...) Bei schwerkriminellen Jugendlichen garantiert
die geschlossene Unterbringung außerdem, dass potenzielle Opfer so vor den Tätern geschützt
werden. (HAMBURGER ABENDBLATT, 19.6.1998).

Diese politisch kontrovers geführte Diskussion spiegelte sich auch zwei Jahre später
in der Ergebnissen des Berichtes der Enquete-Kommission .Jugendkriminalität und
ihre gesellschaftlichen Ursachen (im Folgenden: ENQUETE-BERICHT) wieder.



Die Entwicklung der geschlossenen Unterbringung in Hamburg

13
3.2 Der Bericht der Enquete-Kommission
.Jugendkriminalität und ihre gesellschaftlichen Ursachen.
.Strittig blieb in der Kommission, ob eine dieser Unterstützungsformen die Schaffung einer
verbindlichen Unterbringung sein sollte..
BÜRGERSCHAFT DER FREIEN UND HANSESTADT HAMBURG 2000, S. 269

Am 14.1.1998 wurde die Einsetzung einer Enquete Kommission durch die
HAMBURGER BÜRGERSCHAFT beschlossen. Sie tagte in den Jahren 1998 bis 2000 und
legte im April 2000 abschließende Ergebnisse vor. Die Arbeitsschwerpunkte der
Kommission waren: Jugendstrafrechtliche Praxis, Jugendhilfe und Prävention.

Im Folgenden werde ich die im Bericht enthaltenen Untersuchungsergebnisse zur
geschlossenen Unterbringung darlegen.

.Die gegenwärtig in der Öffentlichkeit von verschiedenen Seiten erhobene Forderung nach
.geschlossener Unterbringung von Jugendlichen, die als besonders problematisch und mit den zur
Verfügung stehenden Möglichkeiten der Jugendhilfe nicht erreichbar angesehen werden, wurde in der
Kommission ausführlich und sehr kontrovers diskutiert. (BÜRGERSCHAFT DER FREIEN UND
HANSESTADT HAMBURG 2000, 220). Bezüglich dieser Forderung wurde von der
Kommission keine einheitliche Aussage gemacht: .Vor allem die Befürchtung, dass die
verbindliche Unterbringung, wie sie in dem abweichendem Votum gefordert wird, zur
Wiedereinführung geschlossener Heime führen würde, verhinderte ein einvernehmliches Votum.
(ebd. 269).

Das abweichende Votum3 kritisierte die dominierende und .monopolartige. (ebd. 230)
Handlungsmaxime der Lebensweltorientierung im Umgang mit den .besonders
Schwierigen. in der Hamburger Jugendhilfe. .Die Lebensweltorientierung ist als alleiniges
handlungsleitendes Konzept für den Umgang mit erheblich gefährdeten und massiv delinquenten
Kindern und Jugendlichem nicht geeignet. Zum Teil erweist es sich als kontraproduktiv und
verschlechtert die Situation der Betroffenen und ihrer Bezugspersonen noch dadurch, dass notwendige
Hilfen unterbleiben. (ebd. 221). Daraus resultiert die Frage, .(...) ob in jedem noch so
extremen Einzelfall (...) auf eine verbindliche Unterbringung verzichtet werden kann. (ebd. 234).
Die Begrifflichkeit der geschlossenen Unterbringung wird ersetzt durch die
Bezeichnung der .verbindlichen Unterbringung., um sich von den geschlossenen
3 Das abweichende Votum bestand hauptsächlich aus CDU-Abgeordneten der Hamburgischen Bürgerschaft,
Vertretern der Justiz und einem bekannten Befürworter geschlossener Unterbringung aus Berlin.
Die Entwicklung der geschlossenen Unterbringung in Hamburg

14
Einrichtungen der 70er und 80er Jahre abzugrenzen. Des Weiteren soll so
.(...) die angestrebte verbindliche Beziehungsform zwischen Betreuern und Jugendlichen. (ebd. 234)
akzentuiert werden. Das Votum sieht einen Bedarf für einzelne geschlossene Plätze
für die kinder- und jugendpsychiatrische Versorgung, so z.B. bei Drogenabhängigkeit
(vgl. 229). Allerdings ginge es .bei der Frage nach einer verbindlichen Unterbringung (...) nicht
darum, eine größere Anzahl schwieriger Kinder wegzuschließen. Eine solche Forderung (...) ist aus
fachlich-inhaltlichen Gründen nicht vertretbar und deshalb zurückzuweisen. (ebd. 234).
Abschließend heißt es: .Dem radikalen, vor allem politischen Verzicht auf eine verbindliche
Unterbringung kann nicht gefolgt werden. Die Einrichtung oder Nutzung einer begrenzten Anzahl
von Plätzen mit verbindlicher Betreuung wird befürwortet. (ebd. 238).

3.3 Der Regierungswechsel 2001 in Hamburg
.Die Bekämpfung der Jugendkriminalität hat für mich höchste Priorität..
SCHILL im HAMBURGER ABENDBLATT, 19.12.2002

RONALD SCHILL (.Partei rechtsstaatlicher Offensive., sog. .Schill-Partei.) und die
CDU forderten schon während ihres Wahlkampfes 2000 geschlossene Plätze für
delinquente Kinder und Jugendliche. Nach dem Regierungswechsel vom Rot-Grünen
Senat zu einer CDU-Schill-Partei und FDP Koalition nach der Bürgerschaftswahl am
23. September 2001 setzte der neue Senat sein Wahlversprechen zügig um. Dabei
geht das Konzept über die Vorschläge und Formulierungen im ENQUETE-BERICHT
deutlich hinaus. Nach KRÖLLS (2002, 8) vollzieht .die neue Regierung (...) hier eine
Maßnahme, die bekanntlich in Kreisen der Hamburger Sozialdemokratie bereits in der Endphase
ihrer Regierungszeit angedacht worden war (...)..

Im Koalitionsvertrag von 2001 heißt es unter dem Punkt .Jugendgerichtsbarkeit.:
.Jugendliche, die Straftaten begehen, müssen frühzeitig ihr Unrecht vor Augen geführt bekommen
sowie zeitnah und konsequent zur Verantwortung gezogen werden, um eine kriminelle Laufbahn
zu verhindern. (...) Für Intensivtäter (insbesondere Gewalttäter und Dealer) wird die erforderliche
Zahl von Plätzen in geschlossenen Einrichtungen bereitgestellt. Die Einrichtungen orientieren sich
an den modernen Grundsätzen zur erzieherischen Betreuung. Eine Zusammenarbeit mit
umliegenden Bundesländern wird dabei angestrebt. Auf erlebnispädagogische Reisen für jugendliche
Straftäter als Ersatz für Bestrafung wird verzichtet. (FREIE UND HANSESTADT HAMBURG,
2001, 13-14).

Die Entwicklung der geschlossenen Unterbringung in Hamburg

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3.4 Die Umsetzung der geschlossenen Unterbringung in Hamburg
.(...) zügig, konsequent, und mit gebotener Härte..
SCHNIEBER-JASTRAM im HAMBURGER ABENDBLATT, 3.7.2002

Ausgehend von dem Koalitionsvertrag stellte die amtierende Hamburger
Sozialsenatorin am 2. Juli 2002 . gegen den Willen des Landesjugendhilfeausschusses
(LJHA) (vgl. LANDESJUGENDHILFEAUSSCHUSS HAMBURG 2002a) . das vorläufige
Senatskonzept für geschlossene Heime in Verbindung mit der Einsetzung des
sogenannten Familien-Interventions-Teams (FIT) vor (ausführliche Beschreibung
des endgültigen Konzeptes siehe Kapitel 3.4.1).

Demnach sollte zukünftig auf kriminelles Verhalten von Kindern und Jugendlichen
.(...) schnell, konsequent, und mit der gebotenen Härte reagiert. werden, .(...) um die
Minderjährigen vor sich selbst und die Bürger vor ihren Taten zu schützen. (FREIE UND
HANSESTADT HAMBURG, 2002a). Die Jugendhilfe wird .(...) um die Möglichkeit der
verbindlichen Unterbringung in einem geschlossenen Heim erweitert. (FREIE UND HANSESSTADT
HAMBURG, 2002b, 1), wobei sich das Konzept an .(...) modernen Grundsätzen
erzieherischer Betreuung. (ebd. 5) orientieren soll und .(...) in vorbildlicher Art und Weise
verbindliches Handeln mit fordernden und fördernden pädagogischen Elementen. verbindet
(FREIE UND HANSESTADT HAMBURG, 2002a). Praktisch sieht das Konzept einen
.abgestuften Maßnahmenkatalog. vor, der von dem FIT koordiniert und
durchgeführt wird. Das FIT sollte zum 1.10.02 eingerichtet werden, und ist laut
Behörde als spezialisierter Beratungsdienst zu verstehen. Eltern sollen in die
Erziehungsverantwortung genommen werden. Widersetzen sich Jugendliche und
Eltern der .(...) aktiven Mitarbeit an den einzuleitenden Maßnahmen (...)., .(...) dann wird
ohne Zögern schlüssig gehandelt. (ebd.).

Geplant war die Schaffung von insgesamt 90 Plätzen in drei Einrichtungen: 25 Plätze
für Kinder, 50 Plätze für Jugendliche und 15 Plätze waren für minderjährige
Jugendliche vorgesehen, die mit ihrer baldigen Abschiebung rechnen müssen.

Die Kinder sollten als Übergangslösung in bestehenden Gruppen des
Landesbetriebes Erziehung und Berufsbildung (LEB) untergebracht werden. Als
Hauptstandort für die 50 Plätze für Jugendliche sollte der Kinder- und
Jugendhilfenotdienst in der Feuerbergstraße fungieren, wo die ersten 25 Plätze ab
Oktober 2002 aufnahmebereit sein sollten. In der Jugendarrestanstalt Schädlerstraße
Die Entwicklung der geschlossenen Unterbringung in Hamburg

16
in Wandsbek sollten die voraussichtlich abzuschiebenden minderjährigen Dealer
untergebracht werden. Bauliche Geschlossenheit der fluchtsicheren Einrichtungen
sollte durch gesicherte Fenster und Türen sowie einen Zaun garantiert werden.

Im Folgenden stelle ich die Reaktionen auf das vorläufige Konzept der
geschlossenen Unterbringung dar.

Die GAL verurteilte grundsätzlich das von der Sozialbehörde vorgestellte Konzept.
Die Opposition der SPD reagierte zurückhaltend, aber nicht ablehnend. So der
jugendpolitischer Sprecher der SPD: .Der vorgelegte Entwurf ist eine Gesprächsgrundlage.
(SPD-FRAKTION, 2002a). Die geforderten 90 Plätze seien angesichts der bundesweit
existierenden 146 Plätze unverhältnismäßig und .wider jeden Bedarf und jede Vernunft.
(ebd.). Es ging der Hamburger SPD nicht um das Ob, sondern um das Wie der
Einführung der geschlossenen Unterbringung in Hamburg. So sah die SPD einen
Bedarf von 20-30 Plätzen und hatte Eckpunkte für eine Jugendhilfereform zur
Bekämpfung der Jugendkriminalität vorgelegt (vgl. SPD-FRAKTION 2002b). Allerdings
stellt sich Ex-Sozialsenator EHLERS (SPD) gegen die Meinung seiner eigenen Partei:
.Der alte Gedanke der Vorbeugehaft wird wieder hervorgeholt. (AHRENS 11.7.02). Während
seiner Amtszeit wurde die geschlossene Unterbringung in Hamburg abgeschafft (vgl.
Dokumentation der Abschaffung der geschlossenen Heimunterbringung in Hamburg
u.a. PETERS 1988, WOLF 1995a)

Die Koalitionspartner FDP und Schill-Partei begrüßten das von der CDU erstellte
Konzept zur geschlossenen Unterbringung.

Bei der Fachöffentlichkeit löste das Konzept Proteste und massive Kritik aus. So
bezeichnete das DIAKONISCHE WERK das Konzept des Senats als ein .fachliches
Armutszeugnis., welches .in sich widersprüchlich und teuer. ist (vgl. DIE TAGESZEITUNG,
4.7.2002). Auch die KRIMINOLOGISCHE INITIATIVE HAMBURG, die SOZIALPOLITISCHE
OPPOSITION HAMBURG (SoPo), PRO ASYL, das RAUHE HAUS, die
Dienstleistungsgewerkschaft VERDI und viele andere forderten den Senat auf, den
Beschluss zur Schaffung der geschlossenen Unterbringung mit 90 Plätzen
aufzuheben (vgl. u.a. PLOG 5.7.2002; DIE TAGESZEITUNG, 9.7.2002). Auch über
Hamburgs Grenzen hinaus wurde scharfe Kritik laut, insbesondere da die Schaffung
von 90 geschlossenen Heimplätzen auch von .bundespolitischer Bedeutung. sei
Die Entwicklung der geschlossenen Unterbringung in Hamburg

17
(vgl. KUTTER & TREDE 12.8.2002), so TREDE von der INTERNATIONALEN
GESELLSCHAFT FÜR ERZIEHERISCHE HILFEN (IGfH). In einer Stellungnahme
konstatierte die IGfH, dass das geplante Konzept des Senats .(...) aus fachlichen,
pädagogischen und kriminologischen Erkenntnissen und Erfahrungen heraus [als] (d.Verf.)
katastrophal verfehlt. (IGfH 2002, 44) zu bewerten sei. Das Hamburger Modell wäre
.rechtlich hochproblematisch., .pädagogisch verfehlt. und .wird die Jugendhilfe der Hansestadt um
Jahrzehnte zurückwerfen. (vgl. ebd. 44-45).

Inzwischen wurde VERA BIRTSCH als Leiterin des Amtes für Jugend versetzt. Sie war
als Kritikerin geschlossener Unterbringung bekannt (vgl. z.B. BIRTSCH 1982, 1983,
1986).

Nach über 20 Jahren war es am 3. September 2002 .beschlossene Sache.
(Senatsbeschluss). Hamburg führte zum 1. Dezember 2002 die geschlossene
Unterbringung für kriminelle Kinder und Jugendliche wieder ein (vgl. FREIE UND
HANSESTADT HAMBURG, 2002c). Geplant waren zu diesem Zeitpunkt 25 Plätze für
Jugendliche in der Feuerbergstraße und 10 Plätze für Kinder in bestehenden
Einrichtungen der Jugendhilfe, die jedoch bei entsprechendem Bedarf auf 90 Plätze
erhöht werden könnten. Die Schaffung einer Einrichtung mit 15 Plätzen für
straffällige Minderjährige, die mit einer baldigen Abschiebung rechnen müssen wird
vom Bedarf an diesen Plätzen abhängig gemacht. Auch das FIT sollte zum ersten
Dezember seinen Dienst beginnen.

Es wurden Kosten von 220 bis 250 EURO pro Tag und Platz veranschlagt. Die
Unterbringung sollte in der Regel für 1 Jahr, bei Kindern auch länger, erfolgen. Die
Sozialbehörde rechnet mit etwa tausend Meldungen an das FIT durch die Polizei im
Jahr.

Neben den anhaltenden Protesten aus der Fachöffentlichkeit machten jetzt auch
Juristen ihre Kritik publik. Umstritten ist insbesondere die Aufenthaltsdauer von
mindestens einem Jahr, die auf der Rechtsgrundlage des Paragrafen 1631b BGB
beruhen soll. Dieser begründet eine Freiheitsentziehung bei Gefährdung des
Kindeswohls durch eine Entscheidung des Familienrichters, allerdings nicht pro
forma für einen langen Zeitraum. .Der Paragraf sei in der Fachwelt ohnehin umstritten, weil
es sich bei Freiheits- und Kindesentzug um .intensive Grundrechtseingriffe handle. Vor allem aber
Die Entwicklung der geschlossenen Unterbringung in Hamburg

18
.gibt es bundesweit keine Fälle, in denen dies länger als wenige Wochen gewährt wird.
(KUTTER 5.9.2002), so ein Vertreter der ARBEITSGEMEINSCHAFT SOZIALDEMO-
KRATISCHER JURISTINNEN. Auch die Funktion des Amtsvormundes im FIT ist strittig.
Laut Jugendhilferechtsexperten BERNZEN kann .gegen den Willen der Vormünder auch ein
Familiengericht die geschlossene Unterbringung nicht genehmigen. Vormünder, die dem FIT
angehören, wären jedoch als Teil des Staates zu betrachten, der wiederum ein Interesse hat, die 300
Euro pro Tag teuren Plätze zu besetzen. (ebd.).

Die SPD hält an ihrer Position weiterhin fest. Sie kritisiert nicht die Einführung der
geschlossenen Unterbringung sondern ihre praktische Umsetzung. Sie schlägt einen
Neubau für die geschlossene Einrichtung vor, der sich an den konzeptionellen und
pädagogischen Standards wie z.B. des Rummelsberger Pädagogisch-Therapeutischen
Intensivbereichs orientieren soll. Die geplante Unterbringung in der Feuerbergstraße
sei nicht geeignet, da .gebe es nur sechs bis acht Quadratmeter kleine Zellen.. .Das fördert die
Aggression., und weiter: .Wenn man so etwas macht, muss es der Pädagogik dienlich sein. (DIE
TAGESZEITUNG, 16.9.2002), so ein SPD-Jugendpolitiker.

Im Oktober 2002 reduzierte sich die Zahl von geplanten 50 Plätzen auf 12 Plätze, die
unter Umständen auf 25 Plätze aufgestockt werden könnten. Der geplante Einzug in
das Atriumhaus auf dem Gelände der Feuerbergstraße in Alsterdorf zum ersten
Dezember verschob sich auf Mitte Dezember.

Auch wurde laut HAMBURGER ABENDBLATT vom 5.11.02 ein Neubau mit einer
Kapazität von 50 Plätzen von der Sozialsenatorin in Erwägung gezogen, welcher mit
einem Investorenmodell finanziert werden sollte.

Die Finanzierung der geschlossenen Unterbringung war und ist für den Senat ein
großes Problem. Trotzdem wurden bisher keine Kosten und Mühen gescheut, das
Konzept zum .Erfolg. zu bringen. Die Kosten von insgesamt 2 Millionen Euro pro
Jahr (80.000 Euro pro Platz pro Jahr) sollen durch Schließung einer Intensiv
betreuten Wohngruppe (IBW) sowie mit Geldern aus anderen Bereichen der
Jugendhilfe gedeckt werden. Der Umbau in der Feuerbergstraße kostete 290.000
Euro.


Die Entwicklung der geschlossenen Unterbringung in Hamburg

19
3.4.1 Das Konzept des Hamburger Senats
.Das Ticket für die Einweisung ist keine Straftat, sondern die Kindeswohlgefährdung..
BANGE in DIE TAGESZEITUNG (KUTTER 19.12.2002)

Im November 2002 wurde das endgültige .Konzept des Senats zur Geschlossenen
Unterbringung für Minderjährige bei Kindeswohlgefährdung durch die Begehung
von Straftaten in wiederholten oder gravierenden einzelnen Fällen und zu
Maßnahmen der Jugendhilfe zur Stärkung der Erziehungsverantwortung der Eltern.
(vgl. FREIE UND HANSESTADT HAMBURG 2002d) vorgelegt. Das Senatskonzept fußt
auf zwei Säulen:

1. Die Schaffung einer omnipotenten Koordinations- und Handlungsinstanz,
dem Familien-Interventions-Team (FIT).
2. Die Errichtung eines geschlossenen Heimes für kriminelle Kinder und
Jugendliche in der Feuerbergstraße

Im Folgenden stelle ich die wichtigsten inhaltlichen und konzeptionellen Eckdaten
des Hamburger Konzeptes dar.

3.4.1.1 Das Familien-Interventions-Team (FIT)
. (...) das ist bundesweit einmalig..
SCHNIEBER-JASTRAM in DIE TAGESZEITUNG (AHRENS 3.7.2002)

FIT als .Spezialdienst. soll nach einem sogenannten Stufenverfahren intervenieren:

Stufe 1: Die Polizei meldet alle Daten von straffällig gewordenen Kindern und
Jugendlichen dem FIT.

Stufe 2: Nach Meldung der Polizei macht das FIT bei schweren und gefährlichen
Gewalttaten, die eine unmittelbare Kindeswohlgefährdung implizieren, innerhalb von
fünf Tagen einen Hausbesuch bei den Eltern. Hier sollen Eltern und Jugendliche zur
Mitarbeit an verbindlichen Hilfeplänen, wie z.B. Beratung, Unterstützung in der
Erziehung, etc. verpflichtet werden. Ziel ist es, Eltern dadurch aktiv in die
Erziehungspflicht zu nehmen. Der Erfolg der eingeleiteten Hilfe wird durch das FIT
kontrolliert.
Die Entwicklung der geschlossenen Unterbringung in Hamburg

20
Bei weniger schweren Delikten von Kindern und Jugendlichen wird der Fall dem
Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) zur weiteren Bearbeitung übertragen. Die
eingeleiteten Hilfemaßnahmen des ASD werden vom FIT im Rahmen eines
Controlling überprüft und kontrolliert.

Stufe 3: Bei Widersetzung oder mangelnder Kooperation der Eltern und des
Minderjährigen stellt das FIT direkt einen Antrag beim zuständigen Gericht auf ein
Ermahnungsgespräch oder geschlossene Unterbringung. Das FIT ist befugt .(...)
sofort zur Not auch gegen den Willen der Eltern mit den notwendigen Anträgen an das zuständige
Gericht eine stationäre Erziehungshilfe einschließlich geschlossener Unterbringung einzuleiten.
(FREIE UND HANSESTADT HAMBURG 2002d, 3); d.h. willigen die Eltern bei Anordnung
einer stationären Unterbringung gemäß § 34 KJHG oder geschlossener Unter-
bringung nicht ein, soll ihnen die Personensorge ganz oder teilweise entzogen und
einem dem FIT angegliederten Amtsvormund übertragen werden.

