Ausschreibung: Die Schweizerische Gemeinnuetzige Gesellschaft fördert Forschung zu Freiwilligkeit
Vorgeschichte
Im Internationalen Jahr der Freiwilligenarbeit hat sich die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) intensiv eingesetzt. So übernahm ihre Präsidentin, Judith Stamm, zusätzlich auch das Präsidium der nationalen Trägerorganisation, des iyv.forum.ch. Daneben war die SGG die Initiantin erster Studien zur Frage der Freiwilligenarbeit: Ostendorp/ Ostendorp/ Wehner/ Ammann: Was macht den Erfolg von Freiwilligeninitativen aus? 01, Ammann: Schweizer Firmen nehmen Freiwilligkeit ernst. 01, Ammann: Von Freiwilligkeit sei die Rede1.
Auf Grund dieser Erfahrung gab sie einen Bericht zum Stand der Forschung zum Thema Freiwilligkeit in der Schweiz in Auftrag.
Der Bericht ergab folgendes Fazit:
- Die bisherigen Forschungsaktivitäten sind weitgehend dem Zufall überlassen, eine Systematik und Kontinuität fehlt weitgehend.
- Aussagen über Freiwilligkeit, bzw. ihre verschiedenen Ausdrucksformen sind häufig von ideologisch/weltanschaulichen Haltungen, weniger von Sachwissen geprägt.
- Wissen zum Thema Freiwilligkeit ist wenig entwickelt und dezentral vorhanden.
Die SGG baut ihr Engagement für Gemeinnützigkeit seit ihrer Gründung im Jahre 1810 auf das freiwillige Engagement ihrer Mitglieder und der Bevölkerung unseres Landes. In gleicher Weise sieht sie sich dem Gedankengut der Aufklärung verpflichtet. So liegt es nahe, dass sie sich entschloss, in den nächsten Jahren angewandte und praxisrelevante Forschung im Bereich Freiwilligkeit zu fördern. Sie hat zu diesem Zweck einen Kredit gesprochen und eine "Kommission Forschung Freiwilligkeit" eingesetzt.
Verständnis von Freiwilligkeit
Unter Freiwilligkeit verstehen wir eine Haltung und ein Verhalten von Individuen, die Güter, welche ihnen zur Verfügung stehen, der Allgemeinheit oder ausgewählten Teilen der Allgemeinheit ohne Entgelt oder direkte verpflichtende Gegenleistung zur Verfügung stellen. Dieses Handeln kann sich innerhalb von Organisationen oder auch ausserhalb, direkt von einem Individuum zum anderen oder einer Gruppe, abspielen. Güter, welche gegeben werden, können sein:
- Das eigene Arbeitsvermögen (Freiwilligenarbeit)
- Geld (Spenden)
- Naturalien und Infrastruktur
- Der eigene gute Ruf (Prestige).
Das gleiche Verhalten innerhalb des eigenen Haushalts oder der eigenen Familie fassen wir nicht unter Freiwilligkeit. Ebensowenig werden Tauschbeziehungen durch unseren Begriff der Freiwilligkeit abgedeckt.
Beispiele
Wir verzichten darauf, ein eigentliches Programm auszuschreiben. Die nachfolgenden Überlegungen dienen dazu, inhaltliche Anhaltspunkte darüber zu geben, was sich die Kommission Forschung Freiwilligkeit an möglichen Forschungsvorhaben vorstellen kann. Die angesprochenen Themen verstehen sich als Beispiele. Weder die gewählte Systematik noch die herausgegriffenen Fragen haben einen präjudizierenden Charakter.
Auf der Makroebene könnten sich u.a. folgende Fragen/Problemstellungen für eine wissenschaftliche Bearbeitung im Rahmen unserer Förderung anbieten:
- Sowohl in unserer Gesellschaft als auch weltweit werden immer umfassender die Güter und Dienstleistungen, welche wir beziehen, über das Medium Geld abgedeckt. Wir sprechen von einer zunehmenden Monetarisierung unseres Lebens. Es ist zu fragen, welchen Einfluss dieser Prozess auf die Freiwilligkeit und ihre Entwicklung hat, haben könnte.
- Es ist davon auszugehen, dass sich der Einsatz der Individuen entsprechend dem gesellschaftlichen Wandel im Verlauf der Zeit verändert, sowohl bezüglich der Ziele, der bevorzugten Einsatzgebiete, der Formen der Einsätze und allenfalls auch der zu leistenden Quantitäten. Es wäre denkbar, dass sich gesellschaftlicher Wandel im Segment der Freiwilligkeit früher oder deutlicher zeigt, als in anderen gesellschaftlichen Feldern. Freiwilligkeit könnte so gesehen als Seismograf für gesellschaftlichen Wandel verstanden und genutzt werden.
- Es ist davon auszugehen, dass zwischen staatlichen Leistungen (Sozialstaat, Kultur- und Sportförderung, gesetzliche Stellung der Kirchen usw.) und Freiwilligkeit eine Form der Interdependenz vermutet werden muss. Über diese Interdependenz, ihre Wirkungsweisen, ihre Rahmenbedingungen und Auswirkungen ist kaum etwas bekannt.
