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ISSN 1610-0611
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Kinderprostitution

Kinderhandel ist ein weltweites Milliardengeschäft. Allein in Asien werden rund eine Million Kinder zur Prostitution gezwungen. Aber auch im deutsch-tschechischen Grenzgebiet hat sich ein regelrechter Markt für Kinderprostitution entwickelt, wie eine Untersuchung von UNICEF und der Kinderrechtsorganisation ECPAT zeigt.

"Unverkäuflich!" heißt deshalb die UNICEF-Aktion gegen Kinderhandel. UNICEF ruft zu Unterschriften und Spenden auf, um den Opfern zu helfen und Kinder vor den Machenschaften der Menschenhändler zu schützen.

Kinder sind unverkäuflich! - Christina Rau und Roger Moore starten UNICEF-Aktion gegen Kinderhandel


Ergebnisse der Studie "Kinder auf dem Strich - Bericht von der deutsch-tschechischen Grenze

121103
www.unicef.de


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K I N D E R   B E R I C H T E N 

…über ihr Leben auf dem Strich

„Ich bin schon früh hier und dann bleibe ich auf der Straße, bis es dunkel wird. Manchmal spiele ich auch auf der Wiese. Ich muss beim Spielen aufpassen, dass ich die Deutschen sehe“, sagt der sechsjährige Frantisek.

„Ich stehe hier immer gleich nach der Schule, bis kein deutsches Auto mehr kommt. Das ist unterschiedlich, manchmal bis früh.“ Stanislaw, 12 Jahre.

„Abends hole ich mir am Imbiss was zu essen. Meiner Mutter ist es egal, wann ich komme. Die schläft dann schon.“ Tomas, acht Jahre

„Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal in der Schule war, ich geh da nicht mehr hin.“ Danka, 14 Jahre

„Meine Mutter holt mich und zeigt mich, wenn ein Deutscher mich will. Manchmal ist das auch sehr spät in der Nacht.“ Iveta, zehn Jahre

„Mein Onkel sagt mir eben, wenn ein Deutscher bei ihm fragt und dann gehen wir in die Wohnung“, Honza, 13.

„Wenn ich nicht auf der Straße bin, dann klingeln manche bei mir zu Hause. Meine Mutter sagt mir dann Bescheid“, Simonetta, 16.

„Wenn die Deutschen so Kleine wollen, dann hole ich meinen sechsjährigen Bruder. Meine Freunde machen das auch so.“ Antonin, 15 Jahre



…über ihre Wünsche und Perspektiven

„Ich möchte gern in einer Porzellanfabrik arbeiten“, wünscht sich Danka, 14 und fügt hinzu: „Die Deutschen sollen verbieten, dass die Männer herkommen. Ich weiß nicht, wer dies sonst verbieten könnte. Aber ich habe keine Hoffnung, dass das verboten wird.“

Auch Milena klingt resigniert: „Ich kann mir doch nichts wünschen, vielleicht, dass es nicht mehr so viele Deutsche gibt, die hierher kommen.“

Der achtjährige Tomas würde gerne Polizist werden:“…dann würde ich alle Deutschen einsperren!“

„Ich werde Zuhälter, dann schaffe ich mir drei bis vier Frauen an, die für mich arbeiten müssen. Ich habe doch nie was anderes gesehen.“ Petr, 13, mit Brutalität in der Stimme

„Ich will nicht mehr, dass die deutschen Männer kommen… Es wäre gut, wenn sie die Grenzen schließen oder die deutschen Männer, die mit Kindern Sex haben wollen, nicht mehr reinlassen“, sagt Antonin, 15. „Wenn ich groß bin, will ich eine liebe Frau und zwei Kinder und dann will ich Tischler werden. Nicht mehr allein sein und mich wohl fühlen.“

aus: C. Schauer, „Kinder auf dem Strich“, Bad Honnef 2003 (alle Namen Betroffener geändert)



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C A T H R I N   S C H A U E R :   K I N D E R   A U F   D E M   S T R I C H 

Cathrin Schauer:
Kinder auf dem Strich - Bericht von der deutsch-tschechischen Grenze
Hg: UNICEF Deutschland, ECPAT Deutschland, Horlemann-Verlag, Bad Honnef, 2003

Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse

Der Bericht „Kinder auf dem Strich“ ist das Ergebnis jahrelanger systematischer Beobachtungen, Gespräche und Interviews. Die Autorin kennt die Prostitutions- und Drogenszene im deutsch-tschechischen Grenzgebiet durch ihre tägliche Arbeit als Streetworkerin für das Sozialprojekt KARO. Ihr Bericht zeichnet zum ersten Mal ein umfassendes Bild der sexuellen Ausbeutung von Kindern in dieser Region durch - vorwiegend deutsche - Sextouristen. Er zeigt das Ausmaß des von organisierten Zuhälterringen betriebenen Geschäfts und die Lebensumstände ihrer Opfer. Das erschreckende Fazit der Autorin: Im deutsch-tschechischen Grenzgebiet hat sich ein florierender Markt für Kindersex entwickelt. Seit 1996 sind etwa 500 Mädchen und Jungen beobachtet worden, die sich selbst zur Prostitution anboten oder von Erwachsenen angeboten wurden, die Jüngsten davon waren noch im Säuglingsalter.

Das Projekt KARO
Das Sozialprojekt KARO arbeitet seit 1994 auf beiden Seiten der deutsch-tschechischen Grenze. Fünf Sozialarbeiter kümmern sich um die Frauen und Kinder auf dem Straßenstrich und in Bordellen, verteilen Kondome und Informationsmaterial zur AIDS-Prävention. Hilfe und Beratung gibt es zudem in der Beratungsstelle in Cheb (Eger), die 1996 aufgebaut wurde, sowie im KARO-Büro in der sächsischen Stadt Plauen. KARO finanziert sich - begrenzt bis zum Jahr 2004 - aus Mitteln der EU sowie einem Zuschuss des Freistaates Sachsen. Träger ist der „Obervogtländische Verein für Innere Mission Marienstift e.V.“.

Seit 1996 wurden durch regelmäßige teilnehmende Beobachtungen im Rahmen der Sozialarbeit systematisch alle Informationen über das Ausmaß der Kinderprostitution in der tschechischen Grenzregion des Bezirks Karlovy Vary (Karlsbad) gesammelt . Diese Daten wurden ergänzt durch mehr als 200 Interviews, die zwischen Oktober 1998 und Juni 2003 geführt wurden. Interviewt wurden 40 betroffene Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 17 Jahren, 100 erwachsene Prostituierte, die in der Region arbeiten, elf Mitarbeiter sozialer Einrichtungen, zehn Polizeibeamte sowie 50 Passanten an den Grenzübergängen.

Kinderprostitution an der deutsch-tschechischen Grenze - das Ausmaß:
Im deutsch-tschechischen Grenzgebiet hat sich seit 1996 ein regelrechter Markt für Kindersex entwickelt. Die kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Kindern in dieser Region hat stark zugenommen. Ein wichtiger Grund dafür ist die wachsende Nachfrage: Immer häufiger fragen Sextouristen gezielt nach Kindern. Dies zeigen die Beobachtungen Cathrin Schauers und des KARO-Teams ebenso wie die Interviews und Gespräche mit erwachsenen Prostituierten.

Seit 1996 haben die KARO-Mitarbeiter etwa 500 Mädchen und Jungen beobachtetn, die sich selbst zur Prostitution anboten oder von Erwachsenen angeboten wurden, die Jüngsten davon waren noch im Säuglingsalter. Die Kinder wurden vor allem entlang der Europastraßen E 48 und E 49 und an den kleinen Verbindungsstraßen zu den Grenzübergängen sowie in grenznahen Ortschaften gesehen.

Die Mädchen und Jungen halten sich an Tankstellen, Bushaltestellen oder Raststätten auf. Innerhalb der Ortschaften findet man sie auch in Parks, vor Supermärkten und Eingängen von Spielhallen, am Bahnhof oder in Hauseinfahrten. In einer Kleinstadt wurde beobachtet, wie sich Kinder an den Fenstern bordellähnlicher Einrichtungen präsentierten. In manchen Straßenvierteln warten die Kinder in Autos oder am Fenster von Wohnhäusern auf die Sextouristen. Auch Frauen mit Kleinkindern oder sogar Säuglingen auf dem Arm halten hier Ausschau nach Sextouristen.

