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ISSN 1610-0611
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Forschungsjournal "Neue Soziale Bewegungen"

Wege aus der Intensivstation Gesundheitswesen
20 Autorinnen und Autoren präsentieren grundlegende Reformagenda
Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, Jg. 15, 2002, Heft 3, ca. 190 S.,
13,50 EURO

Kontakt: Peter Kuleßa, Pannierstr. 35, 12047 Berlin, Tel. & Fax:
030/75706378, eMail: PKulessa@web.de
Belege: Verlagsauslieferung Brockhaus/Commission, Frau Rother , Tel.:
07154/132-737, Fax: -713

Eine umfassende Analyse des krisengeschüttelten Gesundheitssystems und realistische Reformstrategien haben 20 Autorinnen und Autoren im aktuellen Themenheft des Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen "Partizipation und Mitgestaltung. Wege aus der Intensivstation Gesundheitswesen" vorgelegt. Um Licht ins Dunkel der Interessenfelder zu bringen, hat das Forschungsjournal NSB mit diesem Themenheft Akteure und Konfliktfelder sortiert und ihre Interessenhintergründe transparent gemacht. Das Forschungsjournal möchte notwendige Impulse für eine sinnvolle Politikgestaltung im Gesundheitssystem geben und den Debatten eine andere Stoßrichtung verleihen. Es werden aktuelle gesundheitspolitische Positionierungen markiert, Analysen aus Wissenschaft und Politikberatung präsentiert, Akteursperspektiven und Kritiken reflektiert. Abgerundet wird das Heft durch einen vergleichenden Blick in die Gesundssysteme anderer Länder (USA, Niederlande). Grundsätzlich ist den Beiträgen eine Stoßrichtung gemein: Die Patienten und Versicherten sollen über den Ausbau von Beteiligungs- und Mitgestaltungsrechten stärker in den Mittelpunkt des Gesundheitssystems rücken Die Vertreterinnen und Vertreter der rot-grünen Regierungskoalition (Bundesministerin Ulla Schmidt einerseits und der Parteivorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen Fritz Kuhn mit der 1. Parlamentarischen Geschäftsführerin Katrin Göring-Eckardt andererseits) rücken in ihren Beiträgen die Rolle der Patienten und die Fragen der Beteiligung in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen. Schmidt verlangt eine Umorientierung von der Betrachtung der Patienten als Objekte der Fürsorge hin zu mehr Mitsprache und Mitgestaltung der Versicherten und Patienten. Kuhn und Göring-Eckardt fordern die Ausweitung von Wahlfreiheiten der Versicherten und Patienten, eine bundesweite Struktur der Patientenunterstützung und Patientenberatung (analog dem Verbraucherschutz) sowie eine Stärkung der kollektiven Beteiligungsrechte von Versicherten und Patienten. Der Vorsitzende von ver.di, Frank Bsirske, und seine Kollegin aus dem Bundesvorstand, Ulla Derwein, betonen in ihrem Beitrag, daß sie die Dienstleistungsgewerkschaft als "große Patientenorganisation", als "Patientenbewegung" verstehen. Die aktuelle Gesundheitskampagne von ver.di hat zum Ziel, unterschiedliche Interessen und Organisationen, insbesondere Patienteninitiativen und Selbsthilfegruppen und deren Organisationen und Verbände, zu einem Netzwerk für Patienteninteressen fortzuentwickeln. Ein wesentliches Strukturproblem des Gesundheitswesens, so der Wissenschaftler Bernhard Badura, ist das unausgewogene Verhältnis zwischen Anbietermacht und Verbraucherschutz. Um dieses Mißverhältnis zu beheben, sollte der Staat die Evaluation und Qualitätsberichterstattung deutlich ausbauen, eine staatliche Regulierungsbehörde für die Einhaltung klinischer Mindeststandards einrichten.