- Seit einiger Zeit wird versucht Freiwilligkeit volkswirtschaftlich zu erfassen. Vor allem bei der Freiwilligenarbeit ist das ein ausserordentlich schwieriger Versuch, mindestens so lange wir nicht mehr über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der verschiedenen Typen Arbeit wissen, vor allem aber über Erwerbsarbeit und Freiwilligenarbeit.
- Findet Freiwilligkeit, wie auch andere Ausdrucksformen unserer Kultur, unterschiedliche Aspekte der Ausprägung, je nach Schicht, nach ethnisch-kulturellen Wurzeln/Herkunft, nach Gender? Falls ja, sind in der Freiwilligkeit Parallelen zu anderen Bereichen der Lebensgestaltung zu finden, z.B. dem Erwerbsleben, der Interpretation der zentralen sozialen Rollen?
Auf der Mesoebene sind vorerst all die Organisationen wichtig, welche in irgend einer Form von Freiwilligkeit leben. Es muss allerdings offen bleiben, ob nicht auch der Staat mit seinen Organisationen Freiwilligkeit zu generieren oder zumindest zu nutzen vermag. Die Kommission geht davon aus, dass auch bei Unternehmen Freiwilligkeit direkt oder indirekt eine gewisse Rolle spielt.
- Auf dieser Mesoebene wird immer wieder die Frage nach dem Verhältnis zwischen Freiwilligkeit und Aktivitäten, welche vertraglich festgelegt und entschädigungspflichtig sind, diskutiert werden müssen. In welcher Weise beeinflusst das eine das andere? Welche Rahmenbedingungen in einer Organisation sind günstig, für die Erzeugung und Pflege der Freiwilligkeit? Was sind die Merkmale einer freiwilligkeitsfreundlichen Organisationskultur?
- Auch Organisationen unterliegen einem "Alterungsprozess", sowohl als Organisation selbst, als auch als Bestandteil der in ihnen konkretisierten gesellschaftlichen Institution. Wie wirkt sich dieser Prozess auf die Fähigkeit zur Erzeugung von Freiwilligkeit aus?
- Mit welchen Mitteln wird Freiwilligkeit durch die Organisation und innerhalb der Organisation gesteuert, bzw. erzeugt. Welche Vorgehensweisen sind erfolgreich, kurzfristig, langfristig? Welches sind die Erfolgsfaktoren in der Freiwilligenarbeit? Unterscheiden sie sich von denen anderer Formen der Arbeit?
- Es scheint evident zu sein, dass z.B. Sekten oder sektenähnliche Organisationen, also weitgehend geschlossene Organisationen, mittels "Freiwilligkeit" in kurzer Zeit eine grosse Quantität von organisationsinternem Reichtum zu schaffen in der Lage sind. Wo liegen die Grenzen von Freiwilligkeit, wo ist von Manipulation zu sprechen? In welcher Weise greifen Motivation zur Leistung von Freiwilligkeit seitens der Individuen und Angeboten der Gratifikation der Organisation ineinander?
Wenn Freiwilligkeit die Tugend eines Individuums ist, dann hat die Mikroebene ebenfalls eine grosse Bedeutung für Forschungsvorhaben. Auch auf dieser Ebene stellen sich eine Reihe von Fragen.
- Die Bereitschaft, Freiwilligkeit zu leben, scheint etwas mit der Persönlichkeit zu tun zu haben. Man wird davon ausgehen können, dass diese Bereitschaft über Sozialisation gefördert, bzw. behindert werden kann. Es stellt sich die Frage einer Freiwilligkeit förderlichen Sozialisation und den dazu gehörigen optimalen formellen und informellen Sozialisationsinstanzen.
- Freiwilligkeit kann auch als eine Kann-Norm der Rolle Bürgerin/Bürger verstanden werden. Wenn sie gleichzeitig auch als spezifischer Ausdruck einer Persönlichkeit gesehen wird, dann kann angenommen werden, dass sich Freiwilligkeit auch in anderen Rollen zu zeigen vermag, z.B. der Rolle der Angestellten oder in einer familiären Rolle. Diese Wechselbeziehungen besser zu kennen, dürfte für die Weiterentwicklung der Bereitschaft von Freiwilligkeit von Bedeutung sein.
- Die Frage der Motivation zur Freiwilligkeit und die individuell erwarteten direkten oder indirekten Gratifikationen können ausserordentlich unterschiedlich sein. Auch sie unterliegen verschiedenen individuellen und gesellschaftlichen Einflussfaktoren.
- Freiwilligkeit kann leisten, wer etwas entbehren kann. Die Frage, was entbehrenswert ist und weitergegeben werden soll, kann im Rahmen eines übergeordneten gesellschaftlichen Konsens von den einzelnen Individuen sehr unterschiedlich und innerhalb eines grossen Spektrums beantwortet werden.