Säuglinge und Kinder bis zum Alter von etwa sechs Jahren werden den Sextouristen meist von Frauen angeboten. Kinder ab etwa sieben Jahre werden oft von männlichen Jugendlichen oder Erwachsenen begleitet. Auf Parkplätzen oder vor Supermärkten fallen immer wieder kleine Kinder auf, die nur deutsche Männer ansprechen: („Kannst Du mich ein bisschen mitnehmen“) und um Geld oder Essen betteln („ Kannst Du mir ein Eis kaufen?). Viele steigen bei deutschen Sextouristen ins Auto und fahren mit ihnen weg. Die größeren Kinder ab etwa acht Jahre verhandeln oft wie selbstverständlich über Preise und Sexualpraktiken. Sie bieten sich an mit Fragen wie „Willst du Sex? Willst du blasen? Willst du ficken?“.

Die Männer fahren mit ihren Opfern fast immer allein im Auto zu Orten, die sie „Stichplätze“ nennen, damit sie die Kinder dort unbeobachtet missbrauchen können. Diese Plätze befinden sich an Stadträndern, in nahe gelegenen Waldstücken, in der Nähe von Parkanlagen und abgelegenen Garagen oder in unbelebten Seitenstraßen. Oder die Peiniger gehen mit ihren Opfern - manchmal in Begleitung des Zuhälters - in eine Wohnung in der Nähe des Standplatzes.

Die Opfer
Die 40 Kinder, die im Rahmen der Untersuchung ausführlich interviewt wurden, waren zwischen sechs und 17 Jahren alt. Sie kommen aus sozial benachteiligten, verarmten und kinderreichen Familien der Regionen Westböhmen, Nordböhmen, Südböhmen und der Slowakei. Die Eltern sind meist arbeitslos, viele sind drogen- und / oder alkoholabhängig, einige sitzen im Gefängnis. Die Kinder fallen oft durch ihr verwahrlostes Äußeres auf, sie besuchen nur selten die Schule und sind täglich damit beschäftigt, den Lebensunterhalt für ihre Familie zu verdienen.

Die befragten Kinder reden nur ungern über ihre Familien. Viele von ihnen wurden bereits vor ihrem Einstieg in die Prostitution vergewaltigt und sexuell missbraucht. Soziale Armut, sexueller Missbrauch sowie der Zwang durch Familienangehörige - das sind die wesentlichen Gründe, mit denen die Kinder beschreiben, warum sie in der Prostitution gelandet sind. Wie sehr die Armut der Familien den Einstieg in die Prostitution fördert, beschreibt exemplarisch der zwölfjährige Karel. „Früher habe ich gebettelt an den Autos der Deutschen. Wir haben kein Geld zu Hause. Dann bin ich eben mit denen mitgefahren.“

Als Bezahlung erhalten die Kinder meist fünf bis 25 Euro. Manchmal gibt es auch nur Süßigkeiten. Einige Sextouristen gehen mit den Kindern auch Essen oder unterstützen die Familien materiell. „ Der K. schläft manchmal bei uns und dann geht der mit meiner Mutter einkaufen“, berichtet Petr, 13.

Alle Kinder berichten über Gewalt, die ihnen Zuhälter und Sextouristen antun. Kinder werden ins Gesicht geschlagen, an den Haaren gezogen und mit Füßen getreten. Die Sozialarbeiter beobachten häufig schwere Blutergüsse - bis hin zu schweren Schnittverletzungen im Genitalbereich. Sextouristen setzen die Kinder teilweise ohne Kleidung an den „Stichplätzen“ aus. Ein Kind wurde gefesselt zurückgelassen. Der elfjährige Antonin erzählt im Interview: „Ein Deutscher hat mich im Auto gefesselt und mir den Mund zugeklebt“. Vor allem die Mädchen berichten zudem von Gewalt in ihrer Familien. Danka, 14, erzählt: „Wenn mein Vater und mein Bruder besoffen sind, dann schlagen sie mich immer.“ Die Zuhälter
Die beobachteten Zuhälter kommen aus Tschechien oder der Slowakei, vereinzelt gab es männliche vietnamesische Zuhälter. Die Interviews mit erwachsenen Prostituierten und Gespräche mit Sextouristen ergaben, dass sie nicht selten von organisierten Strukturen als Mittelsmänner oder Handlanger eingesetzt werden. Oft sind die Zuhälter Verwandte der Opfer: Mütter, Großmütter, andere Familienangehörige oder auch Bekannte der Familie. Einige der Mütter arbeiten auch selbst als Prostituierte. „Meine Mama hat mir gesagt, wie ich das machen muss“, erklärt die zehnjährige Iveta im Interview. Auch ältere Kinder, die schon länger in der Prostitution arbeiten, werden oft als Aufpasser eingesetzt, oder sie müssen die Jüngeren anlernen. Schon 13-jährige vermitteln jüngere Kinder.