Am 9.1.2003 nahm das FIT, bestehend aus sechs Mitarbeitern seine Arbeit auf. Dem
Team ist ein Amtsvormund angegliedert. Das FIT erwartet 1000 Anfragen pro Jahr,
welche sich auf 600 Jugendliche beziehen. Die Kosten für das FIT belaufen sich auf
350.000 Euro im Jahr.

3.4.1.2 Die geschlossene Unterbringung
.(...) mit dem Ziel, junge Menschen langfristig wieder in Freiheit zu bringen..
SCHNIEBER-JASTRAM in DIE TAGESZEITUNG (AHRENS 3.7.02)

• Die Einweisung erfolgt per richterlichen Beschluss gemäß § 1631b BGB.
• Zielgruppe sind männliche Minderjährige im Alter von 12 bis 16 Jahren.
• Die geschlossene Unterbringung ist auf eine Dauer von mindestens
einem Jahr ausgelegt.
• Es besteht ein strukturierter und geregelter Tagesablauf, mit dem Ziel,
den Jugendlichen wieder Orientierung zu geben.
• Es gibt verbindliche Regeln, deren Nichteinhaltung sanktioniert wird.
• Es sollen verbindliche Beziehungsangebote offeriert werden.
Dies beinhaltet eine .Rund-um-die-Uhr-Betreuung., eine hohe
Betreuungsdichte (annähernd 1:1) sowie eine einfühlende und grenzziehende
pädagogische Haltung gegenüber dem Minderjährigen.
Die Entwicklung der geschlossenen Unterbringung in Hamburg

21
• Auf schulische und berufliche Qualifikation wird besonderen Wert gelegt,
.(...) um ihnen die soziale Integration über eine berufliche Perspektive zu erleichtern.
(FREIE UND HANSESTADT HAMBURG 2002d, 7). Es gibt eine hauseigene Schule
und einen Werkraum.
• Die Minderjährigen sollen mit den Folgen ihrer Taten für die Opfer
konfrontiert werden. Sie sollen mittels eines Verhaltenstrainings lernen, .(...)
sich in Zukunft in Konfliktsituationen gewaltfrei und sozial angemessen zu verhalten und
Defizite im Sozialverhalten abzubauen. (ebd.).
• Es gibt ein therapeutisches Angebot.
• Sportangebote sind ein fester Bestandteil der Einrichtung.

Die geschlossene Unterbringung ist durch ein sogenanntes .Phasenmodell.
gekennzeichnet, d.h. Freiheiten können individuell je nach Lernfortschritt und
Entwicklungsstand erworben werden (vgl. FREIE UND HANSESTADT HAMBURG 2002e).
Der Hamburger Sozialstaatsrat äußerte sich diesbezüglich folgendermaßen: .Das was
die Jugendlichen dort erfahren, ist etwas was sie bisher so noch nicht erfahren haben, nämlich eine
relative konfrontative Pädagogik. Sie sind vier Wochen (...) zunächst den Erziehern, den Pädagogen
quasi ausgeliefert, vor dem Hintergrund, dass es sich um relativ harte Jungs handelt. Dann werden
sie langsam, langsam an die Freiheit gewöhnt. (SCHALTHOFF LIVE 2003).

Die Aufnahmegruppe wird als .Eingewöhnungs- und Orientierungsphase. verstanden. Ein
.anlassbezogener Ausgang. ist nur in Begleitung und Absprache möglich. Bei
vierwöchiger Einhaltung der Regeln wechselt der Minderjährige in die
.Konsolidierungsphase.. Die verbindliche Teilnahme an Schulbesuchen,
Beschäftigungsmaßnahmen sowie an Einzel- und Gruppengesprächen wird
vorausgesetzt. Ausgang findet an zwei Nachmittagen in der Woche statt, anfangs mit
Begleitung, bei Bewährung ist alleiniger Ausgang möglich. Der Einhaltung von
Regeln wird eine große Bedeutung beigemessen. Werden Regeln missachtet, gelten
für zwei Wochen wieder die Einschränkungen der ersten Phase. In der
.Erprobungsphase. bleiben die Gruppenangebote verbindlich. Ausgangszeiten können
individuell abgesprochen werden. Die erfolgreiche Einbindung in ein externes Schul-
oder Ausbildungsangebot steht im Vordergrund. Bei einer Regelverletzung erfolgt
für zwei Wochen die Rückstufung in Phase 1. Diese Phase wird beendet, wenn der
Minderjährige seine Alltagsgestaltung seinem Alter entsprechend selbstverantwortlich
gestalten kann. In der .Reintegrationsphase. steht die Rückkehr in die Familie, in eine
Die Entwicklung der geschlossenen Unterbringung in Hamburg

22
geeignete Betreuungsform oder in eigenen Wohnraum im Mittelpunkt. Diese Phase
endet mit einer Erziehungskonferenz.

Am 18. Dezember 2002 wurde das geschlossene Heim in der Feuerbergstraße mit
zwölf Plätzen für delinquente männliche Kinder und Jugendliche eröffnet. Zehn
Sozialpädagogen, ein Psychologe sowie Lehrer und Handwerker bilden das Team.

3.4.2 Eine erste Bestandsaufnahme
.Haus der offenen Tür. TITEL in DIE TAGESZEITUNG (SPANNER 13.3.2003)

Nach über zwanzig Jahren wurde am 24. Januar 2003 ein 14-jähriger Junge als erster
Insasse in die geschlossene Unterbringung in Hamburg eingewiesen. Der Junge soll
seit seinem zwölften Lebensjahr wegen mehrerer Delikte, wie Raub, Erpressung und
Diebstahl bei der Polizei bekannt gewesen sein. Seine Mutter hat nach
Behördenaussagen der Einweisung ihres Kindes zugestimmt.

Ende Januar legte die staatliche Pressestelle die erste Bilanz des Familien-
Interventions-Teams vor. Demnach wurden dem FIT 105 Fälle im Zeitraum vom
2.1. bis 23.1. 2003 von der Polizei gemeldet, von denen das FIT zwanzig Fälle selbst
übernommen hat (vgl. FREIE UND HANSESTADT HAMBURG, 2003b).

In der Nacht zum 12. Februar, knapp zwei Wochen nach der Einweisung des ersten
Jugendlichen in das geschlossene Heim, konnte ein 16-jähriger Insasse aus dem Heim
fliehen. Eine Behördensprecherin äußerte: .Ein geschlossenes Heim ist kein Gefängnis. Es
wird nie eine hundertprozentige Sicherheit geben. (PINZKE 13.2.2003). Trotzdem wurden die
baulichen Sicherheitsmaßnahmen verstärkt.

Als am 11. März erneut zwei Jugendlichen die Flucht aus dem geschlossenen Heim
gelang, kam die Behörde u.a. aufgrund des breiten Medienechos in Erklärungsnot.
.Unsere Mitarbeiter sind keine Wachleute. (FRIEDERICHS & KUMMEREINCKE 12.3.2003),
und weiter: .Das Konzept des geschlossenen Heims steht nicht zur Diskussion. (ebd.), so die
Sprecherin der Behörde. Als Konsequenz wurden die physikalischen
Sicherheitsvorrichtungen ein weiteres Mal modifiziert und verschärft, was den Senat
bisher 73 000 Euro kostete.
Die Entwicklung der geschlossenen Unterbringung in Hamburg

23
Die GAL hingegen erklärte das Konzept für gescheitert und forderte den Senat auf,
das Heim zu schließen. Ebenso hagelte es Vorwürfe von der SPD. Sie fordert: .Das
Konzept muss auf den Prüfstand, um weiteren Schaden abzuwenden. (MEYER-WELLMANN
13.3.2003). Aber auch aus den eigenen Reihen muss sich die Behörde Kritik gefallen
lassen. Dass die pädagogische Betreuung erst an zweiter Stelle steht, macht der
Sprecher der Schill-Fraktion deutlich: .Für uns geht es vorrangig um den Schutz der
Bevölkerung vor kriminellen Jugendlichen. (DIE WELT, 13.3.2003).

Ende März legt die erste Mutter gegen das FIT Dienstaufsichtsbeschwerde ein. Sie
setzte sich gegen die angeordneten Maßnahmen und die Vorgehensweise des FIT zur
Wehr, woraufhin ihr das Sorgerecht entzogen wurde.

Als Ende April eine neue Fluchtserie bekannt wurde, ist der Geschäftsführer des
LEB als Konsequenz aus diesen Ereignissen zurückgetreten. Was von Seiten der
Fachöffentlichkeit und der GAL als Scheitern des Konzeptes gewertet wird, ist nach
Meinung eines SPD-Jugendpolitikers schlichte Dummheit des Senates. Sein Fazit:
.Der Senat ist zu doof, um geschlossene Unterbringung fachlich fundiert zu machen. (KUTTER &
SPANNER 29.4.2003). Die Sozialbehörde kündigt als Reaktion auf die Geschehnisse
eine härtere Vorgehensweise mit den Insassen sowie erneute Sicherheits-
verschärfungen an. Dies beinhaltet die Fertigstellung eines drei Meter hohen Zaunes,
die Installation eines Wachdienstes und die Einrichtung eines .Beruhigungsraumes.,
in dem die Jugendlichen bei aggressivem Verhalten .zum Abkühlen. eingesperrt
werden sollen (vgl. HAMBURGER ABENDBLATT 29.4.2003). Auch die dort
beschäftigten Pädagogen sollen darauf eingeschworen werden, auch mal .zupacken.
zu dürfen. Es dürfe keine .Zimperlichkeiten. mehr geben, so der Staatsrat der
Sozialbehörde (vgl. DIE TAGESZEITUNG 30.4.2003). Das Konzept steht nach wie vor
nicht zur Diskussion.

Ende April liegt die Entweichungsquote bei 140% (7 Ausbrüche bei insgesamt fünf
Jugendlichen in der Zeit vom 24.1.03 bis 29.4.03).
24
4 Geschlossene Unterbringung in der fachlichen Diskussion

Die Diskussion um die geschlossene Unterbringung ist nicht neu, sondern hat eine
lange Tradition. Die Frage nach dem pädagogischen Nutzen freiheitsentziehender
Maßnahmen in Rahmen der Jugendhilfe beschäftigt die Fachöffentlichkeit seit mehr
als 25 Jahren.

Im Zuge der Jugendhilferechtsreform, wo über eine Verankerung der geschlossenen
Unterbringung im Gesetz nachgedacht wurde, fanden Ende der 70er Jahre
verschiedene Fachtagungen zum Thema statt (vgl. z.B. BUNDESJUGENDKURATORIUM
1981), wo ..Befürworter. (vor allem Teile der Jugendhilfeadministration, Mitarbeiter und Leiter
der betreffenden Heime) und .Gegner. (vorwiegend Wissenschaftler und Mitarbeiter aus
Alternativprojekten) (...) wenn auch nicht zu einem Dialog, so doch immer wieder einmal zu einem
Schlagabtausch zusammen. fanden (WOLFFERSDORFF & SPRAU-KUHLEN 1990, 14).

In den 80er Jahren führten die Heimreform, die sich gegen die repressive
Heimerziehung insgesamt richtete, und zurückliegende .Heimskandale. (vgl. z.B.
.Bambule. ein Film von ULRIKE MEINHOF) zur Schließung einer Großzahl der
geschlossenen Heime. .Geschlossenheit. wurde als .(...) Restelement einer zu
überwindenden repressiven Fürsorgeerziehung betrachtet. (PANKOFER, 1997, 45). Gestützt
wurde die Kritik durch den organisationssoziologischen Ansatz von GOFFMAN
(1972), der die Stigmatisierungs-, Hospitalisierungs- und Ausgrenzungsprozesse der
Insassen in .totalen Institutionen. ausführlich beschrieben hat.

Anfang 1980 beschloss die Hamburger Sozialbehörde unter dem Slogan .Menschen
statt Mauern. zukünftig nicht mehr geschlossen unterzubringen (vgl. BITTSCHEID-
PETERS & KOCH 1981, BITTSCHEID-PETERS & MAHNKOPF & WOHLERT 1982).
Lebensweltlich orientierte Hilfsangebote haben seitdem unter der Maßgabe von
.Entspezialisierung. und .Dezentralisierung. (vgl. WOLF 1995b, 93ff.) an Bedeutung
gewonnen. Kleinere Heime, Wohngemeinschaften, Jugendwohnungen, intensive
Einzelbetreuung und erlebnispädagogische Elemente stehen als Beispiel für eine
differenzierte pädagogische und therapeutische Angebotsstruktur, die sich an dem
sozialen Umfeld der Kinder und Jugendlichen orientiert. Ambulante
Erziehungshilfen wurden seit Inkrafttreten des KJHG kontinuierlich ausgebaut.
Geschlossene Unterbringung in der fachlichen Diskussion

25
Geschlossene Unterbringung galt zu diesem Zeitpunkt und gilt auch heute in großen
Teilen der Fachöffentlichkeit als Auslaufmodell.

Die Forderung nach Wiedereinführung bzw. Ausweitung des Angebots
geschlossener Unterbringung seit den Anfängen der 90er Jahre hat ihren
Ausgangspunkt zumeist in öffentlich-politischen Forderungen, die im Kontext von
der Frage der Inneren Sicherheit und der ansteigenden Kinder- und
Jugendkriminalität diskutiert wurde (vgl. Kapitel 3 und 5). Dies belebte zwangsläufig
auch die alte Pro-Contra-Diskussion in der Fachöffentlichkeit wieder.

Innerhalb der Kinder- und Jugendhilfe polarisiert die Thematik der geschlossenen
Unterbringung nach wie vor wie keine andere. Die entscheidende Frage in diesem
Kontext lautet, ob und inwiefern ausgehend von dem zentralem Paradigma der
Lebensweltorientierung . konkretisiert durch die Maximen der Partizipation,
Teilhabe, Alltagsorientierung und Integration . geschlossene Unterbringung ihre
Berechtigung als Erziehungshilfe in der Jugendhilfe für die .besonders Schwierigen.
hat. Die Problematisierung von .Erziehung unter Freiheitsentzug. (.Erziehung
durch Strafe.) und dem damit verbundenen (unterstellten) disziplinierenden Straf-
und Sanktionscharakter ist der strittige Punkt der oftmals emotionalisierten und
ideologisierten Debatte. Der Gegensatz von Freiwilligkeit und Zwang ist eine der
zentralen Kontroversen in diesem Zusammenhang.

LINDENBERG weist in diesem Kontext auf die Bedeutung der Ethik in der geführten
Diskussion hin (2002b, 61ff.). Befürworter und Gegner nehmen ethische Haltungen
ein und werfen der jeweils anderen Partei unethisches Verhalten vor. So geht es in
dem polarisierten Diskurs häufig nicht nur um .fachliche Fragen. (ebd. 62), sondern
eher um .sittliche Einstellungen. (ebd.) und um die .generelle charakterliche Haltung. (ebd.).
Argumentieren die einen, dass das Einsperren von Minderjährigen, um sie unter
Zwang zu erziehen, gegen die Menschenwürde verstößt, halten die anderen dagegen,
dass ein ideologischer Verzicht auf geschlossene Unterbringung als .ultima ratio.
grob fahrlässige Folgen (wie z.B. das Abrutschen in kriminelle Szenen) für den
Minderjährigen haben kann. Beide argumentieren mit der .Sorge. um die Kinder
und Jugendlichen, und weisen die Vorwürfe, die insbesondere ihr jeweiliges
professionelles Berufs- und Selbstverständnis angreifen, zurück.

Geschlossene Unterbringung in der fachlichen Diskussion

26
Befürworter von geschlossener Unterbringung sind wie vor 20 Jahren auch heute in
erster Linie Leiter von geschlossenen Einrichtungen, z.B. ZAPF, STADLER und
Vertreter der Psychiatrie, z.B. AHRBECK, REMSCHMIDT. Die Gruppe der Gegner
besteht überwiegend aus Erziehungswissenschaftlern, kritischen Kriminologen sowie
Praktikern der Jugendhilfe, wie z.B. WOLFFERSDORFF, PANKOFER, THIERSCH,
BITTSCHEID, SONNEN.

4.1 Argumente der Befürworter geschlossener Unterbringung
.Der Glücksfall, eingesperrt zu sein..
TITEL der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG (STEINBERGER 7/8.11.1998)

Vertreter gesicherter Einrichtungen beklagen, dass in der Diskussion um die
geschlossene Unterbringung die Distanzierung zu den Heimen der 70er Jahre nicht
wahrgenommen wird. Die aktuelle Kritik würde sich an den .(...) Vorstellungen über eine
geschlossene Unterbringung an den wenig ermutigenden Erfahrungen der Vergangenheit orientieren.,
so AHRBECK & STADLER (2000, 22). Bestehende Einrichtungen und ihr
professionelles Selbstverständnis hätten sich jedoch deutlich strukturell und
konzeptionell von der Praxis der Fürsorgeheime differenziert. Jugendhilfe und
geschlossene Einrichtungen würden keinen Gegensatz darstellen. .Dabei verstehen wir
Jugendhilfe in geschlossenen Einrichtungen als eine Möglichkeit der Hilfe, die . wie alle anderen
Maßnahmen . der klaren vorherigen inhaltlichen Prüfung bedarf. Wir sehen insofern keinen
Unterschied zu allen anderen Hilfeformen., so ZAPF (1995, 47).

Es wird immer wieder betont, dass es sich bei der von den Befürwortern
praktizierten freiheitseinschränkenden Betreuung Minderjähriger nicht um politisch
geforderte Verwahrung und pädagogische Repression handele. .Der Ruf nach
Disziplinierung, Sanktionierung und Ausgrenzung schwieriger junger Menschen bringt in erster
Linie wohl die Hilf- und Ratlosigkeit im Umgang mit genannten Entwicklungen zum Ausdruck.
Ein Bekennen zur dauerhaften und gesicherten Verwahrung im Rahmen der Jugendhilfe ist
allgemein nicht beabsichtigt und entspricht nicht dem Grundsatz der Freiheit und dem Recht der
freien Entfaltung der Persönlichkeit, dem auch in pädagogischen Konzepten Rechnung zu tragen ist.
(ebd. 45).

Im Folgenden beziehe ich mich jeweils auf die Konzepte des Intensivtherapeutischen
individuell- geschlossenen Bereichs des Caritas Mädchenheim Gauting (im folgenden
Geschlossene Unterbringung in der fachlichen Diskussion

27
CARITAS MÄDCHENHEIM GAUTING), des Pädagogisch-Therapeutischen
Intensivbereichs für Jungen im Jugendhilfeverbund Rummelsberg (im folgenden
JUGENDHILFEVERBUND RUMMELSBERG) und der geschlossenen Unterbringung für
männliche Minderjährige in Hamburg.

4.1.1 Pädagogische und therapeutische Argumente
für geschlossene Unterbringung
.Die geschlossene Unterbringung nimmt für eine Zeit die äußere Freiheit, aber nur,
um sie einem veränderten Kind und Jugendlichen zurückzugeben. (GERLICH 1999, 40)

Grundlage für die Notwendigkeit geschlossener Einrichtungen sind für die
Befürworter die veränderten Lebensrealitäten von Kindern und Jugendlichen. Die
Zeiten hätten sich in Bezug auf Gefährdungs- und Krisensituationen in den letzten
zwanzig Jahren drastisch gewandelt. So bringen heute .(...) delinquente und dissoziale
Kinder und Jugendliche sich selbst und andere in erhebliche Gefahren. (AHRBECK & STADLER
2000, 21). Diese Minderjährigen gefährden sich und andere, indem sie beispielsweise
als sogenannte .Crash-Kids. Autos stehlen und sich Verfolgungsjagden mit der
Polizei liefern, sich aufgrund von Drogenkonsum prostituieren und durch
Beschaffungsdelikte kriminell werden. Außerdem begehen strafunmündige Kinder
immer wieder Raubüberfälle und brutale Gewalttaten. Ambulante und stationäre
.offene. Erziehungshilfen haben bisher nicht den gewünschten .Erfolg. gebracht.
Kinder und Jugendliche entziehen sich dem Erziehungsangebot durch Weglaufen
und begehen weiterhin Straftaten und gefährden damit sich und andere. Wenn dieser
Personenkreis mit den bisher eingesetzten Mitteln nicht erreicht werden kann,
Betreuungs- und Erziehungsaufgaben aber dringend notwendig sind, geht es auch
um gesellschaftliche und pädagogische Verantwortlichkeit. In diesem Zusammen-
hang stellen sich AHRBECK & STADLER die Frage, .(...) ob es verantwortlich ist, Kinder und
Jugendliche immer wieder laufen zu lassen, die nur über unzureichende innere Steuerungs- und
Schutzmechanismen verfügen und die mit den zur Verfügung stehenden Mitteln in ihrem Verhalten
nicht wirklich zu beeinflussen sind. (ebd. 21-22). Diese spezifische Situation macht
folgerichtig eine Modifikation in der Angebotsstruktur für diese Zielgruppe
unabdingbar, und legitimiert geschlossene Unterbringung als .ultima ratio. für den
.besonderen Einzelfall..