Evaluation der Anträge
Eingereichte Anträge werden von der Kommission nach folgenden qualitativen Kriterien evaluiert:
- Die Relevanz für die soziale, politische und kulturelle Praxis der Freiwilligkeit muss dem Forschungsvorhaben zu Grunde gelegt werden und muss benannt sein.
- Interdisziplinäre Ansätze werden engeren, spezifisch-disziplinären Ansätzen vorgezogen.
- Empirische Forschungsdesigns werden bevorzugt.
- Verbindungen zu ausländischen Arbeiten werden angestrebt bzw. bevorzugt.
- Der Nachweis für die wissenschaftliche Qualifikation des Antragstellers muss erbracht sein.
- Die Kommission behält sich den Beizug von externen Gutachtern vor. Im Falle von umfangreicheren Forschungsvorhaben mit einer Summe von über Fr. 100'000.- werden jedenfalls externe Gutachten eingeholt.
Ferner gelten folgende strukturelle bzw. finanzielle Kriterien:
- Es wird angestrebt, dass die Mittel der SGG in jedem Projekt nochmals mindestens die gleiche Menge an Drittmitteln auszulösen vermögen. Gesuchsteller haben einen entsprechenden Nachweis zu erbringen. Allfällige positive Entscheide werden gegebenenfalls mit einer entsprechenden Auflage verbunden.
- Auftragsforschung von Organisationen kann nur dann berücksichtigt werden, wenn sie von allgemeinem, über die Organisation hinaus gehendem Interesse ist. Ein solches Interesse muss mit der Eingabe nachgewiesen werden.
- Partnerschaften mit wissenschaftlichen Einrichtungen werden angestrebt.
- Einzelanträge für Dissertationen werden nur in Ausnahmefällen unterstützt.
Umfang der Projekte
Zum Umfang der Projekte werden keine Einschränkungen gemacht.
Anforderungen an die einzureichenden Gesuche
- Die üblichen wissenschaftlichen Standards sind einzuhalten.
- Der Bezug zur Praxis, bzw. die angenommene Relevanz der Ergebnisse für die gesellschaftliche Umsetzung ist zu erläutern.
- In den Gesuchen sollen auch Angaben über Vorstellungen der Gesuchstellenden zur Diffusion des Wissens enthalten sein (Publikationen, Tagungen).
- Die Abgabe einer Publikation oder eines publikationsreifen Berichts erfolgt spätestens sechs Monate nach Beendigung des Projekts.
- Stichdaten für die Eingabe sind: 30. April und 31. Oktober 2003
Rekurs oder Wiedererwägung
Die Beschlüsse der Kommission Forschung Freiwilligkeit gelten abschliessend. Sie können allenfalls zur Wiedererwägung entgegen genommen werden.
Mitglieder der Kommission
Heinz Altorfer, Migros Kulturprozent
Dr. Herbert Ammann, Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft
Claude Bovay
Prof. Dr. Sandro Cattacin, Universität Neuenburg
Prof Dr. Mario von Cranach, Netzwerk für soziale Verantwortung der Wirtschaft
Dr. Peter Farago, Präsident, Landert, Farago, Davatz & Partner
Claire Jobin, Bundesamt für Statistik
Prof. Dr. Eva Nadai, Fachhochschule Solothurn Nordwestschweiz, Olten
Prof. Dr. Hans Ruh, erem. Universität Zürich
Prof. Dr. Heidi Schelbert, erem. Universität Zürich
Dr. Max Stierlin, Bundesamt für Sport
Dr. Anita Ulrich, Schweizerisches Sozialarchiv
Prof. Dr. Theo Wehner, ETH Zürich
Geschäftsleitung der Kommission Forschung Freiwilligkeit
Dr. Herbert Ammann, Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft,
Schaffhauserstrasse 7, 8042 Zürich 6
Gesuche sind an diese Adresse einzureichen. Sie werden nur postalisch entgegen genommen
Tel.: 01 366 50 30, mail: herbertammann@sgg-ssup.ch, www.sgg-ssup.ch
Angaben, welche im Gesuch enthalten sein müssen:
1. Forscherinnen / Forscher
- Name, Adresse, Telefon, mail, etc.
- akademische Befähigung, Titel
- bisherige Arbeiten, max. drei angeben
2. Forschungsthema
- Thema / Forschungsfragen
- Theoretische Fundierung, Hypothesen
- Methodisches Vorgehen
- Praxisrelevanz
- Vorstellungen zur Wissensdiffusion
3. Institutionelle Verbindungen
- zu anderen Forschenden
- zu Organisationen der Wissenschaft
- zu Organisationen der Praxis
4. Finanzen
- Budget, detailliert nach Personal- und Sachaufwand
- Finanzierungszusagen
- Liste der bisher eingereichten Finanzierungsgesuche
Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft
Société suisse d'utilité publique
Società svizzera di utilità pubblica
SGG, Schaffhauserstrasse 7, 8042 Zürich, Tel 0041 1 366 50 30, Fax 0041 1 366 50 31 www.sgg.ssup.ch sgg-ssup.@bluewin.ch
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