Die Täter
Die Täter sind vorwiegend deutsche Sextouristen aus den angrenzenden Regionen der Bundesländer Bayern und Sachsen - erkennbar an den Autokennzeichen. Immer häufigerkommen aber auch Wagen aus ganz Deutschland, aus Österreich und Italien. Auch USamerikanische Kennzeichen wurden beobachtet. Die Sextouristen reisen fast immer alleine an
-meist mit Mittel- und Oberklassewagen, manchmal auch in Kleinbussen mit verdunkelten Scheiben. Ihr Alter liegt zwischen 18 und 80 Jahren, unter ihnen ebenso gepflegte wie verwahrloste Männer. Es gibt Freier, die mehrmals wöchentlich anreisen, andere kommen in größeren Abständen. Als Erklärung, warum sie Kinder als Sexpartner missbrauchen, geben einige an: bei jüngeren Prostituierten müssten sie noch nicht mit Geschlechtskrankheiten oder AIDS rechnen.

Kinderhandel
Die Untersuchung gibt eindeutige Hinweise auf organisierten Kinderhandel. Kinder aus anderen Regionen der tschechischen Republik und aus mittel- und osteuropäischen Staaten werden in die Grenzregionen oder von dort aus nach Deutschland verkauft, um sie sexuell auszubeuten. So wurden in der Grenzregion Kinder aus entfernten Regionen Tschechiens, aus der Slowakei und weiteren Ländern, zum Beispiel Moldawien, Ukraine, Litauen und Weißrussland, beobachtet und befragt. Ihre Aussagen sowie insbesondere die Interviews mit erwachsenen Prostituierten machen deutlich, dass Zuhälterbanden systematisch Minderjährige in die deutsch-tschechische Grenzregion verschleppen und zur Prostitution zwingen.

Ein Mädchen aus Ostmähren berichtete einer KARO-Mitarbeiterin, dass ein Bekannter ihrer Familie sie in den Sommerferien von zu Hause weggebracht habe. In der Nähe der deutschen Grenze wurde sie mit anderen 12- bis 14-jährigen in einem Zimmer untergebracht. Ihre Zuhälter boten sie am Straßenrand zur Prostitution an. Nach dem Gespräch mit KARO verschwand das Mädchen. Auf die Frage nach ihrem Verbleib gaben die erwachsenen Prostituierten, die in der Nähe arbeiteten, ein knappes „Verkauft!“ zur Antwort.

Einige der Prostituierten haben bereits eine Odyssee durch mehrere Länder Europas hinter sich. Marketa aus Nordböhmen zum Beispiel wurde mit 14 in die Prostitution verkauft. Zunächst arbeitete sie in einem Bordell in einer tschechischen Großstadt. Von dort aus wurde sie über mehrere Stationen in die Grenzregion verkauft. Später kam sie zusammen mit anderen Mädchen in einem Taxi über die Grenze nach Deutschland und dann weiter nach Straßburg. Hier warteten wieder Zuhälter auf sie, die sie auf den Straßenstrich zwangen.

Mehrere der interviewten Kinder berichteten, dass sie mit ihren Zuhältern oder mit Sextouristen in Deutschland und auch in Frankreich gewesen sind. Einige fahren an Wochenenden mit Sextouristen nach Deutschland und bleiben auch längere Zeit dort.
„Manchmal fahre ich mit den Deutschen über die Grenze. Da gehen wir in den Wald, und meine Mama ist auch mit“, erzählt der sechsjährige Frantisek.

(alle Namen Betroffener wurden geändert)


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