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ISSN 1610-0611
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Wie viele Divisionen hat der Papst?


Wie viele Divisionen hat der Papst?

"Wie viele Divisionen hat der Papst?" fragte einst Stalin spöttisch. Vielleicht geht George W. Bush eine ähnliche Frage durch den Kopf, wenn er über die eindeutigen Worte des Papstes gegen den geplanten Irak-Feldzug nachdenkt. Divisionen hat der Papst nicht, aber seine Worte sind womöglich gewichtiger.



Gilt die "Lehre vom gerechten Krieg" der alten Kirchenlehrer jetzt nicht mehr? Ist der Papst ein Radikalpazifist im Sinne der Bergpredigt geworden? Gilt das christlich-jüdische "Du sollst nicht töten!" ohne Wenn und Aber?



Wenn dieser Papst Johannes Paul II. seine strikte Position gegen jede Tötung des ungeborenen Lebens auch nur halbwegs ernst meint, dann kann er gar nicht anders, als dem US-Präsidenten mitten in seinen Kriegsvorbereitungen in den Arm zu fallen und ihm heftig und grundsätzlich zu widersprechen. Seine Devise: Auch geborenes Leben ist heilig.



Krieg ist immer Massenmord. Der Golfkrieg des George Bush senior 1991 hat 340.000 Irakern das Leben gekostet. Ein US-General sagte schon vor einem halben Jahr: "Beim Irak-Krieg sind 100.000 Tote eingeplant." Ob das ausreicht? Ob die Zahl der Getöteten bei der möglichen Eskalation eines Krieges auf dem Pulverfass Nahost nicht noch viel höher wäre?



Diese Fragen kann heute niemand seriös beantworten. Aber wer moralischen Argumenten zugänglich ist, muss sie stellen.

Der Papst ist für hunderte Millionen Menschen noch immer eine Autorität - auch für wertkonservative Christen und Nichtchristen in den beiden deutschen "C"-Parteien. Deshalb hat die Frage des CSU-Bundestagsabgeordneten Peter Gauweiler, ob die C-Partei eher Bush oder eher dem Papst folgen wollen, für große Unruhe unter Deutschlands Konservativen gesorgt. Der frühere CSU-Bundesminister Carl-Dieter Spranger meint: Bushs Irak-Politik sei "nicht mehr nachvollziehbar". Es gebe "keinerlei Fakten, die einen Krieg rechtfertigten".







Ein Radikalpazifist ist der Papst, wenn er jetzt sagt: "Krieg ist niemals ein unabwendbares Schicksal. Krieg bedeutet immer eine Niederlage für die Menschheit." Auch die katholischen Bischöfe der Bundesrepublik vermeiden seit einigen Jahren das zweideutige Wort vom "Gerechten Krieg". Sie sprechen statt dessen nur noch vom "Gerechten Frieden". Zu oft sind "Gerechte Kriege" für die schlimmsten Verbrechen missbraucht worden.



Die Friedensinitiative des polnischen Papstes und die weltweiten positiven Reaktionen darauf zeigen, was ein moralischer Global Player bewirken kann. Divisionen braucht ein Papst oder ein Dalai Lama nicht, um Druck auf Realpolitiker auszuüben. Johannes Paul II. hat schon den Golfkrieg verurteilt, später den Krieg im Kosovo. Verhindern konnte der Papst diese Kriege freilich nicht.



Doch dieses Mal ist die Situation anders. Washington war in seinen Kriegsvorbereitungen noch nie so isoliert wie heute. Wenn zur Zeit bei Umfragen 78 Prozent der Deutschen und Franzosen und über 50 Prozent der Engländer einen Angriffskrieg gegen den Irak ablehnen, dann beweisen diese Zahlen, wie viele Menschen eher auf der Seite des Papstes als auf der Seite des US-Präsidenten stehen.

Der Papst ist kein Radikalpazifist, wenn er darauf hinweist, dass ein Krieg als letztes Mittel erlaubt sei, "wenn die Zivilbevölkerung Gefahr läuft, den Schlägen eines ungerechten Angreifers zu erliegen und die Anstrengungen der Politik und die Mittel gewaltloser Verteidigung nichts fruchteten". Johannes Paul II. ist mit dieser Position ein Realpazifist - ähnlich wie viele grüne Politiker und politisch engagierten Christen.

Der Chef-Katholik sieht die Voraussetzungen für einen legitimen Krieg im Irak nicht erfüllt. Der Papst will in den nächsten Tagen schon einen Friedenskurier nach Washington und nach Bagdad schicken - ganz ohne Divisionen. Aber mit überzeugenden moralischen Positionen. Die päpstliche Botschaft orientiert sich an der Politik der Bergpredigt. Und diese heißt: Frieden ist möglich.




Dr. Franz Alt Telefon: 07221-31540 Internet: http://www.sonnenseite.com
76530 Baden-Baden Fax: 07221-25064 Email: franzalt@sonnenseite.com
Zum Keltenring 11

Baden-Baden, 15. Jan. 2003



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