Geschlossene Unterbringung in der fachlichen Diskussion

28
Ausgangspunkt der pädagogischen Bemühungen ist, dass sich Kinder und
Jugendliche durch Weglaufen aus anderen Jugendhilfeeinrichtungen den
Erziehungsnotwendigkeiten entziehen, sich selbst und andere massiv gefährden. Im
Konzept des CARITAS MÄDCHENHEIM GAUTING heißt es: .Der individuell-geschlossene
Rahmen ist für Mädchen notwendig, die einen deutlichen Hilfebedarf haben, aber keine erkennbare
Motivation und Bereitschaft zeigen, ambulante oder offen-stationäre Angebote der Jugendhilfe
anzunehmen, und mit z.T. massiver Abwehr und ausgeprägtem Ausweichverhalten (Weglaufen) auf
die Bemühungen, ihnen zu helfen, reagieren. (o.J., 6). Freiwilligkeit und ein Leidensdruck
zur Veränderung sei bei besonders auffälligen Jugendlichen in aller Regel nicht zu
erwarten. Dies dürfte aber kein Kriterium sein, die Jugendlichen sich selbst zu
überlassen. Nach Meinung von ZAPF ist es deshalb .(...) notwendig und gerechtfertigt, junge
Menschen .an die Hand zu nehmen und es mit ihnen zu versuchen, nicht erst dann, wenn nach
langer Odyssee Leidensdruck entstanden ist. (1995, 47). So urteilte auch das abweichende
Votum im ENQUETE-BERICHT (BÜRGERSCHAFT DER FREIEN UND HANSESTADT
HAMBURG 2000, 221 ff.), dass die Handlungsmaxime der Lebensweltorientierung .
differenziert in das pädagogische Verständnis von Kindern und Jugendlichen als
.Experten ihres Lebens., das .Prinzip der Freiwilligkeit., das .Prinzip der
Parteilichkeit. und den .Grundsatz der Alltagsorientierung. . als unzureichend in
Krisen- und Gefährdungssituationen zu bewerten sei. .(...) die bisher dominierenden
Handlungskonzepte ebenso wie ihre theoretischen Begründungen [werden] (d.Verf.) den
gegenwärtigen Anforderungen nicht gerecht (...). (ebd. 221). Das abweichende Votum der
ENQUETE-KOMMISION erklärt in diesem Kontext, dass eine zeitweilige
Freiheitseinschränkung sorgfältig gegen die extrem schädigenden Lebensrealitäten
von Kindern und Jugendlichen abgewogen werden muss. In Hamburg würde durch
den radikalen Verzicht auf geschlossene Heimunterbringung den Kindern und
Jugendlichen die Hilfe, die sie dringend benötigen, verweigert werden. Zerstörerische
Folgen würden damit in Kauf genommen werden (vgl. ebd. 238).

In einer geschlossenen Einrichtung soll die pädagogische und therapeutische Arbeit
im Vordergrund stehen, nicht das .Eingesperrtsein.. Das Strukturelement der
.Geschlossenheit. bildet nur einen notwendigen äußeren Rahmen, damit
pädagogische und therapeutische Prozesse durch Reduzierung der Außenkontakte in
Gang kommen können. .Die für diese Einrichtungen gewählten Namen wie pädagogische bzw.
therapeutische Intensivbereiche bringen denn auch zum Ausdruck, daß im jeweiligen Konzept nicht
Geschlossenheit, sondern intensive pädagogische bzw. therapeutische Bemühungen im Vordergrund
Geschlossene Unterbringung in der fachlichen Diskussion

29
der Arbeit stehen. (ZAPF 1995, 46)4. AHRBECK & STADLER geben in diesem
Zusammenhang zu bedenken: .(...) dass eine Freiheit im äußeren Sinne nicht heilt, ist durch
die Lebensgeschichte der Mädchen hinreichend belegt. (2000, 25).

WEISS stellt die These auf, dass es bei genauer Betrachtung bisher keine, auf
empirischer Forschung basierende, grundsätzlich negative Einschätzung
geschlossener Unterbringung gibt (vgl. 1999, 888). Sie argumentiert, dass die
Strukturelemente .Geschlossenheit. ebenso wie .Offenheit. keinen Einfluss auf
Erfolg oder Misserfolg der Erziehungshilfe haben. Es käme inhaltlich und nicht
strukturell auf eine positive Pädagogik und die Art der Beziehung an. Und es sei
vielmehr eine Frage der Herangehensweise: .Es liegt an uns, ob die Unterbringung in einer
physisch geschlossenen Einrichtung die Form von Einschließen oder Wegschließen annimmt oder zu
einer pädagogischen Intensivmaßnahme wird, die . eingebunden in ein Verbundsystem
unterschiedlicher Formen von Fremdunterbringung . den Bedürfnissen der Jugendlichen gerecht
wird. (ebd. 889).

Geschlossenheit hat zum Ziel, dass sich die Jugendlichen Konflikten und
Anforderungen nicht entziehen, um ihnen so im zweiten Schritt intensive und
verlässliche Beziehungen zu ermöglichen. Der Grundsatz .Ich muss erst jemanden
haben, um ihn erziehen zu können. kommt hier zum Ausdruck. Die gesicherte
Heimunterbringung soll einen .Schonraum. vor gefährlichen Außeneinflüssen und
unkontrollierten Impulshandlungen der Insassen bieten (vgl. AHRBECK & STADLER
2002, 25). Durch Reduzierung der Außenkontakte sollen in diesem beschützenden
Rahmen die Jugendlichen vor eigenem Fehlverhalten und den daraus resultierenden
Konsequenzen geschützt und vor unangemessenen Anforderungen bewahrt werden.
Dies begünstige das Einüben von alternativen Verhaltensweisen.

.Die zielgerichtete Aktivierung der Jugendlichen ist ein Essential der pädagogisch-therapeutischen
Arbeit., so AHRBECK & STADLER (ebd.). Den Rahmen bildet eine hoch qualitative
4 Das Hamburger Konzept bleibt bei der Bezeichnung .Geschlossene Unterbringung., und nennt das Heim auch
nicht .Verbindliche Unterbringung., wie im abweichenden Votum des ENQUETE-BERICHTS vorgeschlagen wurde
(vgl. BÜRGERSCHAFT DER FREIEN UND HANSESTADT HAMBURG 2000, 234). Ob damit folgerichtig und
.ehrlicherweise. die .Geschlossenheit. im Vordergrund steht um den Tatbestand des Freiheitsentzuges zu
untermauern, oder die Konzepte aus Gauting und Rummelsberg sprachlich Realitäten zu glätten versuchen (wie
von verschiedenen Autoren vermutet wird; vgl. LINDENBERG 2002, 65), sei an dieser Stelle dahingestellt.
WOLFFERSDORFF & SPRAU-KUHLEN sprechen in diesem Kontext von fließenden Grenzen und partiellen
Distanzierungen von dem, .was doch die Bezeichnung .geschlossene Unterbringung in ihrer ursprünglichen Bedeutung meint .
nämlich die Beschränkung bzw. den Entzug von Freiheit an Kindern und Jugendlichen im Vorfeld strafrechtlicher Maßnahmen.
(1990, 58-59).
Geschlossene Unterbringung in der fachlichen Diskussion

30
Betreuung, die in einem therapeutischen Milieu positive Beziehungserfahrungen
ermöglichen soll (vgl. ebd.). Der Personalschlüssel ist in allen Einrichtungen
dementsprechend hoch (1:1). Auf eine hohe berufliche Qualifikation der Mitarbeiter
im sozialen, therapeutischen und kriminologischen Bereich wird besonderen Wert
gelegt (vgl. FREIE UND HANSESTADT HAMBURG 2002e). Das Personal bietet den
Jugendlichen .(...) erwachsene Bezugspersonen, die Beziehung anbieten, Nähe und Geborgenheit
geben können und die Auseinandersetzung mit dem problematischen Verhalten der Jungen nicht
meiden, die auch aggressiven Konflikten nicht ausweichen, sondern sich diesen stellen und sich auf sie
einlassen. (JUGENDHILFEVERBUND RUMMELSBERG 2000, 5). Die Jugendlichen sollen
Zuwendung und Verbindlichkeit erfahren. Der anfängliche Protest gegen den
Freiheitsentzug würde sich mit der Zeit legen. .Häufig signalisieren die Jugendlichen auch
zum Teil, daß sie in einer solchen Phase .gehalten werden wollen., so FEGERT (1994, 311).
Bindungen und Beziehungen zu den Betreuern werden dann intensiver und enger,
und die Einrichtung wird oftmals als ein .Zuhause auf Zeit. (vgl. ZAPF 1995, 47)
angesehen.

In der pädagogischen Arbeit (.Verbindliche Pädagogik.; vgl. FREIE UND
HANSESTADT HAMBURG 2002e) werden normverdeutlichende Grenzsetzungen als
elementares Lernmittel verstanden. Alle Konzepte sehen eine notwendige
Grenzsetzung, einen strukturierten Tagesablauf, verbindliche und eindeutige Regeln,
Einhaltung von Pflichten und .kontrollierte Freiräume. (ZAPF 1995, 47) vor. Dies soll
den Jugendlichen wieder Halt und Orientierung geben. Als übergeordnetes Ziel wird
im Hamburger Konzept formuliert: .Im Rahmen der geschlossenen Unterbringung sollen die
Minderjährigen auch durch eine intensive, seitens des Fachpersonals angeleitete Auseinandersetzung
mit dem Leid von Gewaltopfern dabei unterstützt werden, die Fähigkeit zur Empathie und
Einsicht in die Erforderlichkeit gewaltfreien, normgerechten Verhaltens zu entwickeln.
(FREIE UND HANSESTADT HAMBURG 2002d, 2).

In den Einrichtungen hat sich das Konzept der .individuellen Geschlossenheit.
durchgesetzt. Inhaltlich bedeutet dies eine stufenweise Lockerung der
Freiheitsbeschränkungen durch ein sogenanntes Stufen- oder Phasenmodell. Dieses
Modell basiert auf lernpsychologischen Grundannahmen. Individuelle Freiräume und
Ausgänge werden je nach Entwicklungsstand, Verhalten und Lernfortschritt erhöht.
Werden Regeln nicht eingehalten, erfolgt eine Rückstufung.

Geschlossene Unterbringung in der fachlichen Diskussion

31
Neben permanentem .Weglaufen. geben Einrichtungen folgende Indikationen für
die Notwendigkeit einer geschlossenen Unterbringung an (vgl. CARITAS
MÄDCHENHEIM GAUTING o.J.; JUGENDHILFEVERBUND RUMMELSBERG 2000):
Ausgeprägte psychische Störungen, delinquentes Verhalten, aggressive
Verhaltensweisen, depressives Verhalten, Suchtgefährdung (Alkohol, Essstörungen
etc.), geringe Frustrationstoleranz, Impulskontrollstörung, Eigen- und
Fremdgefährdung, fehlende soziale Kompetenzen, Schulprobleme (Schul- und
Leistungsverweigerung) sowie (drohende) Dissozialität.

Aus psychiatrischer Sicht nennt FEGERT (2002, 312) als Indikation für
freiheitsentziehende Maßnahmen in der Jugendhilfe schwere Persönlich-
keitsstörungen, die sich häufig als Folgezustände von massiven frühen
Bindungsstörungen darstellen. Diese drücken sich zumeist in folgenden ICD-10-
Diagnosen der Weltgesundheitsorganisation WHO aus:

• F60.2 Dissoziale Persönlichkeitsstörung
• F60.3 Emotional instabile Persönlichkeitsstörung
• F60.30 Emotional instabile Persönlichkeitsstörung bei impulsivem Typus
• F60.31 Borderline-Persönlichkeitsstörung
• F43.1 Posttraumatische Belastungsstörungen

Dahinter steht das psychiatrische Verständnis, Schwierigkeiten und Problemlagen der
Kinder und Jugendlichen als Krankheit zu begreifen, die man behandeln und heilen
kann. So machen auch die gewählten Namen der ausführenden geschlossenen
Einrichtungen deutlich (vgl. Kapitel 2), dass der Fokus auf einer diagnostisch-
therapeutisch ausgerichteten Arbeit liegt. In der Stellungnahme zum 11. Kinder- und
Jugendbericht konstatiert die Bundesregierung: .Auf der anderen Seite hält die
Bundesregierung in spezifischen fallbezogenen Konstellationen freiheitseinschränkende
Unterbringungsformen in der von der Kommission dargestellten differenzierten Art für geeignet, um
auf diese Weise einen Einstieg in eine pädagogische Beziehung zu schaffen, der sich manche Kinder
und Jugendliche andernfalls von vorneherein entziehen. (BMFSFJ 2002, 25) Es wird weiterhin
vorgeschlagen, .geeignete Verfahren und Methoden der sozialen Diagnostik. (ebd.) zu
entwickeln. Die Betonung des therapeutischen Aspektes für den extremen Einzelfall
wird in den meisten geschlossenen Einrichtungen aufgegriffen.
Geschlossene Unterbringung in der fachlichen Diskussion

32
RÜTH führt in diesem Zusammenhang die multiaxiale kinder- und jugendpsychiatrische
Klassifikation MAS (vgl. REMSCHMIDT & SCHMIDT 1994) an, wonach betroffene
Kinder und Jugendliche mit multiplen Problemkonstellationen zwar im weitesten
Sinne psychiatrisch krank sind, ein zeitbegrenzter Aufenthalt in einem Krankenhaus
aber keine ausreichende Hilfemöglichkeit bieten könnte (vgl. 2001, 375-376). RÜTH
sieht .die Notwendigkeit eines Aufenthalts in bewahrender Umgebung. (ebd. 375) für dieses
Klientel.

Die Indikation für freiheitsentziehende Maßnahmen konzentriert sich im Hamburger
Konzept auf die drohende .Gefährdung des Kindeswohls., welche im jeweiligen
Einzelfall unter pädagogischer und psychologischer Prüfung vom Familien-
Interventions-Team (vgl. Kapitel 3.4.1.1) festgestellt werden muss. Gefährdung des
Kindeswohls wird näher definiert als .(...) Begehung häufiger Straftaten durch die betroffenen
Kinder und Jugendlichen (...). (FREIE UND HANSESTADT HAMBURG 2002d, 1). Außerdem
offenbart sich die Kindeswohlgefährdung durch .(...) gravierende Einzeldelikte, riskantes
Verhalten und/oder dauerhaften Aufenthalt von Kindern und Jugendlichen in schwer gefährdenden
Szenen(...). (ebd.). Es wird ergänzend hinzugefügt: .Darüber hinaus kann aber auch eine
unmittelbare Kindeswohlgefährdung durch die Lebensumstände oder die aktuelle Lebenssituation
eines Kindes oder Jugendlichen gegeben sein, in denen besondere erzieherische und bzw. oder soziale
Defizite erkennbar werden. (ebd. 2).

Hinsichtlich der Aufenthaltsdauer in geschlossenen Heimen gibt es zwei
unterschiedliche Meinungen. Wird auf psychiatrischer Seite für einen möglichst
kurzen Aufenthalt plädiert (vgl. AHRBECK & STADLER 2000, REMSCHMIDT 1994),
argumentieren Praktiker gegen eine kurze Verweildauer mit dem Wissen, dass Hilfs-
und Veränderungsprozesse Zeit brauchen. .Nach unseren Erfahrungen ist eine kurzzeitige
Unterbringung, wir meinen damit eine Zeit unter einem Jahr, trotz intensiver Bemühungen in den
meisten Fällen nicht ausreichend. Die Forderung, geschlossene Betreuung, wenn schon notwendig,
dann möglichst kurz zu gestalten, liegt zu diesen Vorstellungen in den meistens Fällen konträr.
Wir achten den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit, aber wir wissen auch, dass tiefgreifende
Hilfeprozesse nicht ohne Schaden verkürzt werden können. Erziehung braucht Beziehung,
Beziehung Zeit. (ZAPF 1995, 47). In Hamburg wird eine Aufenthaltsdauer für
Jugendliche von mindestens einem Jahr und für Kinder bei Bedarf auch länger
angestrebt, um die avisierten sozialen Reintegrationsziele auch zu erreichen
(vgl. FREIE UND HANSESTADT HAMBURG 2002d, 8).
Geschlossene Unterbringung in der fachlichen Diskussion

33
Im Hinblick auf die Frage des Bedarfs sind sich alle Autoren einig: .Es geht hier nicht
um das Wegschließen einer größeren Anzahl schwieriger Kinder, sondern darum, ob in jedem noch
so extremen Einzelfall, also im Grundsatz, auf eine verbindliche Unterbringung verzichtet werden
kann. (AHRBECK & STADLER 2000, 22; vgl. auch ZAPF 1995; REMSCHMIDT 1994).
Eine an dem besonderen Einzelfall orientierte und maßgeschneiderte
Hilfemaßnahme, wie die einer individuellen verbindliche Unterbringung, könne auch
dann noch Hilfe anbieten, wenn alle anderen Maßnahmen gescheitert sind.
Geschlossene Unterbringung und der damit verbundene vorübergehende
Freiheitsentzug wird als Hilfe und Schutz für die .problembeladenen jungen
Menschen. verstanden, um diese .aussichtslosen Fälle., die keiner (auch die
Jugendhilfe nicht) mehr haben will, nicht fallen zulassen (vgl. REMSCHMIDT 1994,
273). Geschlossene Unterbringung als .ultima ratio. ist immer befasst mit den
sogenannten .Grenzfällen., den .besonders Schwierigen., und fungiert so zeitweilig
auch als eine Art .Hoffnungsträger., wenn Betreuungsmöglichkeiten nicht
angenommen wurden oder gescheitert sind. So schreibt ZAPF, dass Anfragen aus
anderen Bundesländern mit der Bitte um Aufnahme nicht in der Absicht einer
Bestrafung gestellt werden, sondern .(...) daß hinter den Anfragen das ernsthafte Bemühen
steht, schwierigen Kindern und Jugendlichen eine ausreichende und angemessene Hilfe zu bieten.
(1995, 46).

4.1.2 Strukturelle Argumente für geschlossene Unterbringung

Das LANDESJUGENDAMT BAYERN weist darauf hin, dass es immer wieder Anfragen
aus anderen Bundesländern mit der Bitte um Aufnahme einzelner Minderjähriger in
die bestehenden Einrichtungen (Gauting und Rummelsberg) bekommt. Es
beantragen hauptsächlich diejenigen Bundesländer Plätze, in denen ambulante
Hilfsangebote für delinquente und dissoziale Jugendliche nicht flächendeckend und
ausreichend zur Verfügung stehen (vgl. BAYERISCHES LANDESJUGENDAMT 1995, 37).
Dies wird als Hinweis verstanden, dass angemessene Betreuungsmöglichkeiten für
den betreffenden Personenkreis nicht ausreichend vorhanden sind und ein
potenzieller Bedarf an geschlossenen Plätzen besteht.

Des Weiteren besteht nach ZAPF der Verdacht, .(...) daß psychiatrische Einrichtungen in
Ermangelung anderer Unterbringungsmöglichkeiten oder wegen Jugendhilfeträger belastender
Kostenregelungen beansprucht werden. (1995, 46). Er fordert, dass die Erziehung
Geschlossene Unterbringung in der fachlichen Diskussion

34
dissozialer Jugendlicher in der Verantwortung der Jugendhilfe bleiben muss und
nicht aufgrund von Zuständigkeitsstreitigkeiten in die Hände jugendhilfefremder
Institutionen gelangt (ebd.). Auch REMSCHMIDT spricht davon, dass es in der
Vergangenheit immer wieder zu Fehlplatzierungen verhaltensauffälliger, dissozialer
Kinder und Jugendlicher in psychiatrischen Einrichtungen gekommen ist. Als Indiz
führt er an, dass in dem gleichen Zeitraum, wo geschlossene Heime abgebaut
wurden, ein Ausbau von kinder- und jugendpsychiatrischen Plätzen erfolgte.
Minderjährige, die sich selbst und andere gefährden, gehörten aber weder in die
Psychiatrie, in die U-Haft oder in den Jugendstrafvollzug, sondern in Einrichtungen,
die eine vorübergehende geschlossene Betreuung anbieten (vgl. 1994, 273).

Ein radikaler Verzicht auf geschlossene Unterbringung aus rein politisch und
ideologisch motivierten Gründen würde die Situation Minderjähriger eventuell
verschlimmern und .Jugendhilfe-Karrieren. begünstigen. Ein so genanntes
.Überweisungskarussell. wäre die Folge. So hätten alle Jugendlichen zumeist das
gesamte Repertoire der Jugendhilfemaßnahmen von Erziehungsberatung bis hin zu
stationären Aufenthalten bereits durchlaufen, bevor sie in eine gesicherte Einrichtung
kommen, nur um geschlossene Unterbringung um jeden Preis zu vermeiden (ZAPF
1995, 49; GERLICH 1999, 32). ZAPF stellt sich daher die Frage .(...) ob entsprechende
Entwicklungen und .Karrieren durch früheres angemessenes Eingreifen, intensivere Hilfen (auch in
Hinblick auf die Kosten) hätten vermieden werden können. (1995, 49).

4.2 Argumente der Kritiker geschlossener Unterbringung
.Freiheit lässt sich eben nicht pädagogisch simulieren.. BÄUERLE (1977, 249)

Ein Großteil der Fachöffentlichkeit hat in den letzten zwanzig Jahren eine eindeutige
Position herausgearbeitet (vgl. hierzu insbesondere BUNDESJUGENDKURATORIUM
1982; ARBEITSGRUPPE .GESCHLOSSENE UNTERBRINGUNG. 1995). Hiernach lässt sich
geschlossene Unterbringung mit den modernen Grundsätzen der Jugendhilfe,
rechtlich abgesichert durch das novellierte Kinder- und Jugendhilfegesetz, nicht
vereinbaren. Dennoch wird ihr die Debatte zumeist von Seiten der Politik immer
wieder aufgezwungen (vgl. LANDESJUGENDHILFEAUSSCHUSS BRANDENBURG 2001,
FEGERT 1998). So wird z.B. die Forderung nach Wiedereinführung geschlossener
Unterbringung in Hamburg von der Fachwelt als .Weg zurück zur alten Zwangsfürsorge.
(IGfH 2002, 44) bezeichnet und nach Meinung von HUBERT versucht der Hamburger
Geschlossene Unterbringung in der fachlichen Diskussion

35
Senat .(...) mit großer Anstrengung das Rad der Geschichte der Pädagogik und Jugendhilfe
zurückzudrehen. (zit. nach: WWW.JUGENDHILFE-NETZ.DE).

