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ISSN 1610-0611
Newsletter


Bundesausschuss Friedensratschlag

Subject: Friedensbewegung ist alles andere als "antiamerikanisch"

- Friedensratschlag weist Vorwürfe des "Bündnisses gegen Antisemitismus"
zurück
- Für die Vorwürfe gibt es keinerlei Belege
- Kritik an US-Regierung ist nicht antiamerikanisch, sondern
pro-amerikanisch
- Rechtsradikale sind Feinde der Friedensbewegung

Der Bundesausschuss Friedensratschlag weist die Kritik des sog.
"Bündnisses gegen Antisemitismus" an der Berliner Friedensdemonstration
entschieden zurück. Der darin erhobene Vorwurf, die Friedensbewegung
würde antisemitische und antiamerikanische Vorurteile und Stimmungen
bedienen und sich nicht deutlich genug von rechtsradikalen Gruppierungen
abgrenzen, ist völlig aus der Luft gegriffen. Zu solchen Verdächtigungen
geben weder der Demonstrationsaufruf, noch die Zusammensetzung des
Trägerkreises noch die auf der Kundgebung gehaltenen Reden und Beiträge
auch nur den geringsten Anlass.

Es ist bezeichnend für die Art der Kritik des "Bündnisses", dass die
Vorwürfe an keiner Stelle konkret belegt werden. Die Beispiele dafür,
dass die Demonstration angeblich von Antiamerikanismus "geprägt" waren,
sind mehr als dürftig:
Ist es denn, so fragen wir zurück, "antiamerikanisch", wenn man der
US-Administration einen "Willen zur Weltherrschaft" unterstellt? Wer die
Präsidentendirektive zur "Neuen Nationalen Sicherheitsstrategie" vom
September 2002 liest, kann doch nur zu dem Schluss kommen, dass die USA
unter allen Umständen die größte und einzige Weltmacht bleiben wollen.
Ist es "antiamerikanisch", wenn wir das "amerikanische Establishment"
(wir sprechen viel lieber von der US-Regierung, denn der
Establishment-Begriff ist viel zu ungenau und erfasst vermutlich auch
viele US-Bürger, die ebenfalls gegen den geplanten Krieg sind)
"Kriegstreiber" nennen? Wie soll man Politiker und ihre Berater, die mit
viel Energie und öffentlicher Propaganda einen völkerrechtswidrigen
Angriffskrieg vorbereiten, denn sonst nennen?
Was der Friedensbewegung darüber hinaus vorgeworfen wird, ist zu dumm,
um darauf antworten zu müssen: Niemand in der Friedensbewegung
identifiziert die USA "mit Geld und kaltem Interesse" und niemand in
unseren Reihen spricht von "Kulturlosigkeit der Amerikaner".

Wer Kritik an der US-Administration mit Antiamerikanismus verwechselt,
dem wollen wir zwei Zitate ins Stammbuch schreiben. Eines von Heinrich
Böll von der großen Friedensdemonstration 1981 in Bonn: "Wir sind nicht
anti-amerikanisch, wenn wir gegen eine bestimmte Politik einer
bestimmten - einer! - amerikanischen Regierung uns wehren."
Das andere Zitat stammt von Heinrich August Winkler, Historiker an der
Humboldt-Universität Berlin, der vor wenigen Tagen in der ARD-Sendung
"Monitor" sagte: "... der Protest gegen die Präventivkriegs-Strategie
des jetzigen amerikanischen Präsidenten oder die Irak-Politik der
derzeitigen amerikanischen Administration, der ist nicht
anti-amerikanisch, der ist zutiefst pro-amerikanisch. Denn im Grunde
berufen sich die Kritiker auf eine der größten Errungenschaften der
Vereinigten Staaten: The rule of law - die Herrschaft des Rechts."

Infam wird das "Bündnis", wenn es der Friedensbewegung unterstellt, sie
habe rechtsradikale Gruppen zur Demonstration "eingeladen". Wir laden
rechtsradikale Gruppen nicht ein. Wir müssen sie aber auch nicht extra
ausladen, weil sie per definitionem nicht zur Friedensbewegung gehören.
Rechtsradikalismus in Deutschland zeichnet sich durch
obrigkeitsstaatliches, nationalistisches und rassistisches (auch
antisemitisches) Gedankengut aus, das mittels einer militärischen
Organisation, dem Mechanismus von Befehl und Gehorsam und einer elitären
Haltung gegenüber allem Fremden grundsätzlich gewaltbereit und
kriegerisch ist. Somit schließen sich Friedensbewegung und
Rechtsradikalismus von vorneherein aus. Wenn rechte Grüppchen aus
populistischen Gründen versuchen, sich in eine große
Friedensdemonstration einzuschleichen, dann ist das nicht der
Friedensbewegung anzulasten. Rechte Sekten hatten auch in Berlin keine
Chance.

Der Bundesausschuss Friedensratschlag bedauert sehr, dass unter den
Unterzeichnern des "Offenen Briefs" des "Bündnisses gegen
Antisemitismus" auch Menschen sind, deren persönliche Integrität,
politische Aufrichtigkeit und entschiedene antifaschistische Haltung
unumstritten sind. Umso mehr sind wir enttäuscht darüber, dass sie sich
zu "Plänen zu einem gewaltsamen ‚Regime-Change’" bekennen und dies
einem, wie sie es nennen, "abstrakten Wunsch nach Frieden"
entgegensetzen.

Der Wunsch nach Frieden und die Ablehnung des Krieges sind in der
Friedensbewegung nach der Großdemonstration vom 15. Februar ungebrochen.

Für den Bundesausschuss Friedensratschlag:
Peter Strutynski (Sprecher)
Kassel, den 18. Februar 2002


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