Ein Irak-Krieg wäre der Weg in die Hölle für alle
Daniel Ellsberg schreibt über Vietnam und Irak
In seinem ersten Leben beriet Daniel Ellsberg die US-Army in Vietnam. 1971 wechselte er in sein zweites Leben: Er schmuggelte die "Pentagon Papers" aus dem Verteidigungsministerium und gab sie der New York Times. Die geheimen Akten belegten, dass die Regierung schon lange wusste, in welches Unheil Amerika hineinschlitterte. Dafür bezahlte Ellsberg teuer: Er wurde entlassen und landete auf Betreiben von Präsident Richard Nixon in der Psychiatrie. Heute kämpft er gegen den Irak- Krieg. Sein neues Buch "Secrets" befasst sich mit Vietnam.
Herr Ellsberg, warum schreiben Sie heute noch über den Vietnamkrieg?
Weil ich ein neues Vietnam im Irak verhindern will. Wir erinnern uns nur noch an den Zweiten Weltkrieg, den guten Krieg, aber nicht an Vietnam - da kämpften wir für das Falsche, und verloren. Aber wer sich an die Vergangenheit nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.
Sie die USA in Gefahr, Vietnam zu wiederholen?
Wir erkennen die Ähnlichkeit nicht, weil uns der 11. September blendet. Eine solche Bedrohung haben wir Amerikaner vorher ja nie erfahren. Deshalb kann uns der Präsident hinters Licht führen, indem er Saddam Hussein mit Osama Bin Laden verbindet.
Ist Hussein denn nicht ebenfalls eine Gefahr für Amerika?
Nur, wenn er attackiert wird. Dann könnte er etwa seine Waffen an El Kaida weitergeben. Oder er könnte Nervengas gegen unsere Truppen verwenden. Wir würden dann wahrscheinlich die Atombombe einsetzen, zum ersten Mal seit Nagasaki. Das ist der Weg in die Hölle, für alle.
Warum, denken Sie, will Bush überhaupt in den Krieg ziehen?
Öl. Und es geht auch um das Öl von Saudi-Arabien. Die in Washington haben das Gefühl, die Saudis gleiten uns aus der Hand. Eigentlich wäre es logisch, Saudi-Arabien anzugreifen, da kommen schließlich die Attentäter her. Übrigens ist es das oberste Ziel von Osama Bin Laden, das Herrscherhaus von Saud zu stürzen - darin liegt eine gewisse Ironie.
Die Saudis sind Alliierte der USA.
Das ließe sich rasch ändern. Aber der Irak ist eine bessere Basis für die CIA, sowohl um die Mullahs im Iran zu stürzen, als auch um die Ölfelder der Saudis zu besetzen. Dabei geht es nicht nur darum, das Öl zu bekommen - wir können Öl immer kaufen. Es geht darum, den Markt für Öl zu kontrollieren. Wer setzt den Weltmarktpreis fest? Wer setzt fest, dass Öl in Dollar bezahlt wird?
Ist das wirklich der einzige Grund?
Nein, daneben gibt es noch eine einflussreiche, israelfreundliche Lobby, die für den Irak-Krieg trommelt. Die hat sich mit den christlichen Fundamentalisten zusammengetan, die glauben, wenn Israel die Westbank besiedelt hat, kommt der Messias wieder. Und Bush jr. hört auf die, denn als sein Vater Präsident war, hat er sich deren Unterstützung nicht genügend versichert. Diesen Fehler will er nicht wiederholen. Und schließlich sind die Amerikaner in der Stimmung, Araber zu töten, auch wenn die mit El Kaida nichts zu tun haben.
Weil Bush den 11. September derart für seine politischen Ziele ausnutzt, gibt es ja auch diese Verschwörungstheorien, dass die US-Regierung die Attacke initiiert oder zumindest davon gewusst habe.
Ich finde die alle nicht sehr überzeugend. Sicher, die Regierung war auf irgendeine große Attacke vorbereitet. Sie haben den U.S. Patriot Act, das Gesetz zur Einschränkung der Bürgerrechte im Namen der Terrorbekämpfung, wenige Tage nach dem Anschlag präsentiert, und der hat 200 Seiten. Aber ich habe noch nirgends Beweise gesehen, dass die Regierung wusste, was konkret am 11. September geschehen würde. Kann man das ausschließen? Nein. Wären die dazu fähig? O ja. Aber haben sie es wirklich getan?