4.2.1 Rechtliche Argumente gegen geschlossene Unterbringung
.Geht es uns um den Schutz von Kindern und Jugendlichen (...) oder geht es um den
Schutz vor Minderjährigen, also um Einsperren.. TRENCZEK (2000, 124)

Die rechtliche Kritik bezieht sich zum einen auf die Auslegung des im § 1631b BGB
normierten Rechtsbegriffs .Wohl des Kindes., mit dessen Gefährdung in Hamburg
eine Einweisung in das geschlossene Heim rechtlich legitimiert wird (vgl. Kapitel
2.1.1). Zum anderen wird eine Zweckentfremdung und Rechtsmanipulation des
KJHG.s, konzipiert als modernes Hilfe- und Dienstleistungsgesetz, angenommen.
Die eigentlichen Ziele und Inhalte des KJHG und somit der Jugendhilfe würden
durch politische und pädagogische Repression ersetzt. So heißt es in der Resolution
der FACHHOCHSCHULVERSAMMLUNG DER EV. FACHHOCHSCHULE FÜR SOZIAL-
PÄDAGOGIK DES RAUHEN HAUSES vom 4.7.2002: .Das noch von der CDU/FDP
Regierung mit der Unterstützung der Sozialdemokraten beschlossene Kinder- und Jugendhilfegesetz
ist ein Leistungs- und Unterstützungsgesetz, dessen Ziel es ist, .eine Kultur des Aufwachsens zu
ermöglichen, wie es der 10. Kinder und Jugendbericht in Übereinstimmung mit dem 9. und dem 11.
ausdrücklich hervorhebt. Vom Einsperren ist in keinem Paragrafen die Rede. (2002, zit. nach:
WWW.LICHTER-DER-GROSSSTADT.DE)

Aufgrund der im Grundgesetz normierten Freiheitsgarantien kommt nach Meinung
verschiedenerer Autoren als Ermächtigungsgrundlage für einen Freiheitsentzug im
Rahmen der Jugendhilfe nur die Inobhutnahme gemäß § 42 Abs. 3 S. 2 KJHG in
Betracht (vgl. TRENCZEK 2000, 121; STRUCK 2002, 10; IGfH 2002, 44). Diese
Auffassung wird von der Expertenkommission des 11. Kinder- und Jugendberichtes
geteilt (vgl. Kapitel 2.1.1). Die ARBEITSGRUPPE .GESCHLOSSENE UNTERBRINGUNG.
kommt zu dem Schluss, .daß eine geschlossene Unterbringung, die über die engen Grenzen des
§ 42 Abs. 3 KJHG hinausgeht, nicht im Interesse des Kindes erfolgen kann und nicht zu seinem
Wohl. (1995, 37).

Unter Juristen ist strittig, ob der § 1631b BGB als Rechtsgrundlage für eine
Anordnung geschlossener Unterbringung, wie dies in Hamburg Praxis ist, rechtmäßig
ist. So wird die Verfassungsmäßigkeit des § 1631b BGB von SCHLINK &
Geschlossene Unterbringung in der fachlichen Diskussion

36
SCHATTENFROH aufgrund des unbestimmten Rechtsbegriffs des .Kindeswohls. als
Legitimation für einen Freiheitsentzug angezweifelt. Es wird die Auffassung
vertreten, dass eindeutige Kriterien für die Zulässigkeit des Freiheitsentzugs bei
Minderjährigen fehlen, wie dies in § 1906 BGB für Erwachsene der Fall ist
(vgl. SCHLINK & SCHATTENFROH 2001, 73).

Auf Grundlage des Verhältnismäßigkeitsprinzips muss die Anordnung einer
geschlossenen Unterbringung zur Abwendung einer Gefährdung des Kindeswohls
nicht nur geeignet, sondern auch erforderlich sein. Nach dem Prinzip des
geringstmöglichen Eingriffs muss geprüft werden, ob weniger in die Freiheitsrechte
der Minderjährigen einschneidende Maßnahmen (wie z.B. intensive Einzelbetreuung)
zur Erreichung des Ziels (Abwendung einer Kindeswohlgefährdung) ausreichen
würden. TRENCZEK macht deutlich: .Ist die Jugendhilfe in der Lage, für das Wohl des Kindes
oder des Jugendlichen auch in extremen Situationen ohne Einschließen durch .offene Angebote, z.B.
durch eine (personal)intensive, sozialpädagogische Einzelbetreuung . .Menschen statt Mauern .
(vgl. § 35 KJHG), zu sorgen, dann ist die geschlossene Unterbringung auch nicht erforderlich und
damit unzulässig. (1994, 292).

Die LANDESARBEITSGEMEINSCHAFT HEIMERZIEHUNG THÜRINGEN (vgl. 1995, 142)
weist darauf hin, dass eine Anwendung des § 1631b BGB nur für die unter
14-Jährigen, nicht aber für Jugendliche, in Betracht kommt. Denn in
§ 7 Abs. 1 Nr.1 KJHG sei hinreichend normiert: .Im Sinne dieses Buches ist Kind, wer
noch nicht 14 Jahre alt ist (...).(KJHG).

Als weitere Voraussetzung für einen Freiheitsentzug muss positiv festgestellt werden,
dass mit der freiheitsentziehenden Maßnahme .pädagogische. Ziele erreicht werden
können. Die Durchsetzung politischer und öffentlicher Zielvorstellungen, nämlich
einer Verwahrung krimineller Intensivtäter zum Schutz der Öffentlichkeit, stellt
einen Rechtsmissbrauch dar (vgl. TRAUERNICHT 1991, 521). Nach Einschätzung der
IGfH soll in Hamburg offenkundig aus ordnungspolitischen Gründen die
geschlossene Unterbringung im Rahmen der Jugendhilfe als Strafe eingesetzt werden,
um so u.a. die Strafmündigkeitsgrenze von 14 Jahren für delinquente Kinder zu
umgehen. Ein Großteil der Jugendlichen würde die Entscheidung des
Familienrichters als eine Art Verurteilung mit Schuldspruch erleben. Damit wird die
Anordnung von geschlossener Unterbringung, objektiv und subjektiv gesehen, zur
Geschlossene Unterbringung in der fachlichen Diskussion

37
Strafe. Dies sei im Rahmen des KJHG rechtlich unzulässig (vgl. IGfH 2002, 44).
KRÖLLS resümiert in diesem Zusammenhang: .Die Pointe der geschlossenen Unterbringung
besteht darin, dass der Übergang von der sozialpädagogisch-jugendhilferechtlichen Einwirkung auf
den Willen jugendlicher Rechtsbrecher zur jugendstrafrechtlichen Sanktionierung vorverlagert wird.
Und zwar so, dass die freiheitsraubende Exekution des Strafrechtes in den Organisationsformen der
stationären Jugendhilfe erfolgt. (2002, 49). Die von Seiten der Politik und Justiz erhobene
Forderung nach geschlossenen Einrichtungen in der Jugendhilfe wird von den
Apologeten der geschlossenen Unterbringung aufgegriffen. Allerdings wollen diese
die Anordnung freiheitsentziehender Maßnahmen nur ungern als Strafe verstanden
wissen (vgl. Kapitel 4.1). In einer Erklärung HAMBURGER EINRICHTUNGEN UND
FREIER TRÄGER wird in dem Kontext der Verbindung von Jugendhilfe und Justiz
gefordert: .Strafen für strafmündige und straffällige Jugendliche sind Aufgabe der Jugendgerichte
und des Jugendstrafvollzugs. Diese Trennung zwischen Jugendhilfe und Justiz ist nicht aufzulösen.
(2002, 3).

Besondere Kritik kommt der Funktion des angegliederten Amtsvormunds im
Familien-Interventions-Team in Hamburg zu. Nach dem Konzept des Senats soll
dem Personensorgeberechtigten bei mangelnder Mitarbeit oder gar Weigerung an der
aktiven Mitwirkung einzuleitender Maßnahmen das Sorgerecht gemäß
§ 1666 BGB entzogen werden, und an den Amtsvormund übergeben werden. Vor
dem Hintergrund des Art. 6 Abs. 2 GG, der besagt, dass Pflege und Erziehung als
natürliches Recht und Pflicht den Eltern obliegt, ist laut BERNZEN .(...) die eigene
Erziehungsentscheidung der Eltern zu respektieren und darf diese auch in einem Verfahren zur
Bestellung von Vormündern nicht vorwegnehmen. (2002, 4). Und weiter: .Sollte die Freie und
Hansestadt Hamburg beabsichtigen, elterliche Erziehungsentscheidungen, die nicht ihren eigenen
Vorstellungen entsprechen, durch Entscheidungen von Vormündern ersetzen zu lassen, deren
Entscheidungen im vorhinein feststeht, würde dies gegen geltendes Bundes, insbesondere
Bundesverfassungsrecht, verstoßen. (ebd.5). Der Staat hat lediglich eine überwachende
Funktion. Wird im Einzelfall das Wohl des Kindes durch missbräuchliche Ausübung
der elterlichen Sorge gefährdet, kann Jugendhilfe sein staatliches Wächteramt
wahrnehmen und mit einer richterlichen Entscheidung gemäß § 1666 BGB den
Eltern die Personensorge entziehen. .Erst wenn massive Gefährdungen des Kindeswohls
erkennbar werden, können notfalls auch Handlungen zum Schutz der Kinder gegen den Willen von
Personensorgeberechtigten erfolgen. (TRAUERNICHT 1991, 520). Der Staat darf also keinerlei
Absicht verfolgen, Kinder und Jugendliche geschlossen unterzubringen. Weiterhin ist
Geschlossene Unterbringung in der fachlichen Diskussion

38
darauf zu achten, dass ein Privatvormund gegenüber dem Amtsvormund Vorrang
hat.

4.2.2 Pädagogische Argumente gegen geschlossene Unterbringung
.Eine totale Institution kann man nicht reformieren, man muß sie abschaffen..
KUNSTREICH (2001, 259)

Geschlossene Unterbringung ist nach Meinung verschiedener Autoren
gekennzeichnet durch die Strukturmerkmale einer .totalen Institution. (vgl. z.B.
EISSING 1994, 315; SONNEN 1994, 286; PANKOFER 1998, 129). Sie wird definiert .(...)
als Wohn- und Arbeitsstätte einer Vielzahl ähnlich gestellter Individuen (...), die für längere Zeit
von der übrigen Gesellschaft abgeschnitten sind und miteinander ein abgeschlossenes, formal
reglementiertes Leben führen. (GOFFMAN 1972, 11). Geschlossene Unterbringung, als
totale Institution, wird bestimmt durch die eigene innere Logik mit eigenen Werten
und Reglements dessen dominierendes Merkmal die Geschlossenheit ist. Sowohl
Pädagogen als auch Kinder und Jugendliche sind diesem System untergeordnet, sie
seien .Subjekte der Einsperrung. (LINDENBERG 2002c, 120), so die Argumentation.
Geschlossene Einrichtungen haben sich in den letzten 20 Jahren zweifelsohne
konzeptionell entwickelt und differenziert. Dennoch bleiben diese .freundlichen
geschlossenen Systeme. (ebd.) der .modernen. geschlossenen Unterbringung nach
Meinung von THIERSCH behaftet mit dem .(...) Strukturproblem institutionellen Zwangs
und den sich daraus ergebenden Konsequenzen. (1994, 278).

Eine geschlossene Einrichtung würde nach Meinung der Gegner kein realistisches
Lernumfeld bieten, das die Minderjährigen zu einem selbstverantwortlichen und
selbstbestimmten Leben .draußen. befähigen kann. Die Untersuchung des
Deutschen Jugendinstituts (DJI) von WOLFFERSDORFF & SPRAU-KUHLEN5 bestätigt
diese Annahme. Demnach würde in der geschlossenen Phase eine starke Diskrepanz
zwischen angestrebten höheren Zielen wie Selbstakzeptanz, Eigenverantwortlichkeit,
Vertrauen etc. und konkreten, durch den Heimalltag geprägten, Handlungszielen
5 Es handelt sich bei der Studie des DJI um eine Mitte der 80er Jahre im Auftrag der Jugendministerkonferenz
durchgeführte empirische Untersuchung zur geschlossenen Unterbringung in der Bundesrepublik Deutschland.
Sie ist bis heute eine der umfangreichsten Untersuchungen in Bezug auf die Indikation, Durchführung und
Wirkung geschlossener Unterbringung. Die Dokumentation erfolgte seinerzeit in 22 teilgeschlossenen oder
individuell-geschlossenen Heimen. Es wurden 741 Jugendliche erfasst, die im Verlauf eines Jahres in der BRD mit
richterlichem Beschluss geschlossen untergebracht wurden. Die Ergebnisse basieren auf Fragebogenerhebungen
in Bezug auf biographische Hintergründe (wie z.B. Familiendaten, andere Jugendhilfemaßnahmen etc.) und
maßnahmenbezogenen Daten (wie z.B. Dauer des Aufenthaltes, Entweichungsraten, etc.). Ergänzt wurden die
Ergebnisse durch teilnehmende Beobachtungen des Heimalltags, Aktenanalysen sowie durch Interviews mit
Leitungen, Mitarbeitern und Jugendlichen.
Geschlossene Unterbringung in der fachlichen Diskussion

39
herrschen. .Die in Konzepten vorherrschenden emanzipatorischen Ziele kommen im Alltag kaum
zur Geltung . weil die Situationen, in denen sie realistisch erprobt werden könnten, im künstlichen
pädagogischen Arrangement geschlossener Gruppen schlicht nicht vorkommen. (1990, 132-133).
Vielmehr würden die Jugendlichen angemessenes Verhalten für ein Leben in der
Institution lernen. So erklärt die ARBEITSGRUPPE .GESCHLOSSENE UNTERBRINGUNG.:
.Sozialisation ist zunächst ein an den jeweiligen Sozialraum gebundener Prozeß. (...) Jeder lernt das
Leben und die Lebensbewältigung für das Lebensfeld, in dem man lebt. (1995, 41). Der
zugespitzte Slogan der RESOLUTION DER FACHHOCHSCHULVERSAMMLUNG DER EV.
FACHHOCHSCHULE FÜR SOZIALPÄDAGOGIK DES RAUHEN HAUSES lautet deshalb: .Die
Erziehung im Käfig erzieht zum Leben im Käfig. (2002; zit. nach: WWW.LICHTER-DER-
GROSSSTADT.DE).

Der Struktur der Institution und dem Sujet der .Einsperrung. sind sowohl die
Pädagogen als auch die Kinder und Jugendlichen unterworfen. Dies hat
Auswirkungen auf die erzieherische Interaktion und das Verhalten aller beteiligten
Akteure. Nach LERCHE6 ergibt sich eher ein .Verhältnis von Eingeschlossenen zu
Schließern. (1995, 5) als ein gleichberechtigtes Verhältnis zwischen Pädagogen und
Jugendlichen. So beschränkt sich das durch einen ausgeprägten Regelkatalog
strukturierte Alltagshandeln auf Seiten der Erzieher zunächst auf das Verhindern von
Entweichungen und Aggressionen, das Funktionieren der Gruppe sowie auf die
Einhaltung von Pflichten und Diensten, die zumeist auf ein stark reglementiertes
Stufenmodell zurückgehen (vgl. WOLFFERSDORFF & SPRAU-KUHLEN 1990, 133).

Trotz der guten personellen Ausstattung geschlossener Einrichtungen müssen
Mitarbeiter .(...) infolge der Zusammenballung biographisch besonders schwer belasteter
Jugendlicher in der Regel zu kurzfristigen Situationslösungen Zuflucht nehmen (...). Langfristige
Perspektiven der Erziehungsplanung treten dadurch häufig in den Hintergrund oder finden ihren
Platz in Regel- und Sanktionssystemen. (ebd. 134). Diese Feststellung wird von Aussagen
der Mitarbeiter geschlossener Heime gestützt: .Unser Auftrag ist Aufbewahrung, nicht
Therapie, Verselbständigung und Probleme bewältigen..... Und weiter: .Der einzige Zweck des
Einschließens ist Entweichen zu verhindern und sonst gar nichts. (ebd. 131).

6 Die Ironie des Zitates liegt in der Person des Autors begründet. Es war LERCHE der 1995 mit einem Referat
zum Thema .Wegsperren als Lösung. auf dem Deutschen Jugendgerichtstag ein ausgesprochen engagiertes
Plädoyer gegen geschlossene Unterbringung vorgetragen hat. Sieben Jahre später ist LERCHE Geschäftsführer des
kommunalen Trägers, der das Heim in der Feuerbergstraße in Hamburg betreibt.
Geschlossene Unterbringung in der fachlichen Diskussion

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Das .doppelte Mandat. des Erziehers, was natürlich auch der gesamten Jugendhilfe
immanent ist, wird im Kontext von geschlossener Unterbringung besonders deutlich.
Zum einen soll der Pädagoge dem Jugendlichen ein kompetenter und
vertrauensstiftender Helfer sein, und zum anderen ist er ein Machtträger, der das
Verhalten der Kinder und Jugendlichen kontrolliert und sanktioniert (vgl. STRUCK
2002, 8; AFET 1995, 139). Die Untersuchung des DJI kommt zu der Einschätzung,
dass .Beziehungen, die von einfühlendem Verstehen, bedingungsfreien Akzeptieren und
Wertschätzen getragen werden, (...) für Heimpädagogen nur unter Bedingungen möglich [sind]
(d.Verf.), in denen sich alle Beteiligten selbstkongruent verhalten können und in denen die Betreuer
nicht vorwiegend auf Kontrollfunktionen festgelegt sind. (WOLFFERSDORFF & SPRAU-KUHLEN
1990, 167). Dies sei aber in den geschlossenen Heimsettings eher selten der Fall.

Das Stufensystem, welches sich auf lernpsychologische Grundannahmen stützt, soll
für alle vorausschaubare und kontrollierbare Sanktionen sowie Belohnungen für
gewünschtes Verhalten, wie z.B. Nichtentweichen, parat halten. Nach Einschätzung
von Mitarbeitern in geschlossenen Einrichtungen sei dieses Stufensystem .(...) ein
künstlicher Ersatz für die Bestimmung von Handlungs- und Erfolgzielen in natürlichen
Situationen. (ebd. 146). WOLFFERSDORRFF & SPRAU-KUHLEN haben festgestellt, dass
Stufensysteme im Allgemeinen funktionieren. Dies hätte aber zur Voraussetzung,
dass Mitarbeiter in stark reglementierten geschlossenen Einrichtungen über
pädagogische Freiräume und individuelle Entscheidungskompetenzen verfügen.
Außerdem müssten sich die Jugendlichen mehrheitlich auf höheren Stufen befinden,
.(...) wenn also von einer geschlossenen Gruppe in engeren Sinne gar nicht mehr die Rede sein kann
(...). (ebd. 145). Dennoch sei das Funktionieren von Stufensystemen nach Meinung
der Autoren keine Legitimation für das Einschließen von Kindern und Jugendlichen,
.(...) solange auch andere . möglicherweise weniger repressive Maßnahmen . zumindest nicht
weniger wirksam sind. (ebd. 151). Kritiker wenden außerdem ein, dass Phasenmodelle
keinen natürlichen sozialen Lernprozess auslösen würden. Vielmehr werden so alte
Verhaltensweisen verstärkt und nur eine .Scheinanpassung. an das System mittels
.Hochdienen. und .Hocharbeiten. erreicht. Diese Erziehungslogik wäre
vergleichbar mit einem .Dressurakt. der mittels .Zuckerbrot und Peitsche.
perfektioniert wird und den Jugendlichen nur eine .Scheinautonomie. vorgaukelt.
Lernerfahrungen, und dies stützt die Studie von WOLFFERSDORFF & SPRAU-KUHLEN,
sind in einem freiheitsentziehenden Setting, auch wenn er als Schonraum verstanden
wird, oft ein .Ausdruck von Abhängigkeitsbedürfnissen. (ebd. 205).
Geschlossene Unterbringung in der fachlichen Diskussion

41
Auf Seiten der Eingesperrten führt dieser institutionalisierte Zwang entweder zu
einer (Schein-)Anpassung an das System oder zur Rebellion gegen die Institution.
Nach Meinung von TRAUERNICHT würden die Minderjährigen eine .Insassen- und
Knast-Mentalität. herausbilden (1991, 522; vgl. auch ARBEITSGRUPPE .GESCHLOSSENE
UNTERBRINGUNG 1995, 41). Regelkataloge, die einen verlässlichen und
strukturierenden Rahmen bieten sollen, erhöhen für Jugendliche den subjektiv
empfunden Strafcharakter der Heimeinweisung. Äußerliche Rahmenbedingungen
und Sichheitstechnologien wie Mauern, Schlösser und Schließvorgänge stellen eine
Machtdemonstration dar, die den Heimalltag unauffällig aber nachhaltig prägen.
Nach Einschätzung von WOLFFERSDORFF & SPRAU-KUHLEN ist für die Jugendlichen
der Aufenthalt in einer geschlossenen Einrichtung durch eine Ambivalenz der
massiven Ablehnung und persönlichen Erfolgen gekennzeichnet (ebd. 193). Die
Aussage einer Jugendlichen macht dies deutlich: .Beschissen ist´s halt. (Pause) Aber
irgendwie find ich´s auch wieder gut. (ebd. 200).

