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ISSN 1610-0611
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Gesundheit der irakischen Bevölkerung bedroht

ÄRZTE OHNE GRENZEN kritisiert:
Irakisches Gesundheitssystem erhält keine Unterstützung durch USA
Gesundheit der irakischen Bevölkerung bedroht

- Die internationale Organisation ÄRZTE OHNE
GRENZEN fordert die US-geführte Allianz in ihrer Eigenschaft als
Besatzungsmacht erneut auf, die medizinische Versorgung im Irak
sicherzustellen. Diese Verpflichtung ist im humanitären Völkerrecht
verankert und laut ÄRZTE OHNE GRENZEN bislang nicht erfüllt worden. Der
Organisation zufolge ist die Gesundheit der irakischen Bevölkerung bedroht,
da dringende medizinische Bedürfnisse nicht abgedeckt und die Krankenhäuser
desorganisiert sind.

"Obwohl der Krieg monatelang geplant war und Bagdad bereits seit drei Wochen
von den US-Streitkräften besetzt ist, funktionieren die Krankenhäuser in der
Hauptstadt noch immer nicht", sagte Morten Rostrup, internationaler
Präsident von ÄRZTE OHNE GRENZEN. Der Arzt ist gerade von einem
sechswöchigen Einsatz in Bagdad zurückgekommen. "Das Chaos in Bagdad und
anderen Städten hat dazu geführt, dass das Gesundheitssystem
zusammengebrochen ist. Dabei ist die medizinische Versorgung nach der
Bombardierung und den anhaltenden Unruhen gerade jetzt besonders wichtig."

ÄRZTE OHNE GRENZEN zufolge haben die Amerikaner sich vor allem um den Aufbau
der Verwaltung gekümmert und dabei die medizinische Versorgung der
Verwundeten vergessen. Auch die Sicherheit der Krankenhäuser und des
medizinischen Personals ist nicht gewährleistet. In Bagdad wurden viele
Krankenhäuser geplündert und sind noch immer verwahrlost. Darüber hinaus
gibt es noch keine organisierten Krankentransporte für Notfälle.

Kriegsverwundete, die während der ersten Tage der Besatzung aus den
Krankenhäusern flohen oder entlassen wurden, wissen nicht, wo sie
weiterbehandelt werden können. Viele von ihnen haben schwere Verletzungen
oder wurden amputiert. Da die Krankenhäuser auch heute noch nicht richtig
funktionieren, werden viele Patienten noch immer sehr früh entlassen.
Menschen mit chronischen Krankheiten wie Diabetes, Nierenleiden oder
Epilepsie wissen nicht, wo sie dringend benötigte Medikamente erhalten
können. Zudem haben irakische Ärzte sowie Krankenschwestern und Pfleger
keinen Lohn erhalten. In Bagdad und anderen Landesteilen hat ÄRZTE OHNE
GRENZEN Fälle von lebensbedrohlichen Krankheiten wie Kala Azar oder
Tuberkulose festgestellt, die nicht behandelt werden können, da die
Medikamente fehlen.

ÄRZTE OHNE GRENZEN versucht, die Lücken in der medizinischen Versorgung in
Bagdad und anderen Städten zu schließen, indem Medikamente, medizinisches
Material sowie personelle Unterstützung bereitgestellt werden. Die größte
Herausforderung ist jedoch nach Ansicht der Organisation, dass klare
Leitungsstrukturen in den Krankenhäuser und im gesamten Gesundheitssektor
fehlen. Darüber gibt es bislang keine konkreten Pläne, wie die dringenden
medizinischen Probleme gelöst werden können.

"Glücklicherweise haben unsere Teams im Irak bislang keine Anzeichen für
Epidemien oder akute Unterernährung gefunden, die ein Indikator für eine
größere medizinische Katastrophe sind", so Rostrup. "Dennoch gibt es große
medizinische Bedürfnisse, die bislang nicht gedeckt werden. Jede weitere
Verzögerung im Wiederaufbau der notwendigen Gesundheitsstrukturen kostet
Menschenleben und erhöht das Risiko, dass Epidemien ausbrechen oder andere
Gesundheitsprobleme auftauchen."


Washington/Berlin, 2. Mai 2003.

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