Subject: Friedensbewegung ist alles andere als "antiamerikanisch"
- Friedensratschlag weist Vorwürfe des "Bündnisses gegen Antisemitismus" zurück - Für die Vorwürfe gibt es keinerlei Belege - Kritik an US-Regierung ist nicht antiamerikanisch, sondern pro-amerikanisch - Rechtsradikale sind Feinde der Friedensbewegung
Der Bundesausschuss Friedensratschlag weist die Kritik des sog. "Bündnisses gegen Antisemitismus" an der Berliner Friedensdemonstration entschieden zurück. Der darin erhobene Vorwurf, die Friedensbewegung würde antisemitische und antiamerikanische Vorurteile und Stimmungen bedienen und sich nicht deutlich genug von rechtsradikalen Gruppierungen abgrenzen, ist völlig aus der Luft gegriffen. Zu solchen Verdächtigungen geben weder der Demonstrationsaufruf, noch die Zusammensetzung des Trägerkreises noch die auf der Kundgebung gehaltenen Reden und Beiträge auch nur den geringsten Anlass.
Es ist bezeichnend für die Art der Kritik des "Bündnisses", dass die Vorwürfe an keiner Stelle konkret belegt werden. Die Beispiele dafür, dass die Demonstration angeblich von Antiamerikanismus "geprägt" waren, sind mehr als dürftig: Ist es denn, so fragen wir zurück, "antiamerikanisch", wenn man der US-Administration einen "Willen zur Weltherrschaft" unterstellt? Wer die Präsidentendirektive zur "Neuen Nationalen Sicherheitsstrategie" vom September 2002 liest, kann doch nur zu dem Schluss kommen, dass die USA unter allen Umständen die größte und einzige Weltmacht bleiben wollen. Ist es "antiamerikanisch", wenn wir das "amerikanische Establishment" (wir sprechen viel lieber von der US-Regierung, denn der Establishment-Begriff ist viel zu ungenau und erfasst vermutlich auch viele US-Bürger, die ebenfalls gegen den geplanten Krieg sind) "Kriegstreiber" nennen? Wie soll man Politiker und ihre Berater, die mit viel Energie und öffentlicher Propaganda einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg vorbereiten, denn sonst nennen? Was der Friedensbewegung darüber hinaus vorgeworfen wird, ist zu dumm, um darauf antworten zu müssen: Niemand in der Friedensbewegung identifiziert die USA "mit Geld und kaltem Interesse" und niemand in unseren Reihen spricht von "Kulturlosigkeit der Amerikaner".
Wer Kritik an der US-Administration mit Antiamerikanismus verwechselt, dem wollen wir zwei Zitate ins Stammbuch schreiben. Eines von Heinrich Böll von der großen Friedensdemonstration 1981 in Bonn: "Wir sind nicht anti-amerikanisch, wenn wir gegen eine bestimmte Politik einer bestimmten - einer! - amerikanischen Regierung uns wehren." Das andere Zitat stammt von Heinrich August Winkler, Historiker an der Humboldt-Universität Berlin, der vor wenigen Tagen in der ARD-Sendung "Monitor" sagte: "... der Protest gegen die Präventivkriegs-Strategie des jetzigen amerikanischen Präsidenten oder die Irak-Politik der derzeitigen amerikanischen Administration, der ist nicht anti-amerikanisch, der ist zutiefst pro-amerikanisch. Denn im Grunde berufen sich die Kritiker auf eine der größten Errungenschaften der Vereinigten Staaten: The rule of law - die Herrschaft des Rechts."
Infam wird das "Bündnis", wenn es der Friedensbewegung unterstellt, sie habe rechtsradikale Gruppen zur Demonstration "eingeladen". Wir laden rechtsradikale Gruppen nicht ein. Wir müssen sie aber auch nicht extra ausladen, weil sie per definitionem nicht zur Friedensbewegung gehören. Rechtsradikalismus in Deutschland zeichnet sich durch obrigkeitsstaatliches, nationalistisches und rassistisches (auch antisemitisches) Gedankengut aus, das mittels einer militärischen Organisation, dem Mechanismus von Befehl und Gehorsam und einer elitären Haltung gegenüber allem Fremden grundsätzlich gewaltbereit und kriegerisch ist. Somit schließen sich Friedensbewegung und Rechtsradikalismus von vorneherein aus. Wenn rechte Grüppchen aus populistischen Gründen versuchen, sich in eine große Friedensdemonstration einzuschleichen, dann ist das nicht der Friedensbewegung anzulasten. Rechte Sekten hatten auch in Berlin keine Chance.
Der Bundesausschuss Friedensratschlag bedauert sehr, dass unter den Unterzeichnern des "Offenen Briefs" des "Bündnisses gegen Antisemitismus" auch Menschen sind, deren persönliche Integrität, politische Aufrichtigkeit und entschiedene antifaschistische Haltung unumstritten sind. Umso mehr sind wir enttäuscht darüber, dass sie sich zu "Plänen zu einem gewaltsamen ‚Regime-Change’" bekennen und dies einem, wie sie es nennen, "abstrakten Wunsch nach Frieden" entgegensetzen.
Der Wunsch nach Frieden und die Ablehnung des Krieges sind in der Friedensbewegung nach der Großdemonstration vom 15. Februar ungebrochen.
Für den Bundesausschuss Friedensratschlag: Peter Strutynski (Sprecher) Kassel, den 18. Februar 2002
|