Es ist nach Meinung der Kritiker wissenschaftlich hinreichend nachgewiesen
(vgl. z.B. bezogen auf den Strafvollzug: FOUCAULT 1974), dass geschlossene
Unterbringung aufgrund seiner strukturellen Gegebenheiten mit der systematischen
Konzentration schwieriger Jugendlicher und ihrer Problemlagen erst die Probleme
schaffen und bestehende Probleme verschärfen würde, die sie angeblich zu
verhindern versucht: Gewaltausübung, Aggressivität, Bandenbildung,
Gewalthierarchien, Drogenmissbrauch, Stigmatisierung, Ausgrenzung,
Chancenlosigkeit etc. Gerade die Problematik der Beziehungsunfähigkeit und
Bindungslosigkeit von Kindern und Jugendlichen wird laut AFET durch die einer
geschlossenen Institution inhärenten Strukturen institutionell eher produziert und
verfestigt als abgebaut (vgl. 1995, 139). Das in diesem Zusammenhang immer wieder
geäußerte Argument, geschlossene Unterbringung würde zur Abwendung einer
Kindeswohlgefährdung angeordnet, hält dieser Argumentation nicht stand. So
gehören nach KÖTTGEN .Ausbruchversuche, Selbstverletzungen und Suizidhandlungen (...) als
verzweifelte Reaktionen der Eingesperrten zum Alltag. (...) Bei Entweichungen und in ihrer Folge
geschehen viele selbst- und fremdgefährdende Handlungen und Gewalttaten. (2002; zit. nach:
WWW.LICHTER-DER-GROSSSTADT.DE).

Geschlossene Unterbringung in der fachlichen Diskussion

42
Als typische Krisen- und Konfliktereignisse in geschlossenen Einrichtungen, die sich
fatal auf das pädagogische Klima auswirken können, nennen WOLFFERSDORFF &
SPRAU-KUHLEN folgende Schwerpunkte (vgl. 1990, 265-266):

• Aggressive Auseinandersetzungen
• Umbruchsituationen aufgrund von Neuzugängen, Abgängern,
Verlegungen in der Gruppe
• Überforderung des Mitarbeiterteams
• Persönliche Krisenerfahrungen und Belastungen der Jugendlichen

Fremd- und/oder autoaggressive physische Gewalt der Jugendlichen z.B. gegen
Pädagogen steht nach Meinung der Kritiker in einem unmittelbaren Verhältnis zu
dem Strukturelement der .Geschlossenheit.. Eine Bestätigung erfährt dieses
Argument durch die Tatsache, dass in zugespitzten Situationen die partielle
Aufhebung des geschlossenen Rahmens eine deeskalierende Wirkung hat. Dies
offenbart die innere Widersprüchlichkeit von geschlossener Unterbringung
(vgl. ebd. 285).

Der pädagogische Auftrag einer kontinuierlichen Betreuung mit dem Ziel tragfähige
Beziehungen aufzubauen, kollidiert mit der rechtlichen Maßgabe, den Freiheitsentzug
möglichst kurz zu halten. WOLFFERSDORFF kommt in Bezug auf die Auswirkungen
für die pädagogische Beziehung aufgrund der temporären Kürze geschlossener
Unterbringung zu folgender Einschätzung: .Angesichts ihrer von Beziehungsabbrüchen und
Verletzungen geprägten Vorgeschichte wird meist nicht mehr draus als ein Moratorium. Sobald es
abgelaufen ist, schlägt das gewohnte Muster wieder durch: Das Beziehungsangebot, so das Resultat
aus ihrer Sicht, war nicht stimmig, das Interesse an ihrer Person zwiespältig bis aufgesetzt, die
Belastbarkeit der PädagogInnen nicht krisenfest. (1999, 918). Außerdem würden durch die
begrenzte Aufenthaltsdauer ständige Gruppenumschichtungen (.Drehtüreneffekt.)
resultieren, die zu einem konfliktreichen Klima maßgeblich beitragen würden
(WOLFFERSDORFF & SPRAU-KUHLEN 1990, 264 ff.). Diese permanenten
Gruppenumschichtungen laufen nach Meinung von TRAUERNICHT konträr zu den
avisierten Stabilisierungs- und Lernprozessen bei den Jugendlichen. Das Scheitern
der Maßnahme sei so vorprogrammiert (vgl. 1991, 522).

Geschlossene Unterbringung in der fachlichen Diskussion

43
Das angeführte Argument der Befürworter geschlossener Einrichtungen, ein zeitlich
begrenzter Freiheitsentzug würde den Einstieg in eine intensive pädagogisch-
therapeutische Arbeit mit schwierigen Jugendlichen erleichtern und letztendlich auch
erreichen, wird von den Gegnern mit dem Argument widerlegt, dass jede Form von
Therapie und Erziehung ein gewisses Maß an Freiwilligkeit voraussetzt, wenn nicht
eine reine .Scheinanpassung. erreicht werden soll. Das immer wieder vorgetragene
Argument .Ich kann nur den erziehen, den ich auch habe., stellt sich als eine reine
.Zugriffspädagogik., die auf den physischen Aspekt verkürzt ist, dar. So lautet das
Gegenargument: .Nicht jeden den ich habe, kann ich deshalb auch erziehen.
(vgl. z.B. LINDENBERG 2002c, 120). Sehr deutlich wird dies am Beispiel des
pädagogisch ausgerichteten Jugendstrafvollzuges. Bei der Jugendstrafe liegt nach
Aussagen von BITTSCHEID die Rückfallquote bei 80-90 % (1998, 73).

Erziehung wird verstanden als ein vielschichtiger Prozess, der auf einer
gleichberechtigten dialogischen Interaktion basiert. Dieser Lernprozess kann unter
pädagogischem, strukturellem und institutionellem erzeugten Zwang folgerichtig
nicht oder nur unter Bedingungen einer .schwarzen Pädagogik. (MILLER 1983)
stattfinden. Mit dieser Position machen Kritiker von geschlossener Unterbringung
deutlich, dass ihr professionelles und ethisches Selbstverständnis auf den
Grundsätzen des Humanismus, der Aufklärung und der Reformpädagogik basiert
(vgl. ARBEITSGRUPPE .GESCHLOSSENE UNTERBRINGUNG. 1995, 40). Somit richtet
sich ihre Erziehungsphilosophie .(...) gegen eine an Bestrafung, Zwang und Unterordnung
orientierte Erziehungsauffassung, die letztlich der geschlossenen Unterbringung zugrunde liegt.
(ebd.). Und doch, dieses wird immer wieder eingeräumt, können erfolgreiche
Beziehungsversuche auch in repressiven Systemen nicht grundsätzlich
ausgeschlossen werden. Nach LINDENBERG ist diese Pädagogik jedoch .(...) eine
geknechtete Pädagogik unter der Herrschaft der Einsperrung. (2002c, 120). Nach der Studie
von PANKOFER von 19977, fanden für die Mädchen förderliche Prozesse nicht wegen
der Geschlossenheit statt, sondern eher trotz des geschlossenen Settings, z.B. durch
eine gelungene Beziehungsarbeit oder durch eigene Ressourcen und Möglichkeiten
der Mädchen. Dies sei jedoch kein Argument für die geschlossene Unterbringung,
denn nach THIERSCH ist damit .(...) nichts darüber gesagt, ob diese Heranwachsenden in
anderen Formen nicht ebenso oder vielleicht mehr profitiert hätten. (1994, 277).
7 Es handelt sich bei dieser Untersuchung um eine katamnestische Studie über Mädchen in geschlossenen
Heimen, die 1997 publiziert wurde.
Geschlossene Unterbringung in der fachlichen Diskussion

44
Hinsichtlich der Frage nach der Indikation für die Einweisung in ein geschlossenes
Heim geben die Untersuchungen von WOLFFERSDORFF & SPRAU-KUHLEN und
PANKOFER Aufschluss darüber, dass es keine verbindliche Indikation für die
Legitimation eines Freiheitsentzuges in einem geschlossenen Heim gibt. Nach
WOLFFERSDORFF & SPRAU-KUHLEN stellt sich für die Mehrzahl der Jugendlichen eine
Einweisung als ein .(...) naturwüchsiger Prozess von Versuch und Irrtum dar. (1990, 80).
Ergänzend dazu konstatiert PANKOFER, .(...) daß eine Einweisung in eine geschlossene
Einrichtung in besonderen Maße von Zufällen und Einstellungen der einweisenden Instanzen
abhängig ist. (1998, 127). Die .Zielgruppe. freiheitsentziehender Maßnahmen stellt
eine äußerst heterogene Gruppe dar8. So werden die Jugendlichen häufig auf der
Ebene psychischer Defizite und Störungen festgeschrieben, ihre spezifischen
Probleme und eigene Deutungsmuster treten so in den Hintergrund. PANKOFER
unterscheidet in ihrer Studie drei Arten von Indikationen (vgl. 1998, 127):

• Strukturelle Indikationen (Geschlossene Unterbringung als ultima ratio nach
dem Scheitern anderer Jugendhilfemaßnahmen)
• Lebensweltliche Indikationen (Die Herausnahme aus dem schädigenden
Umfeld)
• Individuelle Indikationen (Orientierung an psychosozialen Diagnosen, die
einen psychiatrischen Hintergrund aufweisen, ICD- 10)

Insbesondere der Fokus auf die individuelle Indikation, aus der eine Reihe von
Symptomkatalogen resultieren .(...) dienen zumeist mehr der Legitimation von Maßnahmen
als der Beschreibung und Klärung von Problemen. (WOLFFERSDORFF & SPRAU-KUHLEN
1990, 79). Außerdem negiere der einseitige Fokus auf die individuellen Problemlagen
der Minderjährigen ein mögliches Scheitern der Institutionen.

8 Analog zu den Ergebnissen der DJI-Studie (WOLFFERSDORFF & SPRAU-KUHLEN 1990, 82 ff.) kommt
PANKOFER zu dem Ergebnis, dass hinsichtlich der Einweisungsgründe ein Zusammenhang besteht zur
geschlechtsspezifischen Sozialisation und Geschlechtsrollenstereotypen. Bei der Begründung für einen
Freiheitsentzug im Rahmen der Jugendhilfe spricht PANKOFER von einem .sexualisierten Blick. (1998, 128) auf die
Mädchen. Anlehnend daran formulieren WOLFFERSDORFF & SPRAU-KUHLEN: .Bewußt oder unbewußt vollzieht sich die
Bewertung der Akten von Mädchen auf der Folie familiärer Störungen, während sie sich bei Jungen vor allem auf das Vorliegen von
Straftaten bezieht. (1990, 84). Das Aufhalten in subkulturellen Milieus (Drogenszene, Prostitutionsmilieus u.a.) wird
bei Mädchen .nur als allgemeiner Verdacht umschrieben (sozusagen als unheilvoll drohende Abwärtsbewegung, die die Jugendhilfe
zur Mobilisierung ihrer Rettungseinrichtungen aufruft), (...) bei Jungen [werden sie] (d. Verf.) eher durch .nachgewiesene
Tatsachenfeststellungen abgestützt. (ebd.). Diese patriarchalische Sicht- und Denkweise lässt nach PANKOFER den
Schluss zu, dass die Mädchen, wären sie männlichen Geschlechts, nicht geschlossenen untergebracht worden
wären (vgl. 1998, 128).
Geschlossene Unterbringung in der fachlichen Diskussion

45
.Weglaufen. ist der Dreh und Angelpunkt in der Diskussion um die geschlossene
Unterbringung, häufigster Einweisungsgrund und das Hauptargument der
Befürworter, um einen Freiheitsentzug zu legitimieren. Ziel ist es, Jugendliche mittels
.Einsperren. daran zu hindern, aus den Einrichtungen zu fliehen. Die Studien von
WOLFFERSDORFF & SPRAU-KUHLEN und PANKOFER belegen hingegen, dass die
Jugendlichen annähernd das gleiche Fluchtverhalten wie bei offenen Angeboten
haben. .Weglaufen.9 kann durch geschlossene Unterbringung nicht reduziert
werden. So wurden .innerhalb des Untersuchungszeitraumes von 1 Jahr (...) bei 741
Jugendlichen insgesamt annähernd 1.000 Entweichungen aktenmäßig registriert, an denen etwas
mehr als die Hälfte der Jugendlichen beteiligt war (viele von ihnen waren also mehrfach weggelaufen).
(...) 38% aber entwichen aus der geschlossenen Unterbringung 1- bis 18-mal. (WOLFFERSDORFF
& SPRAU-KUHLEN 1990, 305)10. Das ausgeprägte Fluchtverhalten der Jugendlichen
hat Auswirkungen auf den pädagogischen Alltag und auf die baulichen
Sicherheitsvorkehrungen: Stellt eine Flucht zum einen ein krisen- und
konfliktauslösendes Moment im Heimalltag dar, welcher die pädagogischen Prozesse
und Bindungen der Gruppe empfindlich durcheinander bringt, nähern sich zum
anderen Einrichtungen immer mehr gefängnisähnlichen Anstalten an (wie z.B. in
Hamburg, wo nach bisher sieben Entweichungen sowohl die bauliche Sicherheit als
auch die Kontrollmechanismen innerhalb der Einrichtung verstärkt wurden).

Die geschlossene Unterbringung, so das Fazit verschiedener Autoren, kann ihr
spezifisches Ziel der Geschlossenheit und den dadurch implizierten Schutz von und
vor Kindern und Jugendlichen nicht einlösen (vgl. THIERSCH 1994, 277; TRENCZEK
2000, 123; TRAUERNICHT 1991, 522; IGfH 2002, 45) und deshalb wird diese
Argumentationslogik ad absurdum diskutiert.


9 Die Untersuchung nennt folgende Gründe für Entweichungen: Krisen innerhalb der Heimgruppe, Probleme
mit Eltern, dem Partner oder der Clique (vgl. ebd. 303).
PANKOFER hat in diesem Zusammenhang festgestellt, dass Weglaufen nach Aussagen der Mädchen, .(...) nicht nur
als zu behebende Verhaltensstörung, sondern auch als verzweifelte Lösung zu deuten [ist] (d.Verf.), das Leben .draußen. und die
Tragfähigkeit der Beziehungen .drinnen. . ob in der Familie oder in offenen/geschlossenen Heimen . zu testen. (1998, 128).
WOLFFERSDORFF kommt zu dem Schluss, dass Weglaufen oftmals als eine .(...) letzte Ressource von persönlicher
Autonomie (...). zu verstehen ist (1999, 920).
10 Dennoch besteht ein von Seiten der Befürworter und Praktiker geschlossener Unterbringung ein breiter
Konsens darüber, dass geschlossene Einrichtungen nicht hundertprozentig ausbruchsicher sein können und es
auch nicht sollen. Entweichungen werden durch Sicherheitsvorkehrungen erschwert, sind aber nicht unmöglich.
So heißt es z.B. in dem Konzept des Mädchenheims Gauting: .Wir wägen dieses Risiko in jedem Einzelfall sorgfältig ab,
gehen es u.U. aber auch ganz bewusst ein, um mit der Jugendlichen an diesem Fehlverhalten zu arbeiten und Verhaltensalternativen
zu entwickeln. (CARITAS MÄDCHENHEIM GAUTING, ohne Jahresangabe, 12).

Geschlossene Unterbringung in der fachlichen Diskussion

46
4.2.3 Strukturelle Argumente gegen geschlossene Unterbringung

Die von Befürwortern postulierte .ultima ratio. der geschlossenen Unterbringung im
Umgang mit sogenannten .Problemfällen. stellt für Kritiker einen .(...) Mythos vom
.kompetenten Helfer [dar] (d.Verf.), der irgendwie, irgendwann und irgendwo aus dem Gestrüpp
der Unzulänglichkeiten auftauchen und das jetzt Unlösbare bereinigen wird. (WOLFFERSDORFF
1999, 918). Die Forderung nach geschlossener Heimunterbringung bringt nach
Meinung vieler Autoren die Hilf- und Ratlosigkeit zum Ausdruck, wie die Jugendhilfe
mit den .besonders Schwierigen. umgehen soll (vgl. z.B. THIERSCH 1994, 274). So
verspricht geschlossene Unterbringung die Lösung zu sein, ein .Allheilmittel. im
Umgang mit den .hoffnungslosen Fällen., welche die größtmögliche gewünschte
Wirkung erzielen kann (vgl. PANKOFER 1998, 125). Wenn sich die Jugendlichen den
gutgemeinten Beziehungs- und Erziehungsangeboten der geschlossenen Einrichtung
entziehen, hätten sie ihre .letzte Chance. vertan. Diese letzte Chance beinhaltet die
unterschwellige aber deutliche Botschaft: .Wenn es diesmal nicht klappt, dann können wir
auch nichts mehr für dich tun., so WOLFFERSDORFF (1999, 919). Ein Scheitern der
Erziehungsmaßnahme wird der .Beziehungsunfähigkeit. der Minderjährigen
angelastet, nicht aber der Institution und den Unzulänglichkeiten des
Hilfeplanverfahrens und/oder der Hilfeangebote (vgl. ARBEITSGRUPPE
.GESCHLOSSENE UNTERBRINGUNG. 1995, 43). So äußerte sich z.B. der Hamburger
Staatsrat der Sozialbehörde in einer Hamburger Diskussionssendung fol-
gendermaßen: .Es ist aber der letzte Appell an die jungen Menschen diesen Weg mitzugehen
dieser konfrontativen Pädagogik. (...) Wir begleiten sie in die Freiheit langsam wieder zurück in
diesem Jahresrhythmus. Wenn es uns aber nicht gelingt, dann ist es die letzte Chance, die die jungen
Leute da in gewisser Weise vertun. (SCHALTHOFF LIVE 2003).

Spezialinstitutionen, wie die geschlossene Unterbringung, ermöglichen letztendlich
eine faktische Abschiebung problematischer Fälle in die vermeintlich kompetenteste
Einrichtung am Ende einer Handlungskette. Sie fungieren als ein letztes
.Auffangnetz., um besonders schwierige Jugendliche zu überweisen und so
Jugendhilfeeinrichtungen zu entlasten. .Eine solche .Politik des Delegierens aber setzt
Abschiebe- und Ausgrenzungsmechanismen in gang und gefährdet oder verhindert innovative
Prozesse., so die AFET (1995, 139). WOLFFERSDORFF & SPRAU-KUHLEN ergänzen: .Die
Tatsache, daß eine .letzte Auffangstation in Gestalt geschlossener Heime verfügbar ist, erleichtert
den Abbruch der Bemühungen im Vorfeld und die Verlagerung in vermeintlich besser qualifizierte
Geschlossene Unterbringung in der fachlichen Diskussion

47
Spezialdienste. (1990, 80). THIERSCH spricht von einer .strukturellen Verführung für die
Heimerziehung.: Institutionen der Heimerziehung müssten durch das Bestehen von
Spezialinstitutionen ihr eigenes Handeln nicht mehr ausreichend reflektieren und
modifizieren. Sie könnten die Frage verdrängen, warum sie mit bestimmten Kindern
und Jugendlichen nicht zurecht kommen (vgl. 1994, 278).

Durch die hierdurch entstehenden Verlege- und Abschiebeprozesse produziert das
Jugendhilfesystem den Bedarf und die Adressaten für geschlossene Einrichtungen
quasi selbst, weil, so PETERS, .(...) es ein abgestuftes System vorhält, aus dem immer wieder
Minderjährige herausfallen und ob des Vorhandenseins spezialisierter Treatmentsysteme an .die
nächste Instanz verwiesen (d.h. versetzt und abgeschoben) werden, an derem Ende die g.U. steht.
(1988, 133). Die schädlichen Folgen von Abschiebe- und Verlegeprozessen, die so
genannte .Heimkarrieren. produzieren, hat FREIGANG (1986) ausführlich
beschrieben.

Das Existieren von geschlossenen Einrichtungen im Jugendhilfesystem stellt eine
massive Drohkulisse für Kinder und Jugendliche dar (vgl. STRUCK 2002, 9;
WOLF 1995a, 67; PANKOFER 1997). Dieses Drohpotenzial verursacht bei den
Minderjährigen eine Anpassung an bestehende stationäre Systeme der Jugendhilfe,
nicht aber eine konstruktive Auseinandersetzung mit Problemen des realen Lebens.
WOLF beschreibt aus Sicht der Jugendlichen das Drohpotenzial wie folgt: .Die
Drohung mit der Verlegung in eine geschlossene Einrichtung (...) überschattet so das Leben sehr
vieler Kinder in öffentlicher Erziehung. Insbesondere bei Jugendlichen spielt die Drohung eine
wesentliche Rolle: Sie kennen solche Drohungen, haben von geschlossenen Heimen Schlimmes gehört
und haben ggf. selbst erlebt, wie sie nach einer Zeit der Drohungen tatsächlich auch in eine andere
Einrichtung verlegt worden sind. Aus solchen Prozessen, die hier nur angedeutet werden können,
ergibt sich die besondere Bedeutung der geschlossenen Unterbringung für die gesamte Heimerziehung.
(1995a, 67).

Die Forderung nach freiheitsentziehenden Einrichtungen ist nach Meinung
verschiedener Autoren abhängig von dem Angebot bestehender ambulanter
Jugendhilfe-Angebote bzw. dem Fehlen von Alternativen im Umgang mit jungen
gefährdeten Menschen (vgl. AFET 1995, 139; SCHRÖER 1994, 308). So würde in
Regionen, wo sich eine flächendeckende ambulante und flexible Angebotsstruktur
entwickelt hätte, die Nachfrage nach geschlossener Heimunterbringung für die
Geschlossene Unterbringung in der fachlichen Diskussion

48
.besonders Schwierigen. nicht artikuliert werden. Daraus würde sich die Forderung
ergeben, fehlende ambulante und offene Erziehungsalternativen flächendeckend,
insbesondere in ländlichen Gegenden und in den neuen Bundesländern, wo diese erst
in geringem Maße vorhanden sind, zu installieren (vgl. SONNEN 1994, 287).

Geschlossene Unterbringung sei zudem kontraproduktiv und schwächt das
ansonsten gut ausgebaute Jugendhilfesystem. Notwendige Reformen würden im
Rahmen der Hilfen zur Erziehung durch das Existieren einer .letzten
Auffangstation. unterbleiben (vgl. BIRTSCH & TRAUERNICHT 1994, 307;
ARBEITSGRUPPE .GESCHLOSSENE UNTERBRINGUNG. 1995, 43). Geschlossene
Heimunterbringung sei zudem sehr kostenintensiv und verhindere dadurch den
Ausbau präventiver und alternativer Erziehungshilfen (vgl. REINECKE 1994, 299).