Hat damals die Veröffentlichung der Pentagon Papers etwas verändert?
Das war ein wichtiger Schub für die Friedensbewegung in den USA. Als Hanoi Weihnachten 1972 elf Tage lang bombardiert wurde, wurde die gleiche Feuerkraft eingesetzt wie gegen Nagasaki. Aber das kostete längst nicht so viele Menschenleben wie dort oder in Dresden, weil das Bombardement nicht als Feuersturm angelegt war. Das war ein Erfolg der Friedensbewegung.
Nach Ihrem Buch war Nixon auch bereit, die Atombombe einzusetzen.
Es gibt ein Protokoll vom 27. April 1969, wonach Nixon und Henry Kissinger, sein Außenminister, darüber diskutierten. Aber letztlich wagte Nixon das nicht, eben weil Millionen von Amerikanern gegen den Krieg auf die Straße gingen.
Sie teilen aber nicht die Meinung von Christopher Hitchens, dass Kissinger wegen seiner Rolle in Vietnam ein Kriegsverbrecher ist.
Doch, doch. Kissinger hatte keine Bedenken, die Regierung von Chile zu stürzen oder den Massenmord in Ost-Timor zu unterstützen oder die Bomben auf Kambodscha zu befehligen. Aber Kissinger hat nur die Wünsche Nixons erfüllt. Er wird heute attackiert, weil er Nixon überlebt hat. Er ist wie ein übrig gebliebener Nazi-Kriegsverbrecher. Wie Eichmann.
Sollte er vor den Internationalen Gerichtshof gestellt werden?
Ja, aber das wird nicht passieren. Mein Land hat nicht im entferntesten die Absicht, an sich die gleichen Maßstäbe anzulegen wie an andere.
Wie kann jemand wie Bob Kerrey, der in Vietnam zwei Dutzend Frauen und Kinder umgebracht hat, heute Direktor der New School in New York sein?
Ich finde das abstoßend. Seine Geschichte ist auch sehr widersprüchlich. Er sagte, es sei auf seine Soldaten geschossen worden und sie hätten zurückgefeuert. Erst danach hätten sie entdeckt, dass sie auf Zivilisten geschossen hatten. Hingegen sagte einer seiner Soldaten, sie hätten bewusst auf die Frauen und Kinder geschossen und alle getötet, zuletzt das Baby. Daraufhin sagte Kerrey, es gebe zwischen diesen beiden Versionen keinen großen moralischen Unterschied. Er sagt also den Platoon- Führern von heute, es gibt keinen Unterschied, Feuer von Soldaten zu erwidern oder Kinder zu massakrieren. Das ist ein Todesurteil gegen irakische Zivilisten.
Welche Art Widerstand gegen den Irak-Krieg halten Sie für sinnvoll?
Ich denke, dass nur gewaltloser Widerstand auf Dauer erfolgreich sein kann. War Pearl Harbor für die Japaner erfolgreich? Nein, es war ein Desaster.
Die Vietnamesen waren mit militärischem Widerstand erfolgreich.
Wäre Vietnam heute wirklich noch eine französische Kolonie, ohne den Krieg? Wahrscheinlich nicht. Ich habe mich oft gefragt, ob gewaltloser Widerstand gegen Hitler erfolgreich gewesen wäre. Es gab viele Generäle, die wussten, dass Hitler Deutschland ins Unglück führt, aber die hatten Angst, ihre gesellschaftliche Stellung zu riskieren. Deshalb taten sie nichts.
Hat nicht fast jeder diese Angst?
Mein Leben hatte sich geändert, als ich mich gefragt habe: Was kann ich tun, diesen Krieg zu beenden, wenn ich bereit bin, meine Karriere, meine Familie, meine Reputation, meine Freiheit aufzugeben. Plötzlich konnte ich eine Menge tun. Ich habe mir einmal überlegt: Vielleicht wäre es unsere Rettung, besiegt und von den Amerikanern besetzt zu werden. Und dann fiel mir ein: Moment mal - wir sind doch die Amerikaner. Es gibt also noch Hoffnung.
Das Gespräch führte Eva Schweitzer. attac 15.01.03
www.demo1502.de
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