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Aus der Sicht der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) plädieren Christoph J. Rupprecht und Michel Weller dafür, den Strukturwandel im Gesundheitswesen für einen Reformprozess zu nutzen, der stärker auf die Bedürfnisse der Versicherten und Patienten ausgerichtet ist und bestehende Defizite in der Gesundheitsversorgung behebt. Eine Ausweitung der Beteiligung von
Versicherten und Patienten in der GKV, so die Autoren, stärke die GKV in ihrem Anliegen, das Zielbündel von Effektivität, Effizienz, Qualität und Wirtschaftlichkeit der Gesundheitsversorgung zu realisieren und das solidarische Gesundheitssystem zu bewahren. In den meisten Untersuchungen wird auf die blockierenden korporatistischen Strukturen im Gesundheitssystem verwiesen. Winfried Beck, Vorsitzender des ,Vereins demokratischer Ärztinnen und Ärzte' analysiert vor diesem Hintergrund den Einfluß der organisierten Ärzteschaft, insbesondere der kassenärztlichen Vereinigung. Er kommt zu dem Schluß, daß sich trotz aller Erfolge der innerärztlichen Opposition an der inadäquaten Machtfülle der organisierten Ärzteschaft innerhalb des Gesundheitswesen nichts grundsätzlich geändert hat und weiterhin radikale Reformen notwendig sind. Die Intransparenz des Gesundheitssystems ist für Anke Martiny von ,Transparency International' - neben hohen Kosten, Korruption und Ineffizienz - das Kernproblem. Die Autorin macht das Zusammenspiel im Verhalten von Patienten, Kassen, Ärzten, berufsständischen Körperschaften, Kliniken und Pharmaunternehmen für den derzeitigen Mißstand verantwortlich. Abhilfe kann dem eine Umgestaltung des Systems der Selbstverwaltung nach den Leitprinzipien klare Verantwortlichkeiten, höhere Transparenz und Professionalisierung der Verwaltung leisten. Jürgen Matzat, Leiter der Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen der ,Deutschen Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen e.V.' diskutiert die (potentielle) Rolle der Selbsthilfe als ,vierte Säule' und als Korrektiv im Gesundheitswesen. Wenn die Selbsthilfe die ihr zugedachten Funktionen wahrnehmen soll, so der Autor, dann braucht sie eine stärkere Anerkennung bei den anderen Akteuren, größere materielle Förderung ihrer Infrastrukturen und eine Erweiterung ihrer (gesundheits-) politischen Beteiligungsmöglichkeiten. In der Rubrik Pulsschlag werden Initiativen und Projekte vorgestellt. Das globaliserungskritische Netzwerk Attac legt in diesem Jahr einen zentralen Fokus auf das Thema Gesundheit. Gabriele Rohmann beschreibt das Selbstverständnis und die Maßnahmen der Kampagne, die die global zunehmende Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen - so auch den erkennbaren Rückzug einer solidarischen Gesundheitsversorgung zu Gunsten der
privatwirtschaftlichen Wettbewerbs - kritisiert. Klaus-Peter Stender berichtet über die Erfahrungen des ,Gesunde-Städte' Netzwerks in Deutschland. Birgit Weihrauch beschreibt Organisations- und Arbeitsweise, Entwicklung und Erfahrungen der seit gut zehn Jahren durchgeführten Gesundheitskonferenzen in Nordrhein-Westfalen. Vor dem Hintergrund der Geschichte der Frauengesundheitsbewegung und einer Analyse der Strategie des ,gender mainstreaming' plädieren Petra Kolip und Ingeborg Jahn für eine Verankerung von Genderkompetenz in breitem Umfang bei den Akteurinnen und Akteuren des Gesundheitswesens. Mit diesem vorliegenden Themenheft werden erstmalig grundlegende partizipationsorientierte Reformstrategien und entsprechende Positionen zur Krise des Gesundheitssystems in Deutschland präsentiert und diskutiert.

H-Dritter Sektor,
http://www.dritter-sektor.de oder
http://www.h-net.msu.edu


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