Des Weiteren hat die Existenz von geschlossener Unterbringung im Rahmen der
Jugendhilfe nach Einschätzung der Gegner auch Auswirkungen auf die
Glaubwürdigkeit und das Selbstverständnis der Jugendhilfe. Die in den letzten
Kinder- und Jugendberichten (vgl. 8. bis 11. Jugendbericht) herausgestellte Maxime
der Alltags- und Dienstleistungsorientierung der Jugendhilfe, die eine .Kultur des
Aufwachsens. ermöglichen soll, wird durch das Vorhalten von freiheitsentziehenden
Einrichtungen unglaubwürdig. Das Jugendamt werde (wieder) zu einer strafenden
Instanz, nicht aber zu einer kooperierenden Dienstleistungsbehörde, die Kinder,
Jugendlichen und ihren Familien Hilfeangebote offerieren soll. So dürften sich nach
Meinung der IGfH in Hamburg zukünftig .Eltern mit Erziehungsproblemen (...) wieder
zunehmend schwer tun, von sich aus zur Jugendbehörde oder anderen Diensten der Erziehungshilfe
zu gehen und um Hilfe nachzusuchen. (2002, 45).
49
5 Damit Erziehung wieder zur Strafe wird?
Die geschlossene Unterbringung als Thema der Politik

Die Jugendhilfe ist Institution und Aufgabe des modernen Sozialstaates.
Heimerziehung, und somit auch die geschlossene Unterbringung als Teil dieser
Aufgabe, ist aufgrund ihrer rechtlichen Einbettung in das Sozialgesetzbuch
(SGB VIII/KJHG) daher stets als eine staatliche Einrichtung zu betreiben.
Geschlossene Unterbringung als Einrichtung der Jugendhilfe muss daher notwendig
im Kontext politischer und gesellschaftlicher Zusammenhänge betrachtet werden,
denn sie ist institutionell und politisch abhängig vom aktuellen Selbstverständnis des
Sozialstaates, von Reformen und Umstrukturierungen der Sozialgesetzgebung sowie
von gesellschaftspolitischen Diskursen (vgl. BÖHNISCH 1999, 417).

Der Umgang mit den sogenannten .besonders schwierigen Jugendlichen. ist
inhaltlich also nicht allein abhängig von den jeweiligen (sozial)pädagogischen
Fach(er)kenntnissen und den daraus resultierenden Handlungsmaximen. Es bestand
in den 90er Jahren wie auch heute in der pädagogischen Fachöffentlichkeit ein breiter
Konsens darüber, auf institutionalisierte geschlossene Unterbringung als päd-
agogische Maßnahme der Jugendhilfe zu verzichten. Diese Meinung stützt sich auf
wissenschaftliche Erkenntnisse verschiedener empirischer und repräsentativer
Studien sowie auf die im KJHG vorgegebenen Rahmenbedingungen und Leitziele.
Diese Diskussion wurde in den vorangegangenen Kapiteln dargestellt.

Es stellt sich vor diesem Hintergrund die Frage, warum aktuell in Hamburg gegen
den anhaltenden Widerstand pädagogischer Fachleute ein geschlossenes Heim für
kriminelle Kinder und Jugendliche eröffnet wurde, und weshalb die Hamburger
Sozialdemokraten einen Bedarf für gleich mehrere geschlossene Einrichtungen für
minderjährige .Intensivtäter. in Hamburg sehen (vgl. HAMBURGER ABENDBLATT
7.4.2003).

Die gesellschaftspolitische Diskussion um die geschlossene Unterbringung in
Hamburg wurde in Kapitel 3 ausführlich dargestellt. In diesem Kapitel soll nach der
These von SCHRÖER deutlich werden, dass mit der Wiedereinführung der
geschlossenen Unterbringung in Hamburg .(...) bestimmte politische Ziele verfolgt werden
und insoweit pädagogische Fragen politisch instrumentalisiert werden sollen. (1994, 308).
Damit Erziehung wieder zur Strafe wird? Die geschlossene Unterbringung als Thema der Politik

50
5.1 .Innere Sicherheit. als politisches Leitthema

Im Mittelpunkt der aktuellen Diskussion um die geschlossene Unterbringung stehen
die so genannten .hoffnungslosen Fälle., .Schwererziehbaren., .Gewalttäter. oder
.jugendlichen Intensivtäter.. Die Zunahme rechtsextremer Gewalt in den neuen
Bundesländern Anfang der 90er Jahre und medienwirksam skandalisierte
.Einzelfälle. wie der von Crashkid Dennis aus Hamburg, der eines 14-Jährigen aus
München, der bundesweit unter dem Namen Mehmet bekannt wurde sowie der
Mord an dem Hamburger Kaufmann Dabelstein, lösten regelmäßig eine Welle
öffentlich und politisch geführter Debatten aus. Nach BÖHNISCH stehen .die
betroffenen Jugendlichen (...) für normwidrige, dem gesellschaftlich sanktionierten Verhaltenskodex
widersprechende Sozialmuster, die . zumindest symbolisch . eine Gefahr der Störung des
gesellschaftlichen Gleichgewichts anzeigen. (1999, 417).

Als Grundlage für die politisch und medial geführten Diskussionen eines angeblich
explosionsartigen Anstieges der Jugendkriminalität dient häufig die Auswertung der
Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS). Die PKS registriert alle Tatverdächtigen und
ihre Straftaten. Kritiker (vgl. WALTER 1996, LEHNE 1997, WEITEKAMP & MEIER
1998) stellen den dramatischen Anstieg und die neue Qualität der
Jugendgewaltkriminalität auf Grundlage der PKS in Frage. Diese sei kein Instrument
zur Erfassung gesellschaftlicher Wirklichkeit und dem tatsächlichen
Kriminalitätsgeschehen (vgl. ALBRECHT & LAMNEK 1979), sondern als ein
Tätigkeitsnachweis der polizeilichen Arbeit zu betrachten. Aufgrund dessen, dass in
der PKS auch Tatverdächtige und nicht nur Täter erfasst werden, sind auch
nachweislich Unschuldige und nicht Überführte in dieser Statistik enthalten. .Der
Anstieg der Zahlen der polizeilichen Kriminalstatistik kann alles Mögliche indizieren, nicht aber
die Notwendigkeit, geschlossene Heime zu bauen., so STRUCK (2002, 8). Eine Betrachtung
der Verurteiltenstatistik hingegen, welche die Zahl der tatsächlich im Strafverfahren
Verurteilten erfasst, würde nach Meinung von WALTER ein anderes Bild ergeben:
.Betrachtet man die Entwicklung der Zahl der jungen Leute, die wegen jugendtypischer
Gewaltdelikte seit 1975 verurteilt wurden, zeigt sich, dass sich die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines
Raubes oder einer Körperverletzung zu werden, im Vergleich zu den achtziger Jahren nicht erhöht,
sondern im Gegenteil erheblich verringert hat. (1996, 212).


Damit Erziehung wieder zur Strafe wird? Die geschlossene Unterbringung als Thema der Politik

51
Dennoch wird durch öffentliche Gefahren- und Kriminalitätsdiskurse auf Grundlage
der PKS ein Gefühl von Kriminalitätsfurcht in der Gesellschaft erzeugt. Die
Massenmedien verstärken durch dramatische und unsachliche Berichterstattung über
die angeblich ansteigende Kriminalität von Kindern und Jugendlichen die Angst und
Unsicherheiten der Bürger. Jugendkriminalität stellt für die Massenmedien ein
schlagzeilenträchtiges Thema mit hohem Unterhaltungswert dar, welches aufgrund
seines Sensationsgehaltes für höhere Auflagen sorgt, nach der Devise .crime sells..
Die Diskrepanz der tatsächlichen .Bedrohung. durch Kinder und Jugendliche und
dem subjektiven Sicherheitsempfinden der Bevölkerung wird also maßgeblich durch
die einseitige Berichterstattung der Presse produziert und verfestigt. Dagegen erfährt
die aktuelle Situation der Jugend und die strukturelle Bedrohung ihrer
Lebensperspektiven innerhalb dieser Diskussionen eine vergleichsweise geringe
Beachtung. So konstatiert beispielsweise die vom JUGENDWERK DER DEUTSCHEN
SHELL in Auftrag gegebene Studie Jugend ´97 unter dem Titel .Jung sein heute: die
gesellschaftliche Krise hat die Jugend erreicht.: .Die Krisen im Erwerbssektor,
Arbeitslosigkeit, Globalisierung, Rationalisierung und Abbau oder Verlagerung von Beschäftigung
sind inzwischen nicht mehr .bloß eine Randbedingung des Aufwachsens. Sie sind nicht mehr .bloß
Belastungen des Erwachsenenlebens, von denen Jugendliche in einem Schonraum entlastet ihr
Jugendleben führen können. Sie haben inzwischen vielmehr das Zentrum der Jugendphase erreicht,
indem sie ihren Sinn in Frage stellen. Wenn die Arbeitsgesellschaft zum Problem wird, dann muß
auch die Jugendphase als Phase der biographischen Vorbereitung auf diese Gesellschaft zum
Problem werden. (FISCHER & MÜNCHMEIER 1997, 13).

Kriminelles Verhalten von Minderjährigen wird vornehmlich als individuelles
Verhaltensproblem und als Zeichen der .Schlechtigkeit. einzelner gesehen. Dies
bietet nach THIERSCH den Vorteil, .(...) die strukturell schwierigen und weitläufigen
Zusammenhänge nicht thematisieren zu müssen, ja verdecken zu können und . zugleich . politisch-
moralische Handlungsmöglichkeiten zu eröffnen und sich . je entschiedener die Vorschläge gemacht
werden, glaubwürdiger darzustellen. (1994, 275).

Durch die derzeitige wirtschaftliche und politische Unsicherheit, in der viele
traditionelle soziale Schutzmechanismen wie Familie und Gemeinschaft auseinander
zu brechen scheinen, Menschen von Arbeitslosigkeit und materieller Not bedroht
sind und soziale Leistungen abgebaut werden, scheint ein verstärktes Bedürfnis nach
einer rigorosen Sicherheitspolitik zu entstehen. .Je deutlicher sich das Bewusstsein der
Damit Erziehung wieder zur Strafe wird? Die geschlossene Unterbringung als Thema der Politik

52
Risikogesellschaft durchsetzt, umso mehr scheint sich .Sicherheit als zentrales Moment eines neuen
gesellschaftlichen Konsens herauszukristallisieren., so LINDNER (1998, 39). Diesen Umstand
und die durch die Massenmedien produzierte öffentliche Meinung einer .Moral-
Panik. (vgl. CREMER-SCHÄFER 1994) über die Gefährlichkeit der heutigen Jugend
macht sich die Politik zu Nutzen, indem sie durch scheinbare Entschlossenheit und
Handlungsbereitschaft den Bürgern mit einer .starken Sicherheitspolitik. zur Seite
steht. Sozialpolitik erscheint unter dem Primat der Kriminalprävention und der
rigorosen Kriminalitätsbekämpfung. So scheint der vor mehr als hundert Jahren von
FRANZ VON LISZT formulierte Satz: .Die beste Kriminalpolitik ist eine gute Sozialpolitik.
keine Gültigkeit mehr zu haben und wird unter der aktuellen Hamburger Politik zu:
.Die beste Sozialpolitik ist eine gute Kriminalpolitik..

Insofern korrespondieren Medien und Politik in einem .politisch-publizistischen
Verstärkerkreislauf. (SCHEERER 1978), indem die durch die Medien konstruierte
Kriminalitätswirklichkeit von der Politik als Ausgangspunkt für ihre Wahlprogramme
und staatlichen Interventionen genutzt wird, und diese dann wiederum für die
Medien einen Marktwert aufweist.

So erreichte die Diskussion um die geschlossene Unterbringung im Zuge der
Bundestagswahlen 1998 unter dem Leitthema .Innere Sicherheit. einen neuen
Höhepunkt. Ebenso wie bei den Bürgerschaftswahlen in Hamburg 2001 ging es in
der Debatte vornehmlich um den Schutz der Bevölkerung vor sogenannten
jugendlichen .Intensiv- und Mehrfachtätern.. Dass mit diesem Thema
Wählerstimmen gewonnen werden können, musste auch die Hamburger SPD nach
den vernichtenden Wahlniederlagen in Hamburg, Niedersachsen und zuletzt in
Schleswig-Holstein begreifen. So haben die Sozialdemokraten auf dem Parteitag
.Innere Sicherheit und öffentlicher Raum. im April 2003 nach dem Motto .liberal
aber nicht zu lasch. einen offiziellen Kurswechsel der Innenpolitik verabschiedet,
welcher insbesondere eine Neugewichtung repressiver Elemente in der
Kriminalitätsbekämpfung beinhaltet (vgl. SPD-FRAKTION HAMBURG 2003). Dies
schließt den Brechmitteleinsatz an Drogendealern ebenso wie die Bereitstellung
mehrerer geschlossener Einrichtungen für strafunmündige Minderjährige und für
Jugendliche ein. Des Weiteren wird beispielsweise die offenkundige Diskrepanz
zwischen subjektiv empfundener Kriminalitätsfurcht und tatsächlicher Kriminalität
nicht mehr als relevant erachtet. Wer Opfer von Kriminalität ist oder Angst vor
Damit Erziehung wieder zur Strafe wird? Die geschlossene Unterbringung als Thema der Politik

53
Straftaten hat, wäre in seiner Freiheit eingeschränkt und hätte ein Recht auf
staatlichen Schutz (vgl. ebd.). So äußerte sich SPD-Landeschef SCHOLZ: .Wir haben
Laschheit im Umgang mit Straftätern zu lange für Liberalität gehalten. Das war ein Fehler aus
dem wir gelernt haben. Wir sind liberal. Aber wir sind auch bereit, strikt vorzugehen, wenn es
notwendig ist. Regeln und Gesetze sind nichts wert, wenn man nicht bereit ist, sie durchzusetzen .
auch gegen den Willen derjenigen, die gegen sie verstoßen. (ebd.).

BITTSCHEID kommt diesbezüglich zu folgendem Ergebnis: .Die Frage der Inneren
Sicherheit in der Bundesrepublik stellt sich heute als Frage nach der effektiven Bekämpfung der
Jugendkriminalität, insbesondere der Gewaltkriminalität Jugendlicher (und Heranwachsender).
(1998, 70). Ergänzend dazu konstatiert THIERSCH: .Der Ansatz bei der Jugend verheißt
effektives Handeln an den Wurzeln. (1994, 275), wobei Erfolge schnell und kostengünstig
verzeichnet werden könnten. Hartes Vorgehen gegen delinquente Jugendliche
entspricht nach EISSING dem .(...) Bedürfnis vieler Bürger nach Bestrafung für alle, die sich
nicht normgerecht verhalten. (1994, 316). Die ordnungspolitische Renaissance von .Zero-
Tolerance-Motiven. erfährt nach Meinung von RONNEBERGER breite Unterstützung
in der Bevölkerung, .(...) da dies ihren subjektiven Sicherheitsbedürfnissen entgegen kommt.
Insofern korrespondieren die administrativen Sicherheits- und Kontrollbestrebungen von .oben mit
den Konformitätsvorstellungen von .unten. (1998, 34).

Im Zusammenhang der Diskussion um die .Innere Sicherheit. und der .neuen
Brisanz. der Jugendgewalt werden vor allem aus konservativen und mittlerweile aus
liberalen Kreisen kriminalpolitische Konsequenzen im Umgang mit jugendlichen
Rechtsbrechern gefordert. Parallel zur Forderung nach einer Ausweitung
geschlossener Einrichtungen werden Forderungen nach Verschärfung der
Anwendung der Gesetze, Erwachsenenstrafrecht für die 18- bis 21-jährigen
Jugendlichen, Herabsetzung der Strafmündigkeitsgrenze auf unter 14 Jahre sowie
Einschränkungen der Diversionsmaßnahmen immer wieder gestellt. Die .neue
Unerbittlichkeit. (KERSTEN 1994) im Umgang mit sozialen Randgruppen steht nach
BITTSCHEID für eine .(...) wachsende Ratlosigkeit, wie man denn die junge Generation, der man
längst nicht immer eine Zukunft anbieten kann, in der Gesellschaft halten sollte. (1998 73).
Auch WOLFFERSDORFF kommt zu dem Schluss, dass die Forderung nach
geschlossener Unterbringung in das politische Klima der heutigen Zeit passt, .(...)
verspricht sie doch schnelle individuelle Lösungen, wo ansonsten nur anhaltende soziale Ratlosigkeit
zu erkennen ist (...). Zeitpunkt, Anlass und Hintergrund der aktuellen Bestrebungen legen die
Damit Erziehung wieder zur Strafe wird? Die geschlossene Unterbringung als Thema der Politik

54
Vermutung nahe, dass es hier weniger um Pädagogik als um ein griffiges Signal im Kontext von
´law and order´- Strategien geht. (1994, 235).

5.2 .Konfrontative Pädagogik. als politische Praxis
im aktivierenden Sozialstaat

Es werden von Seiten der Politik immer wieder Zweifel an der Effizienz und
Effektivität der Jugendhilfe mit ihren vorhanden Angeboten und Mitteln geäußert:
.Das bisherige System der erzieherischen Hilfen der Jugendhilfe in Hamburg hat erhebliche
Schwachstellen. Insbesondere die Praxis der Jugendhilfe im Umgang mit delinquenten Kindern und
Jugendlichen hat sich nicht bewährt. (FREIE UND HANSESTADT HAMBURG 2002d, 1). Aus
dieser politischen Bewertung resultierte in Hamburg zum einen die Einsetzung des
Familien-Interventions-Teams und zum anderen die Wiedereinführung der
geschlossenen Unterbringung. KRÖLLS zieht den Schluss: .Dort wo nach berufener
staatlicher Beurteilung die sozialpädagogischen Bemühungen scheitern, den Willen sozial auffälliger
insbesondere jugendlicher Bürger in die Bahnen einer ordentlichen Staatsbürgerschaft zu lenken, ist
und war schon immer der Übergang zu ordnungspolizeilichen und strafrechtlichen Alternativmitteln
angesagt. (2002, 7).

In dem Hamburger Konzept wird deshalb eine Verbindung von pädagogischen und
ordnungspolitischen Notwendigkeiten geschlossener Unterbringung konstatiert. Im
Konzept heißt es: .Schwere Straftaten von Minderjährigen sind Ausdruck einer Gefährdung des
Wohls des jungen Menschen. Entsprechend ist das Jugendamt verpflichtet, geeignete Maßnahmen zu
Abwendung der Gefährdung einzuleiten. Daneben und nicht minder wichtig ist auch der Schutz der
Opfer von Straf- insbesondere von Gewalttaten minderjähriger Täter eine Verpflichtung des Staates.
Die nunmehr entwickelten Maßnahmen sollen beiden Aspekten gerecht werden. (FREIE UND
HANSESTADT HAMBURG 2002d, 2). Freiheitsentziehende Maßnahmen im Rahmen der
Jugendhilfe können jedoch nur auf Grundlage pädagogischer Argumente zur
Abwendung einer Kindeswohlgefährdung rechtlich durch eine Entscheidung des
Familiengerichts legitimiert werden. Dabei wird dem Minderjährigen ohne richterliche
Schuldfeststellung und Verurteilung, zum Zweck der Hilfe und der Erziehung, die
Freiheit entzogen. Der Schutz von Opfern ist nicht Aufgabe der Jugendhilfe. Indem
jedoch die Begehung von Straftaten als .Kindeswohlgefährdung. definiert wird (vgl.
ebd.), eröffnet sich dem Senat eine Chance, sein vorrangig angestrebtes Ziel, nämlich
den Schutz der Allgemeinheit vor minderjährigen zum Teil nicht strafmündigen
Damit Erziehung wieder zur Strafe wird? Die geschlossene Unterbringung als Thema der Politik

55
kriminellen Kindern und Jugendlichen, trotzdem zu realisieren. In diesem Kontext
äußerte sich der Hamburger Staatsrat der Sozialbehörde wie folgt: .In der Tat ist es so,
dass wir freiheitsentziehende Maßnahmen durchführen und im Grunde genommen ist es ein
Vehikel, wenn wir .Kindeswohl sagen, weil wir eine andere rechtliche Möglichkeit nicht haben.
(SCHALTHOFF LIVE 2003). Dass der angestrebte Schutz der Bevölkerung nicht
wirklich effektiv ist und trotz verschärfter Sicherheitsvorkehrungen bisher nicht
realisiert werden konnte und auch zukünftig zum Scheitern verurteilt sein wird, zeigt
die bisherige hohe Entweichungsrate von 140% (vgl. Kapitel 3.4.2) sowie die
wissenschaftlichen Untersuchungen von PANKOFER und WOLFFERSDORFF & SPRAU-
KUHLEN (vgl. Kapitel 4.2.2).

Die Verbindung von (Ordnungs-) Politik und Pädagogik, wie sie im Hamburger
Konzept verfolgt wird, wird maßgeblich durch das von der Bundesregierung
vorgegebene Leitbild des aktivierenden Sozialstaates hergestellt. So steht auch die
Hamburger Politik im Einklang mit der .sozial- und arbeitsmarktpolitischen Programmatik
des aktivierenden Sozialstaates., so KRÖLLS (2002, 2)11. Unter dem Programm .Moderner
Staat . Moderne Verwaltung. stellte die Bundesregierung Anfang Dezember 1999
ihr neues Leitbild des aktivierenden Staates vor. Im Mittelpunkt dieser Leitlinie steht
die neue Verantwortungsteilung zwischen Staat und Bürger, die eine Aktivierung
gesellschaftlicher Verantwortung zum Ziel hat. Die Bundesregierung definiert das
Leitbild wie folgt: .Der aktivierende Staat bedeutet eine neue Verantwortungsteilung zwischen
Bürger und Staat. Eigeninitiative und Freiraum werden stärker gefördert. Natürlich bleibt der
Staat weiter verpflichtet, für individuelle Freiheit und Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger zu
sorgen. Das gilt zum Beispiel für Innere Sicherheit, Rechtsschutz und die Finanzverwaltung. Aber
in vielen anderen Bereichen müssen öffentliche Aufgaben nicht unbedingt direkt von staatlichen
Organen wahrgenommen werden, zum Beispiel in Dienstleistungsbereichen wie Post,
Kommunikation und Verkehr. Hier kann sich der Staat darauf beschränken, den Rahmen
festzulegen. Bei Konflikten tritt er als Moderator auf, mit dem Ziel, mehr Freiraum für
gesellschaftliches Engagement zu schaffen. So aktiviert der Staat gesellschaftliche Verantwortung.
(WWW.STAAT-MODERN.DE/PROGRAMM).

11 In der Präambel des Koalitionsvertrag von CDU-FDP und Schill-Partei heißt es: .Die vereinbarte gemeinsame
Politik gründet sich auf der Überzeugung, dass jeder Mensch ohne Bevormundung seinen persönlichen Weg zu einem glücklichen
Leben suchen und finden soll. Der Staat hat allenfalls die Aufgabe, hierfür die Rahmenbedingungen zu setzen, indem er 1.diejenigen,
die leistungsstark und willig sind, besonders fördert; 2.denjenigen, die es aus eigener Kraft nicht schaffen, Hilfestellung anbietet und 3.
denjenigen deutliche Grenzen aufzeigt, die durch Gesetzesverstöße und insbesondere durch die Beeinträchtigung der körperlichen
Unversehrtheit anderer ihre eigenen Freiheitsrechte missbrauchen. (FREIE UND HANSESTADT HAMBURG 2001, 1).
Damit Erziehung wieder zur Strafe wird? Die geschlossene Unterbringung als Thema der Politik

56
Der aktivierende Sozialstaat will ein helfender und autoritärer Staat zugleich sein.
Unter dem Stichwort .Fördern und Fordern. kommt zum Ausdruck, wer auch in
Zukunft staatliche Hilfe bekommt. So erhalten vorrangig Menschen Unterstützung,
die sich nicht selbst helfen können, wie z.B. behinderte, alte und kranke Menschen.
Diejenigen Staatsbürger aber, die sich nicht aktivieren lassen wollen, haben im
Umkehrschluss kein Anrecht auf staatliche Förderung und Unterstützung. DAHME &
WOHLFAHRT kommen zu dem kritischen Schluss, dass .(...) Nichtanpassung zu
aktivierenden Maßnahmen in zunehmenden Maße staatlichen Zwang und Repression.
rechtfertigt (2001, 13). LINDENBERG führt aus, .(...) dass der Staat hier nicht
gesellschaftliche Verantwortung aktiviert, sondern erzwingt. (2002a, 21).

In Hamburg kommt bezogen auf die geschlossene Unterbringung und das Familien-
Interventions-Team deutlich die strafende Seite des aktivierenden Sozialstaates zur
Geltung.

Die Hilfemaßnahmen des FIT sind gekennzeichnet durch kontrollierte Hilfe,
fordernde Beratung und verbindliche Hilfeangebote. Bei fehlender Einsicht und
mangelnder Kooperation der Eltern und deren Kindern bezüglich der vom FIT
vorgegebenen Maßnahmen werden autoritäre und repressive Zwangsmaßnahmen
eingeleitet (wie z.B. Sorgerechtsentzug gem. § 1666 BGB, zwangsweise
Unterbringung Minderjähriger außerhalb Hamburgs oder in der geschlossenen
Unterbringung). Die ansonsten in der Sozialen Arbeit gültigen methodischen
Prinzipien wie z.B. dialogische Zusammenarbeit, Freiwilligkeit der Hilfemaßnahme,
Subjektorientierung, Ressourcenorientierung etc. haben in diesem Zusammenhang an
Bedeutung verloren bzw. keine Bedeutung mehr. Dieses Vorgehen ist daher nicht
von Hilfe zur Selbsthilfe sondern durch die .Deaktivierung. der betroffenen Eltern
und Familien geprägt. Elterliche (Erziehungs-) Verantwortung wird nicht, wie vom
Hamburger Konzept vorgesehen, gefördert sondern durch die Zwangsanwendung
verhindert.

Geschlossene Unterbringung ist gekennzeichnet durch überwachende und
kontrollierende Betreuung der Kinder und Jugendlichen sowie die Durchsetzung von
Disziplin und Anpassung an das bestehende System. KRÖLLS resümiert: .Die
Abschreckungspädagogik der Drohung mit der geschlossenen Unterbringung (...) arbeitet allein mit
dem Argument, dass die Vermeidung von Strafe bereits der ganze Lohn für die Befolgung der
Damit Erziehung wieder zur Strafe wird? Die geschlossene Unterbringung als Thema der Politik

57
Regeln der staatlichen Ordnung ist. (2002, 50). Die Erziehungsphilosophie der
.konfrontativen Pädagogik. verweist demnach auf eine Grenzen aufzeigende
Haltung mit dem Ziel, .(...) schädlichen Verhaltenstendenzen von Gruppen oder Einzelnen
rigoros entgegen zu treten. (DAHME & WOHLFAHRT 2001, 14).

Der Staat zeigt demnach kein wirkliches Interesse an den Jugendlichen und ihrer
Situation, nur soweit es dient, kriminelle Karrieren und abweichendes Verhalten
zukünftig zu verhindern, um so den Schutz potenzieller Opfer und der Gesellschaft
insgesamt zu gewährleisten. So äußerte sich der Hamburger Sozialstaatsrat in einer
Hamburger Diskussionssendung folgendermaßen: .Wir suchen sie unter dem
Gesichtspunkt aus, die haben eine nennenswerte kriminelle Karriere hinter sich. Dass das alles
trotzdem arme Würstchen sind, will ich völlig dahingestellt sein lassen. Aber dass wir sie unter dem
Gesichtspunkt aussuchen, hat was zu tun mit dem Schutz der Gesellschaft. Das ist zwar nicht das
Ziel des Jugendhilferechts, aber wir argumentieren ja folgendermaßen: Wir sagen, bevor sie endgültig
in Hahnöfersand landen, wollen wir ihnen, um sie vor sich selbst zu schützen weitere Straftaten zu
begehen, wollen wir sie in die geschlossene Einrichtung bekommen. Und insofern, meine ich, sagen
wir eindeutig, wir auch als Senat und als Behörde: der Schutz von potenziellen Opfern ist für uns
ein Ziel, dass wir in diesem Zusammenhang realisieren wollen. (SCHALTHOFF LIVE 2003).
Dass hinter dem Konzept der geschlossenen Unterbringung vorrangig keine
pädagogischen Überlegungen zum Schutz der Kinder und Jugendlichen stehen,
macht ergänzend folgendes Zitat eines Hamburger CDU-.Jugendexperten. deutlich:
.Aber bisher hatten wir die Opfer von Gewalt, weil es solche Eichrichtungen nicht gab. Wir haben
offene Einrichtungen gehabt . Menschen statt Mauern . das war es, was bisher von diesem
Hamburger Senat praktiziert wurde (...). Und wir haben die Aufgabe, und das haben wir uns
Koalitionäre auch zum Ziel gesetzt zusammen mit der Schill-Partei und mit der FDP, die
Menschen vor solchen Kriminellen zu schützen. Und das werden wir mit dieser Einrichtung
Feuerbergstraße auch tun. (ebd.).

Pädagogische Gesichtspunkte spielten in der Umsetzung der geschlossenen
Unterbringung in Hamburg nur eine untergeordnete Rolle. So wurde die
gleichrangige Beteiligung Freier Träger in die nach dem KJHG (§§ 79, 80 SGB VIII)
gesetzlich vorgeschriebenen Planungsverpflichtungen übergangen. Eine pädagogisch-
fachliche Diskussion sowie die Einbindung relevanter Gremien wurde von dem
Senat während der gesamten Planungsphase bewusst vermieden
(vgl. LANDESJUGENDHILFEAUSSCHUSS HAMBURG 2002b). Dies hatte aus
Damit Erziehung wieder zur Strafe wird? Die geschlossene Unterbringung als Thema der Politik

58
ordnungspolitischen Gesichtspunkten einen guten Grund, denn die in Kapitel 3
skizzierten Reaktionen aus der Fachöffentlichkeit haben deutlich gemacht, dass das
Konzept von Seiten der Hamburger Jugendhilfe nicht mitgetragen sondern aus
fachlichen Erwägungen massiv kritisiert und abgelehnt wurde und nach wie vor wird.

Pädagogische Argumente für geschlossene Heime, wie in Kapitel 4.1.1 dargelegt,
wurden bei der argumentativen Durchsetzung der geschlossenen Unterbringung
lediglich von der Politik für ihre Zwecke benutzt. Die äußerst vagen Antworten des
Senates auf zwei kleine Anfragen der Fraktion der Grünen unter dem Titel .Kann man
unter den Bedingungen der geschlossenen Unterbringung erziehen?. (BÜRGERSCHAFT DER
FREIEN UND HANSESTADT HAMBURG 2003a und 2003b) verdeutlichen, dass
pädagogische Argumente aus Mangel an Kompetenz und Interesse bei der
praktischen Umsetzung nicht vorgebracht werden können. Auf die Frage .Wie
beurteilt der Senat, den pädagogischen Einfluss auf die Jugendlichen unter den Bedingungen der
geschlossenen Unterbringung?. folgte die Antwort: .Die zuständige Behörde erwartet einen
positiven Einfluss. (BÜRGERSCHAFT DER FREIEN UND HANSESTADT HAMBURG 2003a).
Auch auf die Nachfrage mit welchen Mitteln und Methoden eine positive
Atmosphäre, in der Konflikte erst gar nicht entstehen können, geschaffen werden
soll (dies wurde in einer Pressemitteilung der Behörde vom 18.12.2002 angekündigt),
folgte ebenfalls eine äußerst undifferenzierte Antwort: .Mit angemessenen Mitteln und
Methoden. (ebd.). In der zweiten kleinen Anfrage wird als Antwort auf die Frage, wie
sich den Senat trotz der eingesetzten .angemessenen Mittel und Methoden. die hohe
Entweichungsquote erklärt, geäußert: .Die Entweichungen sind auf technische und bauliche
Mängel der Anfangszeit zurückzuführen. (BÜRGERSCHAFT DER FREIEN UND HANSESTADT
HAMBURG 2003b).

Wird also im Konzept des Senats noch von einer Gleichwertigkeit von Pädagogik
und ordnungspolitischen Sicherheitserwägungen gesprochen, zeigen die Reaktionen
der Sozialbehörde auf die aktuelle Entwicklung des (zu erwartenden)
Fluchtverhaltens der Jugendlichen, wie .die modernen Grundsätze der erzieherischen
Betreuung. zugunsten der .Sicherungsnotwendigkeiten. (vgl. FREIE UND HANSESTADT
HAMBURG 2002b, 5) in den Hintergrund gedrängt werden. Der in der geschlossenen
Unterbringung praktizierten Pädagogik ist es bisher nicht gelungen, den
ordnungspolitischen Ansprüchen des Hamburger Mitte-Rechts-Senats zu genügen.
Dem Problem des Weglaufens wird mit erhöhten Sicherheitsvorkehrungen begegnet,
Damit Erziehung wieder zur Strafe wird? Die geschlossene Unterbringung als Thema der Politik

59
nicht mit pädagogischen Erwägungen. Schließlich dürfe man sich .(...) von solchen
Jugendlichen nicht weiter auf der Nase rumtanzen lassen., die aufgrund ihrer Flucht aus dem
Heim erneut ihre kriminelle Energie beweisen würden, so ein CDU-Jugendexperte
(DIE WELT, 13.3.2003). So ist z.B. die neueste Maßnahme, nämlich die Einrichtung
eines so proklamierten .Beruhigungsraumes. als zusätzliche freiheitsentziehende
Maßnahme für besonders aggressive Jugendliche . besser bekannt als .Isolierraum.
. nicht annähernd mit den .modernen. Grundsätzen der Jugendhilfe vereinbar.
Nach Einschätzung von WOLFFERSDORFF & SPRAU-KUHLEN unter Bezugnahme auf
BETTELHEIM (1975) .verkörpert (...) schon ihr bloßes Vorhandensein einen unübersehbaren
Macht- und Strafanspruch der Institution . eine stumme Botschaft, die sich auch ohne dramatische
Ereignisse Gehör verschafft. (1990, 319). Die ordnungspolitische Vorstellung einer
punitiven Pädagogik erfährt in diesem Zusammenhang nochmals einen deutlichen
Zuwachs an repressiven und disziplinierenden Konturen.

60
6 Abschließende Betrachtung

Ziel der Arbeit war es, die pädagogische und gesellschaftspolitische Diskussion um
die geschlossene Unterbringung am Beispiel Hamburgs darzustellen. Es sollte gezeigt
werden, wie bei der Planung und Durchführung des Hamburger Konzeptes
ordnungspolitische Zielvorstellungen dominierend geworden sind und die Pädagogik
in dieser Diskussion nur noch eine untergeordnete Rolle spielt und auf diesem Weg
für die Zwecke der Politik instrumentalisiert wird. Dabei bin ich der Frage
nachgegangen ob unter diesen Bedingungen Erziehung wieder zur Strafe wird.

Resümierend lässt sich sagen, dass sich meine eingangs aufgestellte These bestätigt
hat.

Die jüngsten Entwicklungen der geschlossenen Einrichtung in der Feuerbergstraße
wie permanentes Weglaufen der Jugendlichen, massive Gewaltanwendungen gegen
die dort beschäftigten Sozialpädagogen, Konflikte mit den Jugendlichen aus dem
angrenzenden Kinder- und Jugendnotdienst (KJND) sowie die ersten negativen
Erfahrungsberichte von Betroffenen über das Familien-Interventions-Team zeigen
auf, dass sich die wissenschaftlichen Erkenntnisse und Befürchtungen seitens der
kritischen Fachöffentlichkeit in der bisherigen Praxis des Hamburger Konzeptes
bewahrheitet haben.

Die Auseinandersetzung mit der fachlichen Diskussion um die geschlossene
Unterbringung hat ergeben, dass obwohl sich geschlossene Einrichtungen in den
letzten zwanzig Jahren konzeptionell und pädagogisch weiterentwickelt haben, sich
deren innere Widersprüchlichkeit dennoch nicht auflösen lässt. Die Folgen der
Zusammenballung schwieriger Kinder und Jugendlicher in einem geschlossenen
Rahmen führt regelhaft zu einer vermehrten Aggressionsbildung untereinander und
gegen die dort beschäftigten Mitarbeiter. Dies wurde auch in Hamburg Realität, so
dass viele der dort Beschäftigten bereits um Versetzung gebeten oder gekündigt
haben. Nicht nur die Kinder und Jugendlichen flüchten, sondern auch die
Pädagogen, die sehr schnell feststellen mussten, dass sich ihre pädagogischen
Zielvorstellungen in einem .totalem System. nicht realisieren lassen. Hier zeigt sich,
dass die ungute Koalition von Ordnungspolitik und Pädagogik nicht im Sinne der in
geschlossenen Einrichtungen beschäftigten Pädagogen ist, haben sie doch ein
Abschließende Betrachtung

61
ehrliches erzieherisches Interesse an den Kindern und Jugendlichen (vgl. Kapitel 4.1).
Dennoch, und dies wurde insbesondere in der Auseinandersetzung mit dem
Strukturelement der .Geschlossenheit. in Kapitel 4.2.2 deutlich, werden die Erzieher
und ihre pädagogische Arbeit unter dem Primat der ordnungspolitischen
Sicherheitsnotwendigkeiten subsumiert und instrumentalisiert. Sie sind ebenso wie
die Insassen dem Sujet der politisch motivierten und organisierten Einsperrung
unterworfen.

Das ausgeprägte Fluchtverhalten der Jugendlichen wundert niemanden, der sich
ernsthaft, unabhängig von ordnungspolitischen Vorstellungen, mit der geschlossenen
Unterbringung beschäftigt hat. Jugendliche, und dass stützen wissenschaftliche
Studien, entlaufen nahezu genauso oft aus geschlossenen Heimen wie aus offenen
Einrichtungen.

Geschlossene Unterbringung, und dies hat die erste Bestandsaufnahme der Praxis in
Hamburg (Kapitel 3.4.2) sowie die Argumentation der Kritiker von geschlossener
Unterbringung eindringlich gezeigt, kann weder die politisch avisierten
Zielvorstellungen eines Schutzes vor noch die pädagogischen Bestrebungen der
Befürworter (Kapitel 4.1.1) eines Schutzes von kriminellen bzw. schwierigen Kindern
und Jugendlichen einlösen.

Die Wiedereinführung der geschlossenen Unterbringung in Hamburg hat
exemplarisch belegt, wie politische Zielvorstellungen unter den Bedingungen des
Leitbildes des aktivierenden Sozialstaates pädagogische Erwägungen vereinnahmt
haben. Pädagogische Argumente, die zur konzeptionellen Durchsetzung der
geschlossenen Unterbringung noch relevant waren, wurden langsam aber sicher von
ordnungspolitisch motivierten Sicherheitsnotwendigkeiten abgelöst. Dies zeigt sich
besonders deutlich in den sicherheitstechnologischen Reaktionen auf die zahlreichen
Entweichungen aus dem geschlossenen Heim.

Die chronologische Darstellung der Wiedereinführung der geschlossenen
Unterbringung in Hamburg sowie die im Kapitel 5 dargestellte politische Dimension
der Thematik macht deutlich, dass sich im öffentlich-politischen Raum der Ruf nach
(Wieder-) Einführung geschlossener Heime für auffällige und kriminelle Kinder und
Jugendliche insbesondere als eine .symbolische Politik. der sozialen Ausgrenzung
Abschließende Betrachtung

62
erweist, welche die kriminalpolitischen Ängste der Gesellschaft bedient. Es geht
vornehmlich um die Durchsetzung einer neuen repressiv angelegten Law-and-Order-
Politik und weniger um den Schutz und die Integration der .besonders schwierigen.
Kinder und Jugendlichen.

Zum Abschluss möchte ich die Aussage von BÄUERLE nochmals ins Gedächtnis
rufen, ist sie doch nach über 25 Jahren nach wie vor aktuell: .Befindet sich die
demokratische Gesellschaft in einer Bewegung zu mehr Humanität, mehr Demokratie, mehr
Freiheit für den Bürger, in Phasen sozialer Hoffnung und politischen Mutes, finden alle offenen, an
Freiheit und Selbstbestimmung orientierte Hilfen für problematische Kinder Auftrieb (moralisch und
finanzielle). Befindet sich die demokratische Gesellschaft in Phasen der Depression, der politischen
Unlust, der Ängstlichkeit und des Rufes nach Recht und Ordnung, wird alsbald auch nach mehr
geschlossenen Heimen für Kinder und Jugendliche gerufen, nach Einschränkung der Finanz'last' für
soziale Hilfen und gleichzeitig nach einer entschlossenen Polizei, einer Justiz, die kurzen Prozeß zu
machen versteht, und nach sicheren Gefängnissen. (BÄUERLE 1977, 248). Wir befinden uns
derzeit in der letzteren Phase. Es ist daher davon auszugehen, dies zeigt auch die
politische Entwicklung in anderen Bundesländern (vgl. z.B. PREY & PAULAT
30.11.2001; HAMBURGER ABENDBLATT 18.3.2003), dass auch zukünftig ein
vermehrter politischer Bedarf an geschlossener Heimunterbringung formuliert
werden wird. Und es wird die Aufgabe der Jugendhilfe sein, Kinder und Jugendliche
. wider besseren fachlichen Wissens . gegen ihren Willen in geschlossenen
Einrichtungen einzusperren. Die Pädagogik wird, dies hat die Auseinandersetzung
mit der Thematik der geschlossenen Unterbringung gezeigt, für ordnungspolitische
Zwecke instrumentalisiert. Erziehung wird unter diesen Bedingungen für die
betroffenen Minderjährigen und ihre Eltern implizit und explizit wieder zur
sozialdisziplinierenden Strafe.

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63
7 ABKÜRZUNGEN



AFET Arbeitsgemeinschaft für Erziehungshilfen
ASD Allgemeiner Sozialer Dienst
BGB Bürgerliches Gesetzbuch
BMFSFJ Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
BSF Hamburger Behörde für Soziales und Familie
DJI Deutsches Jugendinstitut
FGG Familiengerichtsgesetz
FIT Familien-Interventions-Team
GG Grundgesetz
HzE Hilfen zur Erziehung
IBW Intensiv-betreute Wohngruppe
ICD International Classification of Deseases
IGfH Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen
JGG Jugendgerichtsgesetz
KJHG Kinder- und Jugendhilfegesetz
KJND Kinder- und Jugendnotdienst
LEB Landesbetrieb Erziehung und Berufsbildung
LJHA Landesjugendhilfeausschuss
PKS Polizeiliche Kriminalstatistik
PTI Pädagogisch-therapeutische Intensivgruppe
RJWG Reichsjugendwohlfahrtsgesetz
SGB Sozialgesetzbuch
SoPo Sozialpolitische Opposition Hamburg


64
10 LITERATUR



AHRBECK, BERND & STADLER, BERNHARD
Geschlossene Unterbringung und verbindlicher Aufenthalt. Ideologie und Wirklichkeit, In:
Zeitschrift für Heilpädagogik, 1/2000, S. 21-26

AHRENS, PETER
Senatorin Vollstreckerin. Sozialbehörde stellt Konzept der geschlossenen Heime für
Jugendliche vor: 90 Plätze in Hamburg geplant. Auch Kinder sollen eingesperrt werden.
Einweisung hängt vom Verhalten der Eltern ab. GAL protestiert, SPD sieht
.Gesprächsgrundlage., In: die tageszeitung (taz hamburg), 3.7.2002

AHRENS, PETER
Frau Senatorin Schließer-Jastram. Öffentliche Vorlesung vor Ort gegen geschlossene
Heime für Jugendliche. Ex-Sozialsenator Jan Ehlers stellt sich gegen die Meinung der
eigenen SPD-Fraktion: .Der alte Gedanke der Vorbeugehaft wird wieder hervorgeholt.,
In: die tageszeitung (taz hamburg), 11.7.2002

ALBRECHT, PETER-ALEXIS & LAMNEK, SIEGFRIED
Jugendkriminalität im Zerrbild der Statistik. Eine Analyse von Daten und Entwicklungen,
München 1979

ARBEITSGEMEINSCHAFT FÜR ERZIEHUNGSHILFEN (AFET)
Stellungnahme zur geschlossenen Unterbringung in der Jugendhilfe, In: DVJJ-Journal, 6.Jg.
Nr. 148, März 1995, S. 139-140

ARBEITSGRUPPE .GESCHLOSSENE UNTERBRINGUNG.
Argumente gegen geschlossene Unterbringung in Heimen der Jugendhilfe; erarbeitet im
Auftrag der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH) und des
Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Frankfurt/Main 1995

BÄUERLE, WOLFGANG
Argumente wider eine böse Sache, In: Sozialpädagogik, 19. Jg. 1977, S. 247-251

BAYERISCHES LANDESJUGENDAMT
Zur Frage freiheitseinschränkender Maßnahmen innerhalb der Jugendhilfe (Teil I),
In: Mitteilungsblatt Nr.5, September/Oktober 1995, S. 37-38

BERNZEN, CHRISTIAN
Juristisches Kurzgutachten zu den Eckpunkten eines Senatskonzept . Geschlossene
Unterbringung für minderjährige Straftäter und Maßnahmen der Jugendhilfe zur Stärkung
der Erziehungsverantwortung der Eltern. Entwurf, (unveröffentlichtes Manuskript),
Hamburg 2002

BETTELHEIM, BRUNO
Der Weg aus dem Labyrinth . Leben lernen als Therapie, Stuttgart 1975

BIRTSCH, VERA
Alternativprojekte zur geschlossenen Unterbringung, In: Theorie und Praxis der sozialen
Arbeit, Nr. 11, 1982, S. 426-434
Literatur

65
BIRTSCH, VERA
.Wenn ihr uns nicht einschließt, schließen wir uns nicht aus!. Ergebnisse einer Alternative
zur geschlossenen Unterbringung Jugendlicher, Frankfurt/Main 1983

BIRTSCH, VERA
Integration statt Ausgrenzung. Zusammenfassende Auswertung des hessischen
Modellprogramms zur Heilpädagogischen Intensivbetreuung, Frankfurt/Main 1986
BIRTSCH, VERA & TRAUERNICHT, GITTA
Wider den Zeitgeist . Schluss mit dem Gerede über geschlossene Heime, In: DVJJ-Journal,
5.Jg. Nr. 147, September/Dezember 1994, S. 307-308

BITTSCHEID-PETERS, DOROTHEE & MAHNKOPF, DIETRICH & WOHLERT, FRED
Die geschlossene Unterbringung in der Heimerziehung und ihre Alternativen, In: Behörde
für Arbeit, Jugend und Soziales, Amt für Jugend, Berichte und Dokumente aus der Freien
und Hansestadt Hamburg, Nr. 634, 1981

BITTSCHEID-PETERS, DOROTHEE & KOCH, ULRICH
Menschen statt Mauern . Ein Konzept auf dem Prüfstand, In: Behörde für Arbeit, Jugend
und Soziales, Amt für Jugend, Berichte und Dokumente aus der Freien und Hansestadt
Hamburg, Nr. 685, 1982

BITTSCHEID, DOROTHEE
Zum Verhältnis von Jugendhilfe und Justiz in Deutschland: Wenn Erziehung zur Strafe
werden soll, In: Forum Erziehungshilfen, 4. Jg. 1998 Heft 2, S. 68-78

BÖHNISCH, LOTHAR
Heimerziehung und Sozialstaat/The state as parent, In: COLLA, HERBERT & GABRIEL,
THOMAS et. al. (Hrsg.), Handbuch Heimerziehung und Pflegekindwesen in Europa,
Neuwied 1999, S. 417-424

BÜRGERSCHAFT DER FREIEN UND HANSESTADT HAMBURG
Bericht der Enquete-Kommission Jugendkriminalität und ihre gesellschaftlichen Ursachen,
Drucksache 16/4000, Hamburg, 11.5.2000
BÜRGERSCHAFT DER FREIEN UND HANSESTADT HAMBURG
Kleine Anfrage der Abgeordneten Sabine Steffen (GAL). Kann man unter den
Bedingungen der geschlossenen Unterbringung erziehen?, Drucksache 17/2421, Hamburg,
2003a
BÜRGERSCHAFT DER FREIEN UND HANSESTADT HAMBURG
Kleine Anfrage der Abgeordneten Sabine Steffen (GAL). Kann man unter den
Bedingungen der geschlossenen Unterbringung erziehen? (2), Drucksache 17/2597,
Hamburg, 2003b
BUNDESJUGENDKURATORIUM (Hrsg.)
Erziehung in geschlossenen Heimen. Ein Symposium, München 1982
Literatur

66
BUNDESMINISTERIUM FÜR FAMILIE, SENIOREN, FRAUEN UND JUGEND (BMFSFJ)
Übereinkommen über die Rechte des Kindes. UN-Kinderrechtskonvention im Wortlaut
mit Materialien, Bonn 2000

BUNDESMINISTERIUM FÜR FAMILIE, SENIOREN, FRAUEN UND JUGEND (BMFSFJ)
Elfter Kinder- und Jugendbericht . Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und
die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland, Bonn 2002

CARITAS MÄDCHENHEIM GAUTING
Therapeutisches Heim der Jugendhilfe. Konzept Intensivtherapeutischer individuell-
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DIE TAGESZEITUNG (taz hamburg)
Überdimensioniert. Fachleute kritisieren Senatspläne, ein geschlossenes Heim für
straffällige Jugendliche einzurichten, 4.7.2002

DIE TAGESZEITUNG (taz hamburg)
Zäune und Riegel. Protest gegen geschlossene Heime geht weiter. Morgen Vormittag
Protestvorlesung in Ohlsdorf, 9.7.2002

DIE TAGESZEITUNG (taz hamburg)
Geschlossene Heime. Böwer für Neubau, 16.9.2002

DIE TAGESZEITUNG (taz hamburg)
Kein Wacht-Meister. Feuerbergstraße soll .Beruhigungsraum. bekommen, 31.4.2003

DIE WELT
Geschlossenes Heim: Trotz erneuter Flucht hält Senat am Konzept fest, 13.3.2003

EISSING, THOMAS
Abschluss für den Ausschuss . Was soll mit geschlossener Heimunterbringung besser
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FREIE UND HANSESTADT HAMBURG
Vertrag über eine Koalition für die Legislaturperiode 2001-2005, Hamburg 19.10.2001

FREIE UND HANSESTADT HAMBURG
Senatorin Schnieber-Jastram stellt Konzept zur geschlossenen Unterbringung für
straffällige Kinder und Jugendliche vor. 90 gesicherte Plätze in Hamburg . unverzügliche
Hausbesuche bei den Eltern (Presseerklärung) vom 2.7.2002, Hamburg 2002a

FREIE UND HANSESTADT HAMBURG
Geschlossene Unterbringung für minderjährige Straftäter und Maßnahmen der Jugendhilfe
zur Stärkung der Erziehungsverantwortung der Eltern (Manuskript), Hamburg 2002b

FREIE UND HANSESTADT HAMBURG
Hamburg führt wieder geschlossene Heime ein (Manuskript), Hamburg 2002c

FREIE UND HANSESTADT HAMBURG
Senatsdrucksache Nr. 2002/1002: Konzept des Senats zur Geschlossenen Unterbringung
für Minderjährige bei Kindeswohlgefährdung durch die Begehung von Straftaten in
wiederholten oder gravierenden einzelnen Fällen und zu Maßnahmen der Jugendhilfe zur
Stärkung der Erziehungsverantwortung der Eltern, Hamburg 2002d

FREIE UND HANSESTADT HAMBURG
Jugendhilfe. Geschlossene Unterbringung für Minderjährige nimmt Betrieb auf,
(Pressemitteilung) vom 18.12.02, Hamburg 2002e

FREIE UND HANSESTADT HAMBURG
Jugendhilfe. Seit Jahresanfang arbeitet das neue Familien-Interventions-Team,
(Pressemitteilung) vom 9.1.2003, Hamburg 2003a

FREIE UND HANSESTADT HAMBURG
Jugendhilfe. Erste Bilanz des Familien-Interventions-Team,
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HAMBURGER ABENDBLATT
Wer stoppt die Bande von Langenhorn? Die Vorgänge um eine Jugendgang in Hamburgs
Norden hat die Diskussion um geschlossene Unterbringung neu entfacht. Das sagen
Hamburger Politiker, 19.6.1998

HAMBURGER ABENDBLATT
Amtsrichter kritisieren Jugendrichter und die Politik: .Die Jugendsenatorin träumt immer
noch von Menschen statt Mauern., 2.7.1998a

HAMBURGER ABENDBLATT
Zwei Fragen an die Stadt: Der Innensenator: Wir brauchen mehr Arbeits- und
Ausbildungsplätze für Jugendliche. Die GAL-Fraktionschefin: Heime vermehren die
Gewalt. Der CDU-Landesvorsitzende: Katastrophale Politik des SPD-Senats, 2.7.1998b

HAMBURGER ABENDBLATT
Nach dem Mord von Tonndorf: Der Bürgermeister zur Bekämpfung der
Jugendkriminalität. .Die Tat hätte ungeschehen bleiben können.. Runde:
Intensivbetreuung ist besser, aber einige gehören ins Gefängnis, 16.7.1998a

HAMBURGER ABENDBLATT
Jugendkriminalität. .Senatskonzept unzureichend., 16.7.1998b

HAMBURGER ABENDBLATT
Zurück zu geschlossenen Heimen. 90 Plätze wird der Senat für kriminelle Jugendliche
einrichten . eine Konsequenz aus dem Fall Dabelstein, 3.7.2002

HAMBURGER ABENDBLATT
Geschlossene Heime: Jetzt doch Neubau?, 5.11.2002

HAMBURGER ABENDBLATT
Was alles passieren musste, bis nun wieder geschlossene Heime eingerichtet werden,
4.12.2002

HAMBURGER ABENDBLATT
- und niemand alarmierte die Polizei. Vorstoß. Innensenator Ronald Schill prüft
Abschiebung und denkt an verschärfte Videoüberwachung auf öffentlichen Plätzen,
19.12.2002
Literatur

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HAMBURGER ABENDBLATT
Niedersachsen will geschlossene Heime. 20 Plätze für kriminelle Kinder und Jugendliche,
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HAMBURGER ABENDBLATT
SPD: Härter in der Strafverfolgung. Neuer Kurs in der inneren Sicherheit. Und: Stadt soll
sauberer werden, 7.4.2003

HAMBURGER ABENDBLATT
Wachdienst im Jugendheim. Staatsrat kündigt härtere Gangart im Umgang mit den
Insassen an, 29.4.2003

HAMBURGER EINRICHTUNGEN UND FREIE TRÄGER
Das von Senatorin Schnieber-Jastram vorgelegte .Konzept. zur Kriminalitätsbekämpfung
von Minderjährigen täuscht die Öffentlichkeit, verschwendet Steuergelder, widerspricht
dem Gesetz und ist fachlich eine Katastrophe, In: Forum für Kinder- und Jugendarbeit,
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.Alles nur Show.. Der Rechtsanwalt und Jugendhilfe-Experte Christian Bernzen im
Interview: Geschlossene Heime werden leer bleiben, In: die tageszeitung (taz hamburg),
1.2.2002

KUTTER, KAIJA & TREDE, WOLFGANG
.Hanebüchen. . Bundesweiter Fachverband für Erziehungshilfe kritisiert geschlossene
Heime und befürchtet Eskalationsspirale für die gesamte Jugendhilfe, In: die tageszeitung
(taz hamburg), 12.8.2002

KUTTER, KAIJA
Staat darf nicht Eltern spielen. Juristen kritisieren Konzept der geschlossenen Heime:
Gesetz ermöglicht keine Unterbringung für ein Jahr. Gutachten: Entzug des Sorgerechts
durch das Familien-Interventions-Team ist .hoch problematisch. und möglicherweise
sogar verfassungswidrig, In: die tageszeitung (taz hamburg), 5.9.2002

KUTTER, KAIJA
.Die Vorbehalte entkräften. . Sozialsenatorin Birgit Schnieber-Jastram präsentiert ihr
geschlossenes Heim mit Ikea-Möbeln und bruchsicheren Fenstern. Vom Trompetenbaum
blieb nur ein Stumpf. Jugendwohngruppe vom Südring wird in die Feuerbergstraße
verlagert, In: die tageszeitung (taz hamburg), 19.12.2002

KUTTER, KAIJA & SPANNER, ELKE
Ferner liefen. Nach erneuter Flucht heftige Debatte um geschlossene Heime.
Sozialbehörde macht LEB-Chef Wolfgang Lerche für Pannen verantwortlich. Opposition
erklärt Feuerbergstraße für gescheitert, Diakonie spricht von .konzeptioneller Sackgasse.,
In: die tageszeitung (taz hamburg), 29.4.2003

LANDESARBEITSGEMEINSCHAFT HEIMERZIEHUNG THÜRINGEN
Geschlossene Unterbringung in der Jugendhilfe. Positionspapier, In: DVJJ-Journal, 6. Jg.
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Einrichtungen der Jugendhilfe, die geschlossne Unterbringung durchführen -
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LANDESJUGENDHILFEAUSSCHUSS BRANDENBURG
Alternativen und Empfehlungen des Landesjugendhilfeausschusses des Landes
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LANDESJUGENDHILFEAUSSCHUSS HAMBURG
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Beschluss des LJHA, in der Sitzung am 12.08.2002, Hamburg 2002b, Zit. nach:
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Geschlossene Unterbringung oder: Nicht, warum ich gegen geschlossene Unterbringung
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LINDENBERG, MICHAEL
Geschlossene Unterbringung und geknechtete Pädagogik. Ein Kommentar zur
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Was passiert, wenn auf geschlossene Unterbringung verzichtet wird? Erfahrungen aus
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Was nun Frau Schnieber-Jastram? Hamburgs neuer Kinderknast: Der erste ist schon
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PREY, SEBASTIAN & PAULAT, JULIA
Geschlossene Heime: Lübecks Oberstaatsanwalt erntet viel Lob. Der Leitende
Oberstaatsanwalt Heinrich Wille hat eine alte Debatte neu entfacht: Für seinen Ruf nach
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REINECKE, PETER
Die Jugendhilfe als der lange Arm der Justiz . (Geschlossene) Unterbringung für straffällig
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Die Stadt der .Wohlständigen. und die neuen .gefährlichen Klassen.. Der Umbau der
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SCHALTHOFF LIVE
Politische Diskussionssendung vom 18.3.2003 auf HH1


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Haus der offenen Tür. Dass bisher fast alle Insassen des geschlossenen Jugendheims
ausgebrochen sind, wertet Staatsrat Meister .ironischerweise. als Erfolg des Konzeptes.
An dem wird festgehalten. Einzige Konsequenz: Bauliche Nachrüstung, In: die
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SPD-FRAKTION HAMBURG
.Liberal aber nicht lasch. . Kurs der SPD in der Innenpolitik ist beschlossene Sache,
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STEINBERGER, KARIN
Gauting: Schwererziehbare . wann hilft der Freiheitsentzug? Der Glücksfall, eingesperrt zu
sein. Geschlossene Heime stehen immer noch in Verruf . für die 17jährige Jacqueline was
das Leben dort zunächst die Hölle, nun lobt sie es in den Himmel, In: Süddeutsche
Zeitung, Nr. 257, 7./8.11.1998

STOPPEL, MARTIN
Pädagogik und Freiheitsentzug . Rechtsgrundlagen und pädagogische Leitsätze
offizielle Position des LJA Rheinland 2002, Zit. nach: www.lichter-der-grossstadt.de/html-
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TRAUERNICHT, GITTA
Eine erneute Positionsbestimmung zu einem alten Thema: Geschlossene Unterbringung
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TRENCZEK, THOMAS
Geschlossene Unterbringung oder Inobhutnahme? Rechtliche, sozialpädagogische und
jugendpolitische Anmerkungen zu den freiheitsentziehenden Maßnahmen in der
Jugendhilfe, In: DVJJ-Journal, 5. Jg. Nr. 147, September/Dezember 1994, S. 288-296
TRENCZEK, THOMAS
Inobhutnahme und geschlossene Unterbringung. Anmerkungen zu den
freiheitsentziehenden Maßnahmen in Einrichtungen der Jugendhilfe,
In: Zentralblatt für Jugendrecht, 87. Jg. 2000, S. 121-124

WALTER, MICHAEL
Kriminalpolitik mit der polizeilichen Kriminalstatistik? Artikulation eines Unbehagens über
den derzeitigen Kurs der Deutschen Jugendgerichtsvereinigung,
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WEISS, KARIN
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WEITEKAMP, ELMAR & MEIER, ULRIKE
Werden unsere Kinder immer krimineller? Kinderkriminalität im Zerrbild der
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öffentliche Wahrnehmung und Lösungsvorschläge, Opladen 1998, S. 83-113

WILLE, JÖRG
§1631b BGB in der amtgerichtlichen Praxis, In: Zentralblatt für Jugendrecht,
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WOLF, KLAUS
Keine geschlossene Unterbringung in der Hamburger Heimerziehung: Praxis und
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WOLF, KLAUS
Wohin hat uns die Heimreform gebracht?, In: WOLF, KLAUS (Hrsg.), Entwicklungen in der
Heimerziehung, Münster 1995b, S. 92-101

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Literatur

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WOLFFERSDORFF, CHRISTIAN VON
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WWW.STAAT-MODERN.DE/PROGRAMM
(Rev. 28.4.2003)

ZAPF, BERNHARD
Zur Frage freiheitsbeschränkender Maßnahmen innerhalb der Jugendhilfe . Zum
Verständnis der Arbeit in der pädagogisch-therapeutischen Intensivabteilung im
Jugendhilfeverband Rummelsberg, In: Mitteilungsblatt des Bayerischen
Landesjugendamtes, Nr. 6, 1995, S. 45-49

******************************************************************

INHALT *
*(am Ende des Dokuments)

1 Einleitung............................................................................................................................ 3

2 Geschlossene Unterbringung in der Jugendhilfe .
Ein Überblick ...................................................................................................................... 6

2.1 Verfassungs- und jugendrechtliche Grundlagen
der geschlossenen Unterbringung ..............................................................................................7
2.1.1 § 1631b BGB als Grundlage für freiheitsentziehende Maßnahmen .....................................8
2.1.2 Grundrechtsichernde Verfahrensvorschriften
des Familiengerichtsgesetzes (FGG)..........................................................................................9
2.2 Geschlossene Unterbringung in Einrichtungen der Jugendhilfe .
Ein bundesweiter Überblick in Zahlen....................................................................................10

3 Die Entwicklung der geschlossenen Unterbringung in Hamburg.................................... 11
3.1 Der Mord an Dabelstein 1998 in Hamburg-Tonndorf.........................................................11
3.2 Der Bericht der Enquete-Kommission .Jugendkriminalität
und ihre gesellschaftlichen Ursachen......................................................................................13
3.3 Der Regierungswechsel 2001 in Hamburg..............................................................................14
3.4 Die Umsetzung der geschlossenen Unterbringung in Hamburg ........................................15
3.4.1 Das Konzept des Hamburger Senats.......................................................................................19
3.4.1.1 Das Familien-Interventions-Team (FIT) ................................................................................19
3.4.1.2 Die geschlossene Unterbringung..............................................................................................20
3.4.2 Eine erste Bestandsaufnahme ...................................................................................................22

4 Geschlossene Unterbringung in der fachlichen Diskussion............................................. 24

4.1 Argumente der Befürworter geschlossener Unterbringung .................................................26
4.1.1 Pädagogische und therapeutische Argumente für geschlossene Unterbringung..............27
4.1.2 Strukturelle Argumente für geschlossene Unterbringung ....................................................33
4.2 Argumente der Kritiker geschlossener Unterbringung.........................................................34
4.2.1 Rechtliche Argumente gegen geschlossene Unterbringung .................................................35
4.2.2 Pädagogische Argumente gegen geschlossene Unterbringung............................................38
4.2.3 Strukturelle Argumente gegen geschlossene Unterbringung ...............................................46

5 Damit Erziehung wieder zur Strafe wird?
Die geschlossene Unterbringung als Thema der Politik .................................................. 49

5.1 .Innere Sicherheit. als politisches Leitthema.........................................................................50
5.2 .Konfrontative Pädagogik. als politische Praxis im aktivierenden Sozialstaat.................54

6 Abschließende Betrachtung .............................................................................................. 60

7 Abkürzungen ..................................................................................................................... 63

8 Literatur............................................................................................................................. 64


******************************************************************

Evangelische Fachhochschule für Sozialpädagogik des Rauhen Hauses Hamburg
Diplomarbeit
Vorgelegt von Maya Meiners
Erstgutachter: Prof. Dr. Michael Lindenberg
Zweitgutachter: Prof. Dr. Timm Kunstreich


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